Und das ist gut so. Das Improtheater Fulda lässt junge Leute einfach sein.
"Huhu, huhu!" Ein Klatschen fliegt durch den Raum, Kevin grölt: "Yeah!" Auf der anderen Seite schlagen zwei Hände ein. "Shaggy!", ruft jemand. Acht Jugendliche stehen im Kreis, laufen herum, geben sich High Fives, rufen Namen, "huhu", "yeah" und lachen sich kaputt. Chaos? So beginnt das Training der Jugendgruppe des Improtheaters Fulda, die sich jeden Dienstag trifft.
Mit ihrem kurzen braunen Bob und dem auffälligen Eyebrow-Cut wirkt die 18 Jahre alte Lisa-Marie Niwek selbstbewusst. Sie trägt eine weite Jeans, Converse-Schuhe und einen roten Cardigan über ihrem Hemd. Während sie erzählt, gestikuliert sie viel. Für sie sei der Eintritt ins Improtheater eine 180-Grad-Drehung gewesen. "Ich habe coole Menschen kennengelernt, meine beste Freundin und meinen Freund."
Die 15-jährige Josephine Schäfer, die lieber Jojo genannt wird, fällt schon wegen ihrer pinken Haare auf. Sie trägt schwarze Boots, eine an der Hose befestigte Bauchkette und eine große blaue Kette mit Kreuzanhänger. Wirkt sie im Gespräch noch eher leise, so tritt sie auf der Bühne deutlich mutiger auf. Heute falle es ihr "leichter zu präsentieren". Die anderen nicken zustimmend. Alex Müller, 15 Jahre, in Jeans und dunklem T-Shirt, mit dem kurzen Mullet-Haarschnitt und einem Dackel-Schlüsselanhänger an der Hose, beobachtet das Geschehen. Er meint: "Impro hilft, spontaner zu reagieren und besser mit unerwarteten Situationen umzugehen."
Geleitet wird der Kurs von den Trainern Shaggy Schwarz, 48 Jahre, Lisa-Marie Niwek und dem 35-jährigen Kevin Blume. Blume meint, dass Improtheater eine Möglichkeit sei, aus gewohnten Mustern auszubrechen. Hier gebe es keine festgeschriebenen Rollen, keine fertigen Texte. Alles passiert im Moment: Einer wirft eine Idee in den Raum, die anderen greifen sie auf, spielen sie weiter, manchmal chaotisch, manchmal überraschend tiefgründig. "Impro ist wie ein Sprung ins Ungewisse, den wir gemeinsam wagen", sagt Schwarz. Improtheater, wie es hier gespielt wird, hat seine Wurzeln bei Theaterpädagogen wie der Amerikanerin Viola Spolin (1906-1994) und dem Engländer Keith Johnstone (1933-2023).
2015 gründete Shaggy Schwarz gemeinsam mit einer Freundin die erste eigene Improgruppe in Fulda, da es in der Region zuvor kaum Angebote gab. Er erzählt, dass das Improtheater Fulda in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist. Mittlerweile finden dort rund 25 Kurse pro Woche mit mehr als 180 Teilnehmern statt. Damit gehöre es zu den größten, meint Schwarz, nur die Affirmative in Mainz sei derzeit noch leicht größer.
Darüber sind sich alle einig: Nach ein paar Wochen Impro fühlt man sich mutiger, irgendwie freier und oft sogar ein bisschen mehr bei sich selbst. Die 15-jährige Annelie Walker trägt einen hellblauen Wollpullover: "Ich habe nicht mehr das Gefühl, falsch zu sein." Schwarz steht mit Fliege und Hut am Rand des Raums, lehnt sich mit dem Fuß an die Heizung und beobachtet. Ruhig erklärt er die nächste Übung: Eine Gruppe soll vor der Tür warten, während die andere eine Szene spielt und sie später möglichst genau nachstellt.
