Yoga bockt voll

Und manche machen voller Bock Yoga

Für mich war das wirklich Neuland", sagt die modisch gekleidete Yogalehrerin Angie Küng aus der Kleinstadt Romanshorn. Durch ihren sportlich definierten Körper wirkt die Fünfzigjährige jung. Einmal im Monat trifft sich eine Gruppe zum Yoga, nicht zum gewöhnlichen Yoga, sondern zum Bier-Yoga. Die Bierbrauerei Freihof bietet dieses Erlebnis in der Schweizer Stadt Gossau an. Im dritten Stock stehen etwa 25 Menschen in Sportkleidung in einem kleinen Saal, die Lichter sind gedimmt, es herrscht eine lockere Atmosphäre. Das Bier wird, wie die Matten, gratis zur Verfügung gestellt. Man kann zwischen verschiedenen Sorten wählen, je nach Jahreszeit und Thema: Von Rhabarberbier über Maibock bis zum Oktoberfestbier ist alles dabei. Wer keine Lust auf Bier hat, kann auch einfach Wasser konsumieren. Nach einer Vorstellungsrunde beginnt Küng mit einer Entspannungs- und Beweglichkeitsübung. Man schließt die Augen und atmet tief ein und aus. Zwischendurch greift man zur Bierflasche und nimmt einen Schluck.

 

Küng arbeitet seit mehr als drei Jahren als Bier-Yogalehrerin. Als Jugendliche war sie leidenschaftliche Voltigiererin. Doch nach elf Jahren Spitzensport war ihr Körper am Limit. Rücken und Knie hätten ihr zu schaffen gemacht. So kam sie 1993 in die Fitnessbranche, bildete sich weiter und arbeitet als Schmerz- und Reha-Therapeutin, Masseurin, Ernährungsberaterin und Personaltrainerin und im betrieblichen Gesundheitsmanagement einer großen Firma.

 

"Das Bier-Yoga wurde ursprünglich von einer Studentin aus Australien erfunden. Sie brachte es nach Deutschland, wo es zum ersten Mal in Berlin durchgeführt wurde", erzählt Küng. Das weckte das Interesse des Chefs der Brauerei Freihof. Und so fragte er eine Yogalehrerin, die er kannte, ob sie nicht sein Bier und ihr Yoga kombinieren könne. Also kam das Bier-Yoga nach Gossau. Eineinhalb Jahre später brach Corona aus, und das Angebot wurde eingestellt. Ein guter Kunde von Küng, der zufällig auch der beste Freund des Brauerei-Chefs war, empfahl Küng nach der Pandemie als Nachfolgerin. "Zuerst recherchierte ich im Internet und schaute mich danach auf Youtube um, wie ich das Bier mit den Yogaübungen verknüpfen könnte." Küng bemerkte, dass es keinen richtigen Rhythmus gab, wann und in welcher Yogaposition man zum Bier greift. Zum Glück hatte sie viele Kenntnisse über das "normale" Yoga und entdeckte schnell ihre eigene Art und Weise, die Flaschen mit dem Yoga zu verbinden. Für Küng war es wichtig, dass sie die fünf essenziellen Elemente Konzentration, Meditation, Stabilität, Balance und Kraft mit dem Fun kombiniert.

 

Nach der Entspannung geht es richtig los. Intensives Yoga für eine knappe Stunde. Dabei ist auf das rhythmische Atmen zu achten, was viel Körperbeherrschung erfordert. Bei einer Aufrichtung wird durch die Nase tief Luft geholt, bei einer Beugung oder Drehung wird diese wieder ausgeatmet. Die Bewegungen sollten kontrolliert sein und bewusst im Fokus stehen. Währenddessen darf man zur Flasche greifen und einen oder zwei Schlucke Bier nehmen. Die beruhigende Musik im Hintergrund verschmilzt mit dem rhythmischen Atmen, sodass man seine innere Ruhe findet und bei sich selbst ist. Eine Teilnehmerin meint: "Man sollte es wirklich nicht allzu ernst nehmen." Jeder holt aus sich das heraus, was er will. Küng will, dass die Teilnehmer in allen Bereichen ihr Optimum ausschöpfen und körperlich gefordert sind. Gleichzeitig sorgt sie dafür, dass auch die Lachmuskeln beansprucht werden. "Egal ob Jung oder Alt, ob dick oder dünn, ob sportlich oder nicht sportlich. Jeder ist willkommen, solange man sich nicht nur auf der Yogamatte betrinkt." Einmal hat Küng mit einer leicht angetrunkenen Gruppe den Kopfstand gemacht. Sie konnte es kaum glauben, aber alle konnten ihn ohne größere Probleme meistern. "Beim Bier-Yoga geht es nicht um die perfekte Haltung oder Pose, sondern darum, sich gemeinsam wohlzufühlen, neue Bekanntschaften zu schließen und sich für eine kurze Zeit vom teils hektischen und stressigen Alltag zu befreien."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 22.09.2025, Nr. 220, S. 26 - Erwin Mettler, Kantonsschule Trogen

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