Ernestine Hipper bekam für ihre Sets den Oscar. Filmausstatterin würde sie nicht wieder werden.
Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, würde ich diesen Beruf nicht mehr wählen", sagt Ernestine Hipper, die seit 44 Jahren Sets für Filme gestaltet. Für ihre Arbeit an dem Film "Im Westen nichts Neues" bekam sie 2023 in Los Angeles den Oscar in der Kategorie "Best Production Design", zusammen mit ihrem Kollegen, dem Produktionsdesigner Christian Goldbeck. Die Oberbayerin trägt eine große Brille und lockiges blondes Haar. Wenn sie über ihren Beruf spricht, erfährt man eine Seite des Filmgeschäfts, die nicht im Scheinwerferlicht steht. Sie hat in ihrem Leben unzählige Sets gebaut, historische Räume rekonstruiert, Schlachtfelder erschaffen, Kinderzimmer eingerichtet und Burgen gestaltet. Sie hat an Filmen mitgearbeitet wie "Das perfekte Geheimnis", "Das kleine Gespenst" oder "Krabat", die Millionen Menschen gesehen haben. Und doch sagt sie: "Ich würde diesen Beruf rückblickend nicht noch einmal wählen."
Der Film, der ihr den Oscar brachte, sei eine der härtesten Herausforderungen ihrer Karriere gewesen. "Im Westen nichts Neues" wurde unter Pandemiebedingungen und hohem Druck gedreht. Im Lockdown in Prag, mit täglichen Tests, Masken und einem Zeitplan, der eigentlich kaum zu schaffen war. Sie hatte zehn Wochen Vorbereitung für ein Schlachtfeld, das 1000 Meter lang und 400 Meter breit war. Stacheldraht wurde mit Gumminoppen versehen, der erst hergestellt, dann patiniert und später dekoriert werden musste. Am Ende stand sie mit 65 weiteren Setdressern im Winter bei Minusgraden auf dem Schlachtfeld und dekorierte an Ort und Stelle mit.
Der Oscar war ihr persönlicher Höhepunkt, aber kein Wendepunkt in ihrer Karriere. Seitdem habe sie weniger Arbeit als vorher. Der Preis habe ihr zwar kurz große Anerkennung in der Öffentlichkeit gebracht, aber auf lange Sicht zu keiner finanziellen Sicherheit geführt. Ihrer Ansicht nach ist Deutschlands Produktionswirtschaft im Umbruch. Die Streamingdienste sind nun die neuen Produzenten. Von 2026 an wird die deutsche Filmförderung grundlegend umgebaut. Der Bund erhöht die Mittel auf mehr als 250 Millionen Euro pro Jahr und führt ein "automatisches Tax-Incentive-Modell" ein, das 30 Prozent der anerkannten Produktionskosten erstattet. Damit sollen internationale Produktionen wieder stärker nach Deutschland geholt werden, denn in den vergangenen Jahren sind viele in Länder wie die Tschechische Republik, Österreich oder Island abgewandert, wo bis zu 35 Prozent Steuervorteil locken.
Hipper führt aus, dass der Beruf finanziell weit von dem entfernt ist, was viele glauben. In Deutschland beginne die Gage für Set Decorators bei 1850 Euro je Woche, die Spitzen liegen bei 2800 bis 3000 Euro. Davon gehen bis zu 42 Prozent Steuern und Abgaben ab. In den USA verdienten Set Decorators zwischen 3200 bis 5200 Dollar pro Woche, müssten jedoch Krankenversicherung und Steuern selbst zahlen. Das klinge viel, aber wenn man nur vier Monate im Jahr arbeitet, sei es wenig. Sie selbst hatte Jahre, in denen sie zwölf Monate durchgearbeitet hat, und Jahre, in denen sie nur zehn Wochen Einkommen hatte, weil alle Projekte plötzlich verschoben wurden oder keine Finanzierung erhielten. "Man denkt, man hat endlich ein finanzielles Polster, und dann kommt ein Jahr Flaute, und alles ist wieder weg." Dass eine Oscar-Gewinnerin keine bezahlbare Wohnung in München findet, mag man kaum glauben. Hipper sucht seit Jahren, vergeblich. "Jeder denkt, eine Oscar-Gewinnerin ist vermögend. Aber das stimmt nicht, es ist bei diesen Gagen nicht möglich, vermögend zu werden." Momentan wohnt sie auf dem Nürnberger Land.