Schwarz spielt seit seiner Kindheit Theater. Bereits in den Neunzigerjahren entdeckte er das Improvisationstheater für sich. Während seines Studiums der Sozialen Arbeit spielte er weiter. Später absolvierte er eine zweieinhalbjährige Clown-Ausbildung an einer Clownschule in Karlsruhe. Zusätzlich machte er eine zweijährige Impro-Ausbildung bei der Steifen Brise in Hamburg sowie weitere Ausbildungen in Schauspiel und Improvisation an der Nowhere Akademie für Schauspiel und Improvisation. Seit fast zehn Jahren ist er als Trainer tätig. Seit 2022 arbeitet er hauptberuflich im Bereich Improvisationstheater, und 2023 eröffnete er das Improtheater in Fulda.
Finanziert wird es vor allem durch die Gebühren der Teilnehmer, die am Ende vieler Kursblöcke sogenannte Werkschauen vor Publikum präsentieren. Zusätzlich treten die Trainer regelmäßig bei größeren Shows auf, für die sie gebucht werden. Durchschnittlich finden vier bis sechs Aufführungen im Monat statt. Eigene Räumlichkeiten mit mehreren Bühnen ermöglichen es dem Improtheater, die meisten Veranstaltungen direkt vor Ort durchzuführen.
Schwarz beschreibt Improtheater als Lebenshaltung. Man lernt, Dinge anzunehmen, Ja zu sagen, Fehler als Chancen zu sehen und offener, entspannter mit Menschen umzugehen, auch wenn diese nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. "Ich bin viel lockerer im Umgang mit schwierigen Menschen geworden", meint Schwarz. "Was mir geholfen hat, will ich anderen weitergeben." Als besonders eindrücklich beschreibt er die Geschichte eines langjährigen Gruppenmitglieds. Dieser habe über Jahre hinweg enge Freundschaften innerhalb der Gruppe aufgebaut. Als er schwer krank wurde und entschied, keine weitere Behandlung mehr zu wollen, verbrachte er seinen letzten Abend zu Hause, gemeinsam mit der Improgruppe. "Wir haben zusammen geredet, kleine Spiele gespielt, gelacht und geweint." Zwei Tage später sei der Mann in seinen Auftrittsklamotten verstorben.
Schwarz arbeitet auch mit Kinder- und Jugendgruppen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie bei Teambuildings mit Erwachsenen. Dabei gehe es vor allem darum, Vertrauen aufzubauen, gemeinsam mit Fehlern umzugehen und Gruppen zu stärken. Besonders bei Jugendlichen spiele die sogenannte Fehlerkultur eine wichtige Rolle. "Man lernt, gemeinsam zu lachen und miteinander zu wachsen." Bei Teambuildings mit Erwachsenen gehe es häufig darum, die Zusammenarbeit im Team zu verbessern und offener miteinander umzugehen.
Der Eingangsbereich des Improtheaters fällt durch den weißen, ungewöhnlich geformten Tisch und die hellorangen Barhocker auf. Daneben befindet sich eine kleine Theke mit Getränken im Minikühlschrank. Im Hintergrund eine Bilderwand, die Theatergruppen mit Shaggy Schwarz zeigt. Die Teilnehmer seien zwischen fünf und 80 Jahre alt, manche kannten sich vorher nicht, andere kommen als Familie. Auf der linken Seite befindet sich eine Fensterfront, an der rechten steht die kleine Bühne. Gegenüber sind viele Stühle gestapelt an der Wand. Statt wie ein nüchterner Proberaum wirkt das Ganze eher wie ein Treffpunkt, an dem gemeinsam gespielt, geprobt und Zeit verbracht wird.
Der 15-jährige Luca Viergott trägt eine helle Baggy-Jeans und einen schwarzen Pullover. Seine kurzen blonden Haare und die Sommersprossen fallen sofort ins Auge. Während der Übungen läuft er immer wieder einige Schritte hin und her, als falle es ihm schwer, stillzustehen. Beim Spiel auf der Bühne wiederholt er mehrfach dieselbe Handlung, doch die Gruppe reagiert ruhig und unterstützend. Er fühlt sich wohl und eingebunden.
Für Außenstehende kann vieles chaotisch wirken, doch als Teilnehmer merkt man, dass es einen Sinn hat. Geht ein Signal verloren, beginnt die Gruppe einfach neu - ohne Schuldzuweisungen. Das Spiel zeigt, worum es beim Improtheater geht: kein Druck, gemeinsam Spaß haben und einfach machen. Schwarz sagt: "Manchmal geht es nicht ums Spielen, sondern darum, was es mit den Menschen macht."