Zum Schreiben programmiert

Wilfried Hildebrandt war früher IT-Fachkraft, nun verfasst er Bücher. Schon zu DDR-Zeiten schrieb er für den "Eulenspiegel". 

Den Namen "Wilfried Hildebrandt" findet man nicht in den Bestsellerlisten der großen Buchhändler. Seine Werke stehen nicht in deren Schaufenstern, und es gibt keine endlosen Schlangen für Signierstunden. Dennoch hat der siebenundsiebzigjährige Schriftsteller aus Hohen Neuendorf seine eigene kleine Fangemeinde, die jedes seiner Bücher sehnsüchtig erwartet. Seine Werbung in sozialen Medien hat für eine Leserschaft gesorgt, die die Anzahl der Verwandten und Bekannten übersteigt. Mit einem durchschnittlichen Verkaufsvolumen von 100 Exemplaren pro Werk gilt Hildebrandt als Geheimtipp in der regionalen Buchszene.

 

Seine Bücher verfasst der Ruheständler mit dem markanten Schnurrbart in seinem Arbeitszimmer. Ein großes Bücherregal dominiert die Wand, gefüllt mit Enzyklopädien, Romanen und den eigenen Werken. In Jeans und Hemd sitzt er an einem massiven Holzschreibtisch, auf dem ein älterer Computer und direkt daneben ein modernes Chromebook stehen. Der Raum hat einen Holzboden, an den Wänden hängen Familienfotos. Ein alter Bleistiftanspitzer befindet sich auf dem Tisch, während auf den Schränken Spielzeug seiner Enkel steht. Durch das Fenster im dritten Stock sind Bäume zu sehen. "Ich habe eigentlich schon immer das Gefühl gehabt, dass ich ganz gut schreiben kann." Bereits in jungen Jahren erzählte der in Ostberlin geborene Hildebrandt schriftlich die Geschichten seiner Karl-May-Bücher nach. Das Erleben von Missständen, wie der politischen Unterdrückung der Opposition zu Zeiten der DDR und der klaren Bevorzugung von Mitgliedern der Partei, motivierte ihn dazu, in den Siebziger- und Achtzigerjahren eigene Texte an die Satirezeitschrift "Eulenspiegel" zu schicken. Von kurzen Anekdoten über drei bis vier Zeilen arbeitete er sich hoch bis hin zu "längeren, humoristischen und satirischen Geschichten".

 

Doch sein umfangreiches schriftstellerisches Wirken startete erst deutlich später. "Durch die Wende begann ein neues Leben, viel Arbeit, viel Ungewissheit und wenig Feierabend; da blieb keine Zeit zum Schreiben." Nach der Wiedervereinigung war Hildebrandt als IT-Fachkraft bei der Ausländerbehörde in Berlin tätig. Erst als er 2016 in den Ruhestand ging, konnte er sich voll der Schriftstellerei widmen.

 

Schnell stieß er auf neue Schwierigkeiten. "Am Ende muss das Buch sinnvoll, zusammenhängend und aussagekräftig sein. Da ist schon einiges zu tun." Besonders geholfen habe ihm dabei seine einstige berufliche Tätigkeit. "Bücher schreiben ist so ähnlich wie Programmieren, man muss den großen roten Faden behalten, es gibt Variablen, die muss man definieren, mit Leben erfüllen, also die Charaktere, da gibt es schon einige Analogien."

 

Hildebrandt begann mit humorvollen Reisebeschreibungen. Sein gutes Gedächtnis und die vielen Reisen vor und nach dem Mauerfall, die ihn vom Harz bis zu den Rocky Mountains führten, spielen dabei eine zentrale Rolle. Sein erstes Buch, "Reisehusten - und andere Urlaubsabenteuer", erschien 2016 und fand interessierte Leser, was ihn motivierte weiterzuschreiben. Das 2018 erschienene Buch "Er war stets bemüht" ist ein humorvoller Rückblick darauf, "wie man 50 Arbeitsjahre überlebt", und auf die Wendezeit. Seine Familie erwähnt der Autor in seinen Büchern nur indirekt, wenn es für die Handlung wichtig ist. Später wandte sich Hildebrandt ernsteren Themen zu. "Die Besserwisser von Isoland" aus dem Jahr 2022 behandelt etwa die Folgen von Wissenschaftsleugnung mit deutlichem Bezug zur Corona-Pandemie. "Geliebte Feindin - verhasste Freunde" aus dem Jahr 2019 beschreibt die Auswirkungen von Rassismus und Diskriminierung auf Beziehungen.

 

Sein jüngstes Buch "Er, sie, Stress" enthält 40 Kurzgeschichten aus den Jahren 1975 bis 2025. Viele der älteren Geschichten sind damals im "Eulenspiegel" sowie bei der Sendung "Spaß am Spaß" beim Rundfunksender "Stimme der DDR" erschienen. Auch plant Hildebrandt zum 80. Jubiläum der DDR einen Roman, in dem eine alternative Welt geschildert wird, in der die Mauer nicht gefallen ist und die DDR bestehen blieb.

 

"Mein kreativer Prozess erinnert mich immer daran, wie ich als Kind mit mir selbst Schach gespielt habe: Erst mache ich einen Zug, und dann überlege ich mir, wie der Gegner darauf reagieren würde. So ungefähr schreibe ich, meist steht am Anfang das Ende noch gar nicht fest." Schreibblockaden kennt er nicht. "Manchmal habe ich mehr Ideen, als ich aufschreiben kann." Ein besonders aufwendiger Prozess für ihn sei hingegen die Überarbeitung. "Immer findet man was Neues, das korrigiert werden muss." Hildebrandt bringt es auf den Punkt: "Das Schreiben ist die Kür, die Nachbearbeitung ist die Pflicht." Maßgebliche Unterstützung erhält er dabei von seiner Frau. Konstruktive Kritik spielt eine große Rolle, auch im Kontext des lokalen Schreibzirkels "Schreibmut", einer AG des lokalen Kulturkreises von Hohen Neuendorf. Neuen Autoren rät Hildebrandt, sich erst mal an Kurzgeschichten zu üben und diese dann auch anderen vorzutragen. Außer in der Gruppe der "Schreibmütigen" führt Hildebrandt zudem eigene Lesungen durch, vor bis zu 30 Anwesenden. "Diese Rückkopplung durch die Leser und auch die Möglichkeit, Leute zu treffen, die Interesse an den Büchern haben, ist ein großartiges Gefühl."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 03.11.2025, Nr. 255, S. 26 - Moritz Hempel, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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