Dabei gibt es Filme, bei denen sie große Freude hatte, sie mitzugestalten. Eine ihrer Lieblingsarbeiten war für "Wickie auf großer Fahrt", einen Kinderfilm, der am Walchensee, auf Malta und in einer Burg in Österreich gedreht wurde. "Frühling am See, Sommer im Wassertankstudio am Meer, Herbst in den Bergen, Winter im Studio. Das war ein Jahr, das ich nie vergessen werde." Ein Team ohne Egos, eine Regie, die bezaubernd war, und Orte, die sie inspirierten. "Kinderfilme sind oft die angenehmsten Drehs. Da gibt es weniger Machtspiele, und die Leute sind mit Herz bei der Sache. Auch konnte ich meinen kleinen Nichten und Neffen eine große Freude machen, wenn wir auf die Filmpremieren fuhren."
Zwischen Extremen verlief ihr Berufsleben. Ein Jahr voller Natur und Leichtigkeit, das nächste voller Druck, Burnout, Überstunden und Existenzangst. Filmausstattung in Deutschland bedeutet Unsicherheit. Es gibt keine Ausbildung oder einen Studienlehrgang für den Zweig Set Decoration. "Wir sind alle Quereinsteiger. Und wir zahlen dafür mit Jahren unseres Lebens und unserer Gesundheit." In der Zeit, in der sie Arbeit hat, sind die Arbeitszeiten lang, die Belastung ist enorm. Unbezahlte Überstunden seien fast selbstverständlich, freie Wochenenden eher selten, da man freie Tage nutze, um aufzuholen. Sie berichtet von Dreharbeiten im Ausland, bei denen die Crew 16 oder 18 Stunden am Tag arbeitete, weil das Budget keine zweite Crew zuließ. Von Tagen, in denen sie allein und erschöpft in einer fremden Stadt saß und nach sechs Stunden Schlaf wieder den ganzen Tag am Set sein musste.
Der Beruf habe ihr viel gegeben, aber auch viel genommen. Beziehungen hielten nicht lange, ihre Familie sah sie selten und verpasste dadurch fast alle wichtigen Ereignisse. "Ich habe es nicht geschafft, beides zu haben: eine stabile Beziehung und diesen Beruf." Viele Frauen in der Branche stünden vor derselben Entscheidung: Familie oder Film. Beides gleichzeitig schafften nur wenige. Und doch gibt es etwas, das sie nicht loslässt: die Liebe zum Beruf. Die Freude daran, ein Teil der Umsetzung einer Geschichte zu sein. Sie würde ihr Wissen gerne weitergeben und jungen Menschen zeigen, wie man Dinge durch Farbe altern lässt, wie man Stoffe auswählt und wie man ein Set lebendig werden lässt. "Ich würde ihnen gerne ein paar Jahre Leid durch harte Erfahrung ersparen." Sie weiß, wie viel man falsch machen kann, wie viel man lernen muss und wie viel Verantwortung auf einem einzigen Detail liegen kann.
"Ich bin 63. Ich kann nicht mehr so arbeiten wie mit 30." Jedoch bringe die Berufserfahrung eine schnellere Arbeitsweise in den Entscheidungen mit sich. Man hat die Erfahrung, wie man eine funktionierende Crew zusammenstellt, man weiß, wann eine Dekoration stimmig ist und ob ein Budget reicht. Ein neuer Film, "Corpus Delicti", an dem sie 2024 in Prag mitgearbeitet hat, kommt dieses Jahr ins Kino. Außerdem schreibt Hipper an einem Buch über ihr Leben.