Almöhis haben eine lange Leitung

Über allen Gipfeln ist Ruh´? In seinem Betrieb "chrummhölzig" fertigt Martin Furrer Alphörner - gerade einmal drei pro Jahr. Ursprünglich hatte das Alphorn eine kommunikative Funktion. Der Bauer spielte abends. Klang das munter, war alles in Ordnung, klang es bedachter, war das im Tal ein Zeichen, dass man nach ihm schauen sollte.

In einer ruhigen Senke, umgeben von tannenbestückten Hügeln des Tösstals, liegt das kleine Schweizer Dorf Rikon. Die Sonne glitzert über den Wipfeln, der Duft von frisch geschnittenem Gras liegt in der Luft. Ein Ort, der wie geschaffen ist für ein Handwerk, in dem Tradition und Natur zu einer harmonischen Einheit verschmelzen: den Bau von Alphörnern. Unter dem Namen "chrummhölzig" fertigt dort Martin Furrer Alphörner in aufwendiger Handarbeit. Der hauptberufliche Feuerwehrmann bei der Schutz & Rettung der Stadt Zürich, gelernter Sanitär und leidenschaftlicher Handwerker, findet in der Arbeit mit Holz einen harmonischen Ausgleich zum fordernden Berufsalltag. "Die Handwerksarbeit wurde mir in die Wiege gelegt." Furrers Vater, Schreiner und Drechsler, habe ihm diese Leidenschaft früh vermittelt, und sie ziehe sich wie eine Maserung durch sein Leben.

 

Eine Besonderheit seiner Instrumente ist das Mondholz: Fichten und Arven, die nach dem Mondzyklus gefällt wurden. "Dadurch ist das Holz weniger feucht, und das Alphorn tönt einfach besser." Die Stämme wählt Furrer selbst aus. Manche fällt er eigenhändig. So zum Beispiel fünf über 300 Jahre alte Arven im Albulatal. Mit Tourenski und Motorsäge auf dem Rücken seien er und der Förster den verschneiten Hang hinaufgestiegen, um die "Filetstücke" der Arven, die mit möglichst wenigen Ast-stellen, zu gewinnen. Arvenholz, weich und warm im Klang, sei besonders begehrt, da es einen sanften, volltönenden Klang erzeugt.

 

Der Volksglauben erzählt, Alphörner stammten einst aus krumm gewachsenen Bäumen, die längs geteilt, ausgehöhlt und mit Rinden oder Bast wieder zusammengefügt wurden. So klang jedes Horn einzigartig, was ein gemeinsames Zusammenspiel als unmöglich gestaltete. Furrer sieht darin eine romantische Überlieferung. "Das zeigt, dass jedes Alphorn etwas Eigenes, Persönliches ist." Die heutige Bauweise bei "chrummhölzig" verbindet Tradition und Präzision. Die Holzstücke werden zunächst maschinell mit der Bandsäge aus einem Brett gesägt und dann von Hand mit Ziehmesser in die typische Form des Alphorns gebracht, dann wieder aufgespalten, von Hand ausgehöhlt und schließlich wieder mit Rindenpaste zusammengeklebt. Das Rohr wird in der Werkstatt seines Vaters gedrechselt, erneut aufgespalten und manuell weiterbearbeitet. "Wenn irgendwo eine Beule im Holz ist, stimmen die Schwingungen nicht mehr."

 

Auch die Öffnungsweite des Rohres, die sogenannte Mensur, beeinflusse den Klang entscheidend. Ein breiter Trichter erzeugt einen vollen, kräftigen Ton, ein schmaler Trichter eher nasale Klänge. Die Tonart eines Alphorns richtet sich nach der Länge. Ein 3,4 Meter langes Horn erklingt in Fis oder Ges. Schon 20 Zentimeter Unterschied in der Rohrlänge ändern die Tonart erheblich. Furrer testet jedes fertige Horn mit seinem Alphornlehrer, einem Profimusiker, sowohl mit Stimmgerät als auch im Vergleich zum Referenzhorn. Stimmen Tonhöhe oder Klang nicht, wird das Rohr angepasst.

 

Die Funktion des Alphorns war traditionell eine kommunikative: Ein Bauer auf der Alp spielte abends nach der Arbeit. Spielte er schnell und fröhlich, wusste man, dass es ihm gut ging. Spielte er bedachter, erkannten die Leute im Tal, dass man nach ihm schauen sollte. "Das Alphorn war ein Ruf- und Lockinstrument zugleich." Jedes Horn aus Furrers Werkstatt sei ein Unikat. Auf Kundenwunsch können Länge, Trichterbreite, Lackierung oder Gravuren, etwa von Berglandschaften, Edelweiß, Kühen oder dem Schweizer Kreuz, individuell gestaltet werden. Besonders eindrucksvoll ist das Schweizer Kreuz, das auf Wunsch eines Kunden hergestellt wurde. Aus rotem Birnenholz fertigte Furrer das Fundament, und aus Fichtenholz klebte er das Kreuz drauf. Praktisch ist auch Furrers einzigartige Erfindung vierteiliger Alphörner, die quer in den Kofferraum eines Mazda 2 passen. "So kann man sie sogar mit zum Wandern nehmen."

 

Ein Alphorn von Furrer kostet 4000 Schweizer Franken, ein Satz Verbindungsstücke 400 bis 600 Franken. Jedes Horn erfordert etwa 100 Stunden sorgfältige Arbeit. Daher kann Furrer im Schnitt nur etwa drei Alphörner pro Jahr anfertigen. Am Ende fügt sich bei "chrummhölzig" alles zu einem Ganzen: Holz, Zeit, Sorgfalt, Tradition und die Liebe zur Natur. In jedem seiner Instrumente spiegelt sich die Verbundenheit zu Heimat, Bergwelt und Handwerk. Ein Stück Schweiz, das nicht nur gehört, sondern gefühlt wird. "Alphörner sind für mich Heimat." Wer Furrer zuhört, versteht sofort, warum.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 29.06.2026, Nr. 147, S. 26 - Emilie Dupin, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück