Wandern mit all den andern

Beim Projekt "Wanderbrücke" überwindet man Hügel und Vorurteile

Die Sonne taucht die Hügel am anderen Ufer des Zürichsees in ein warmes Licht, während sich eine kleine Gruppe von Menschen am Waldrand von Zumikon versammelt. Stimmengewirr, Lachen und ein Hauch von Aufregung liegen in der Luft. Es ist Samstagmorgen, und die Teilnehmer der "Wanderbrücke", eines Projekts, das Menschen durchs Wandern verbindet, wollen losziehen.

 

Kiymet Isik ist eine der Gründerinnen. Die 35-Jährige hat dunkelbraune Augen, trägt eine Brille und einen kleinen Rucksack. Ein klassisches, hellbraunes Kopftuch rahmt ihr Gesicht ein. "Ich wollte schon immer etwas schaffen, das Menschen zusammenbringt. Ich muss zugeben, dass ich kein besonders sportlicher Mensch bin, aber ich würde es gerne werden", erzählt sie aufgeregt, und ihre Augen leuchten. "Wandern ist so viel mehr als nur ein Hobby. Es ist eine Möglichkeit, Menschen zu verbinden, unabhängig von ihrer Herkunft, Kultur oder Sprache."

 

Die Geschichte der Wanderbrücke beginnt vor zwei Jahren mit einem Wettbewerb der Schweizer Detailhandelskette Migros, die Projekte zur Förderung von Freundschaften suchte. Isik, die 2019 aus der Türkei geflohen ist, habe ihre Chance gesehen. Mit ihren Freundinnen Melissa Kaspar, einer Schweizerin, und Büsra Ilgün, einer weiteren Türkin, entwickelte sie das Konzept: Wanderungen, die nicht nur durch die Natur führen, sondern auch Brücken zwischen Kulturen schlagen. "Wir wollten einen Raum schaffen, in dem sich jeder willkommen fühlt." Als gelernte Chemikerin wolle sie chemische Reaktionen zwischen Menschen hervorrufen. "Aufgrund politischer Probleme verlor ich in der Türkei meine Arbeit. Als wir merkten, dass wir dort keine Zukunft mehr aufbauen können, musste ich mit meinem Mann und unseren beiden Kindern meine Heimat verlassen."

 

Die Wanderungen der Wanderbrücke werden seit 2024 organisiert. Sie variieren von Tour zu Tour. Einige sind länger und dauern zwischen sieben und acht Stunden, andere zwischen vier und fünf Stunden. "Mein bisher höchster Punkt war die Pizol-5-Seen-Wanderung auf 2506 Metern." Manche Wanderungen sind anstrengender und anspruchsvoller, während andere eher einem gemütlichen Spaziergang gleichen. So ist für jeden etwas dabei.

 

Als die Gruppe von Zumikon aus auf die rund zehn Kilometer lange Wanderung aufbricht, ist die Aufregung spürbar. "Niemand kennt den Weg, nicht einmal ich", lacht Kiymet. "Aber das ist der Sinn der Wanderung: gemeinsam etwas entdecken und erleben." Das plätschernde Wasser eines nahe gelegenen Baches scheint den Weg zu weisen, während die Vögel in den Bäumen ein fröhliches Konzert geben. Die Gruppe besteht heute aus 15 Personen, darunter sechs Türken, ein Ukrainer, fünf Schweizerinnen, jemand aus Sierra Leone und zwei Afghanen. Alle sind sportlich gekleidet und unterschiedlichen Alters; einige sind in ihren Zwanzigern, andere in ihren Dreißigern oder Sechzigern.

 

"Vor ungefähr zwei Jahren wählte eine Fachjury der Migros aus über 60 Projekten unseres unter die besten 15 aus. Diese wurden dann der Öffentlichkeit zur Abstimmung vorgelegt und die ersten zehn finanziell unterstützt", erläutert Isik. Die Wanderbrücke gehörte dazu. Man habe die Kosten für zwei Jahre berechnet und etwa 20 Wanderungen eingeplant. Die Kosten würden von der Migros getragen. Man müsse deshalb nichts für die Zugtickets bezahlen.

 

"In einem neuen Land ist es oft schwer, Kontakte zu knüpfen", erzählt ein türkischer Flüchtling, während die Gruppe einen Bach überquert und Isik ein Gruppenfoto macht. "Man fühlt sich manchmal isoliert, weil man die Sprache nicht perfekt spricht oder Angst hat, falsch verstanden zu werden. Aber hier ist es anders. Die Atmosphäre ist so entspannt, und die Menschen sind offen und freundlich."

 

Es sei erstaunlich, wie schnell man sich verbunden fühle, wenn man gemeinsam unterwegs sei. Die Natur habe etwas Beruhigendes, das die Menschen öffne, sagt ein Schweizer, während die Gruppe nach dem Mittagessen einen kleinen Wasserfall bewundert. "Die Wanderbrücke lebt von der Vielfalt ihrer Teilnehmer", erzählt er. Jeder bringe seine Geschichte mit. "Wir alle haben Vorurteile, ob wir es zugeben oder nicht", sagt Isik. "Aber wenn man jemanden persönlich kennenlernt, verschwinden diese oft ganz schnell."

 

Natürlich sei solch ein Projekt nicht ohne Herausforderungen. Die Organisation habe viel Zeit und Engagement erfordert, und das Budget sei begrenzt. "Wir machen alles freiwillig und versuchen, mit verschiedenen Vereinen und Organisationen zusammenzuarbeiten", erklärt Kiymet. "Ich bin bei Organisationen aktiv, die sich für Integration einsetzen. Mein Mann ist Fußball-Schiedsrichter und ebenfalls ehrenamtlich engagiert. Momentan leben wir von der Sozialhilfe und sind auf Arbeitssuche. Ich arbeite auch beim Verein NCBI, der sich für den Abbau von Vorurteilen bei Geflüchteten und für Gewaltprävention einsetzt", sagt Isik.

 

Am Ende der vierstündigen Wanderung, vor einer Schifffahrt von Küsnacht nach Zürich, bilden die Teilnehmer einen Kreis und geben eine Rückmeldung zum Tag. Sie bedanken sich bei Isik, und ihre Augen leuchten auf.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 01.09.2025, S. 26 - Lale Naz Kaya, Kantonsschule Uetikon am See

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