Laura Bircher ist Miss Universe Switzerland 2024. Sie erzählt von den Schattenseiten dieser glitzernden Welt.
Depressionen waren das größte Geschenk meines Lebens", sagt Laura Bircher. An einem sonnigen Nachmittag sitzt sie vor einem kleinen Café in Luzern. Die 24-Jährige aus Stans im Schweizer Kanton Nidwalden wirkt wie die klassische Schönheitskönigin: groß, lange, blonde Haare und leuchtend blaue Augen. Sie trägt schwarze Leggings mit einem grauen Pullover. Laura hat ein ovales Gesicht, hohe Wangenknochen und ebenmäßige Haut. Ihr strahlendes Lächeln fällt sofort auf.
Man merkt schnell, dass Laura viel mehr als ihr Aussehen ist. Mit 21 musste sie sich das erste Mal intensiv mit ihrer mentalen Gesundheit auseinandersetzen. "Anfang 21 bis 22 war es ganz schlimm, weil ich Depressionen, Essstörungen und Suizidgedanken hatte." Sie war gerade von einer längeren Reise zurückgekehrt, als sie sich nur zwei Wochen später auf einmal nicht mehr wohlfühlte. Plötzlich kamen all die Gefühle in ihr hoch - sie weinte wochenlang. In dieser schwierigen Phase hatte sie keine professionelle Hilfe. Bereits beim ersten Gespräch mit einer Therapeutin wollte diese ihr gleich Medikamente verschreiben. Für Laura war klar: Das sei nicht ihr Weg. Sie wollte nicht einfach möglichst schnell wieder funktionieren, sie wollte sich wirklich besser fühlen. "Heute helfen mir diese Erfahrungen, nicht nur mich selber besser zu verstehen, sondern auch anderen Mut zu machen." Die Teilnahme am Wettbewerb Miss Universe Switzerland 2024 in Bern sei für sie kein Versuch gewesen, sich selbst oder anderen etwas zu beweisen, sondern ein Schritt, ihre Botschaft der Welt mitzuteilen. "Ich will den Menschen helfen, indem ich auf die psychische Gesundheit aufmerksam mache. Wenn man nicht darüber spricht, kann man nicht geheilt werden." Dass Laura heute so offen über mentale Gesundheit sprechen kann, habe auch mit ihrem Lebensweg zu tun. Im Alter von 15 bis 18 Jahren machte sie eine Ausbildung zur Tiermedizinischen Praxisassistentin, danach hat sie in verschiedenen Bereichen gearbeitet, vom Café über das Hotel bis zur Gastronomie.
Im September 2024 wurde sie zur Miss Universe Switzerland gekrönt, und im November vertrat sie die Schweiz beim 73. Miss-Universe-Wettbewerb in Mexiko. Dort gelang es ihr nicht, sich unter den Top 30 von insgesamt 125 Teilnehmerinnen zu platzieren. Dass sie den Titel nicht gewonnen habe, sehe sie heute nicht als Niederlage. Im Gegenteil. "Der Wettbewerb ist heute sehr showlastig, und ich hätte zurückstecken müssen. Ich glaube, das Leben hat mich beschützt."
Auf die Idee, an Miss Universe teilzunehmen, sei sie gekommen, weil sie bereits für verschiedene Modemarken gemodelt hatte, etwa für Twinset. Sie war in kleineren Fashionshows zu sehen und sie habe als Make-up-Model gearbeitet. Das eine sei aber nicht mit dem anderen zu vergleichen. "Eine Miss redet, und als Model wirst du nur bewertet aufgrund deines Aussehens. Als Miss bist du ein Vorbild, stehst auf einer Bühne und redest mit den Menschen. Und das ist genau das, was ich will." Laura weiß, dass es als Miss Universe schwierig gewesen wäre, ihre Botschaft so zu vermitteln, wie sie es will. Gleichwohl hätte sie den Titel gerne gewonnen. Sie wisse, wie einflussreich diese Position sei. Millionen von Menschen, vor allem junge Mädchen, schauen zu und lassen sich inspirieren.
Während der Miss-Wahlen habe sie beobachtet, wie andere dem Druck nicht gut standhalten konnten. "Es ist unglaublich, wie viele Frauen dort mit ihrer Figur oder dem Essen kämpfen. Alle wollen besser sein als die anderen." Dabei gehe es aber nicht um den Charakter, sondern nur um das Aussehen. "Ich war so froh, dass manche nicht Miss Universe wurden. Nicht, weil sie es nicht verdient hätten, sondern weil sie mental noch nicht bereit gewesen wären. Das hätte sie zerstört."
Auch für Laura seien die Miss-Wahlen nicht nur glamourös gewesen. Sie habe oft das Gefühl gehabt, nicht dazuzugehören. In der Schweiz sei es besonders schlimm gewesen. Sie sei bei verschiedenen Veranstaltungen des Miss-Programms von anderen Kandidatinnen ausgeschlossen und ignoriert worden. Neben dem eigentlichen Schönheitswettbewerb müssen die Teilnehmerinnen an Cocktailpartys, Ankunftstreffen und vielen weiteren Veranstaltungen teilnehmen. "Bei Events haben die anderen Kandidatinnen im Kreis getanzt, und ich durfte nicht. Es war ein richtiges Bitch-Ding, wahrscheinlich aus Eifersucht." Doch sie sei stark geblieben, habe die anderen einfach ihr Ding machen lassen und sich nicht verstellt. "Solches Ausgeschlossenwerden war für mich nichts Neues. Das passierte oft aus Neid, manchmal von verletzenden Kommentaren begleitet." Sie kenne das "Pretty Privilege" und die Schattenseite. "Früher konnte mir ein Kompliment wie 'Du bist hübsch' den ganzen Tag ruinieren. Es hat mich getriggert, weil ich mich wie ein Objekt fühlte. Ständig diese Beurteilung von außen." Sie habe aber gelernt, dass wahre Stärke nicht bedeute, alles zu unterdrücken, sondern all ihre Gefühle zuzulassen.
Obwohl das Schönheitsbusiness Laura nicht immer guttue, bleibe sie bewusst ein Teil davon. "Ich liebe das Modeln, besonders den Laufsteg, aber noch wichtiger ist mir, meine Botschaft zu verbreiten, dass man mehr über mentale Gesundheit und das Zulassen der eigenen Emotionen sprechen soll."
Nun gehe sie ihren eigenen Weg, mit Unterstützung ihrer Familie. Sie ist zurzeit in keiner Beziehung und nutzt diese Unabhängigkeit, um sich ganz auf ihre persönlichen und beruflichen Ziele zu konzentrieren. Momentan arbeite sie fast Vollzeit an zwei Büchern über mentale Gesundheit. "Wenn du mit 80 zurückblickst, willst du nicht denken: Ich habe nur funktioniert. Ich habe gemacht, was andere von mir wollten, und bin nie wirklich meinen Weg gegangen. Das wäre das Schlimmste für mich."