Die Japanerin Rie Yamada ist Teil eines weltweiten Netzwerks, das Menschen zusammenbringt, die naturverbunden auf dem Land leben wollen.
Es hat geregnet, der Boden ist nass. Folgt man dem Kiesweg in Meilen im Kanton Zürich, trifft man auf ein Feld nahe dem dazugehörigen Hof. Auf dem Feld: eine in Regenjacken arbeitende Gruppe, darunter Rie Yamada. Das Gespräch findet in einem alten Riegelbau statt. Die Wohnung: eng, aber gemütlich. Yamada hat ihre Jacke ausgezogen. Sie trägt ein kunstvoll besticktes Leinenhemd. Ihre Haare sind schwarz, ihre Augen dunkelbraun. Sie ist eine "Wwooferin". Die Mitglieder der World Wide Opportunities on Organic Farms, Wwoof, reisen um die Welt, um auf organisch bewirtschafteten Farmen zu arbeiten und etwas über nachhaltigen Lifestyle zu lernen. Im Gegenzug: Verpflegung und Unterkunft. Die Organisation entstand 1971 in Großbritannien durch die in London lebende Sue Coppard. Im Jahr 2000 versammelten sich zum ersten Mal Gastgeber aus 15 Ländern und legten den Rahmen für eine internationale Organisation fest. In Deutschland fasste sie 1987 Fuß. "Die Tätigkeit als Wwoofer ist keine Arbeit", sagt Yamada. Die Organisation verwendet das Wort "Chance". Geld fließt zwischen gastgebender Farm und Wwoofer keines. Das Wissen, das dieser für das Leben auf der Farm brauche, erwirbt er vor allem aus Selbsterfahrung, also Learning by Doing. Zum Aufgabenbereich gehören Anpflanzen, Ernten, Tierpflege und vieles mehr.
Yamada ist flexibel. Alle zwei Wochen reist sie zur nächsten der 12.000 Farmen, die es laut Verein in mehr als 130 Ländern gibt. "Meine Erwartungen an eine Farm sind eher niedrig, ich brauche nur eine Unterkunft und eine Beschäftigung." Mit den ständigen Wechseln komme sie gut zurecht. "Auch wenn man allein reist, trifft man doch viele Menschen auf jeder Farm. Ich habe Leute aus der ganzen Welt getroffen." Beim Erzählen ist sie zurückhaltend. Spricht man die etwas schüchterne Achtundzwanzigjährige allerdings auf ihr Fachgebiet an, erklärt sie mit leuchtenden Augen und vielen Fakten, wie sich zum Beispiel die Einstellung der Menschen zu organischen Farmen weltweit unterscheide. "Ganz wichtig ist der Klimawandel, viel daran könnte man lösen, wenn man anders Ackerbau betreiben würde." In organischen Farmen sieht sie eine Chance. "Die Menschen verlieren den Bezug zu den Lebensmitteln, wenn sie sie nicht mehr beim Bauern, sondern im Supermarkt einkaufen. Sie verlieren den Bezug zur Herstellung." Organische Farmen seien nachhaltig und zerstörten nicht mit Pestiziden und schweren Maschinen die Umwelt.
Yamadas Reise startete in ihrem Geburtsland Japan. Sie wuchs in Osaka auf, wo ihre Familie lebt. Sie hat Englisch und internationale Beziehungen an der Kobe City University of
Foreign Studies studiert. Den Anstoß für das Wwoofing gab ihr ein Auslandsjahr 2019 in Victoria, der Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia. Das Reisen habe ihr gefallen, sie wollte diese Leidenschaft fortan mit einem Einsatz für die Natur verbinden. Neugier ist eine ihrer zahlreichen Charakterstärken. "Ich möchte viel über die Natur lernen, wie man organisch und nachhaltig Agrarwirtschaft betreiben kann." Nach acht Monaten in Kanada trat sie Wwoof bei, wofür sie einen kleinen Mitgliederbeitrag aufbringt. In Deutschland zahlt man 35 Euro im Jahr.
Die Registrierung läuft über das Internet. Die Kommunikation sei einfach, da die meisten Englisch sprechen. Nachdem Yamada über zwei Monate lang auf einer kanadischen Farm gewesen war, bereiste sie von November 2024 an Marokko, Spanien, Italien, Irland, Frankreich und Großbritannien. Ihre Planung ist häufig recht kurzfristig. "Ich gehe oft einfach zur nächsten Farm, die mir gefällt. Mal bleibe ich in einem Land, wenn es mir gefällt, mal gehe ich über die Landesgrenze. Ich bin eine moderne Nomadin." Die einzigen Einschränkungen seien, ob sie ein Visum bekomme, und, wenn ja, für wie lange.
Ihre nächsten Ziele? Deutschland, vielleicht aber auch Serbien. Die Unterschiede von Farm zu Farm seien überschaubar: Klimaunterschiede führen zu anderen Pflanzen und Methoden. Die Schweiz gefällt ihr, sie wohnt auf der Farm mit Blick auf den Zürichsee. "Ich mag die Berge und die außergewöhnlich freundlichen Leute, denen ich begegnet bin." Mit dem Fahrrad, das sie von der Farm geliehen hat, fährt sie nach Zürich oder Rapperswil, um in lokalen Läden einzukaufen. "Ich liebe Fahrradfahren, das ist ein Hobby, das ich immer überall machen kann. Ich erkunde gerne die Region und die Natur." Größere Reisen bestreitet sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Stehen diese nicht zur Verfügung, hält sie den Daumen hoch. "Man kommt eigentlich überallhin, das ermöglicht mir auch die Flexibilität." Eine feste Route gibt es nie.
Sie hat einen Traum: "Ich will zurück nach Japan und meine eigene organische Farm gründen. Nur ein bis zwei Prozent der Ackerfläche werden organisch bewirtschaftet, das möchte ich ändern." Sie plant, dieses Jahr zurückzugehen. Leider besitze sie kein Land, wofür man Geld braucht. Die Farm in Meilen in der Schweiz unterscheide sich ein wenig von anderen, da das Konzept hier die Konsumenten miteinbeziehe: Sie kommen und ernten ihr Gemüse selbst. Rie Yamada steht auf und begibt sich zurück aufs Feld.