Alte Schachteln machen eine Szene

Das Berliner Künstlerkollektiv NIZA fertigt aus Alltagsszenen in Miniatur-Streichholzschachteln riesige Wandbilder.

Ein Schritt nur durch die Haustür von Daniela Nickau im kleinen Schildow am nördlichen Rand von Berlin, und man befindet sich in einer anderen Welt. Gemälde, kleine Statuen und Girlanden, jeder Winkel ist gefüllt mit Kunst. Die helle Holztreppe weist einen Weg tiefer. Nickau ist Ende 40, hat wellige Haare und eine Brille. Ihre Kleidung ist voller Farbspritzer.

 

Mit ihrem Studium der Malerei und Bildhauerei an der Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg begann sie 1994, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Nach dem Abschluss zog es sie 1998 weiter nach Kopenhagen an das Rytmisk Center, wo sie Tanz und Bewegung studierte. So ist sie schließlich zum Bühnenbild und zur Filmausstattung gekommen. Seit 1999 arbeitet sie als selbständige Künstlerin viel im öffentlichen Raum. Und seit zwei Jahren tut sie das nicht nur allein, sondern mit der Gründung des Kollektivs "NIZA" auch als Teil einer Gemeinschaft. Ihr Ehemann Malte Nickau ist seit 1989 als Auftragsmaler in der Fassadengestaltung tätig und malt sowohl im Auftrag der Stadt als auch für private Unternehmen Kunstwerke an Häuserwände. Die beiden sind das "NI" in "NIZA". Gemeinsam mit Oliver Zabel, dem "ZA", erwecken die dessen künstlerisch gestaltete Zündholzschachteln zu einem weiteren Leben.

 

Der studierte Künstler und Bildhauer Zabel widmet sich seit vielen Jahren der Phillumenie, dem Sammeln von Zündholzschachteln. Und seit zehn Jahren verwandelt er sie in Kunst. Zabel stellt alltägliche Situationen mit präziser Konstruktion von Miniaturfiguren im Maßstab 1:87 in Zündholzschachteln dar. Was als alte Streichholzschachtel vom Flohmarkt anfängt, endet als Ready-made und Bühne eines sonderbaren Moments. Die Inspiration dazu nimmt Zabel aus dem Alltag. Doch auf Situationen, die für andere alltäglich erscheinen, schaut Zabel mit einem anderen Blick. Sieht er eine Einschulung, bildet er in seiner Schachtel nicht die freudig aufgeregten Kinder mit der Schultüte auf dem Schulhof ab. Vielmehr drückt er die Schultüten den Eltern der Kinder in die Hand, die damit dann einsam vor verschlossener Tür stehen. "Ich weiß nicht, ob er zaubert oder ob das wirklich so ist, aber mit ihm ist die Welt immer skurril, als würde er diese Dinge anziehen", sagt Daniela Nickau.

 

Sie kennt Zabel schon aus ihrer Studienzeit. Die Idee eines Künstlerkollektivs kam erst 20 Jahre später, während einer Reise nach Schweden. Zusammen mit ihrem Mann besuchte sie zufälligerweise das Streichholzmuseum in Jönköping. Anschließend rief sie Oliver Zabel direkt an. "Es gab schon die Idee der Übersetzung seiner Kunst in die Malerei", erzählt sie, "und Malte hat gleich eine Wand in Jönköping ins Visier genommen und angefragt."

 

Das erste Wandbild des Künstlerkollektivs entstand neben dem Theater am Goetheplatz in Bremen. Ohne Bezahlung malten sie die erste in Miniaturarbeit verwandelte Zündholzschachtel riesengroß an eine frei stehende Wand, die von einem Privatbesitzer zur Verfügung gestellt wurde. Gemeinsam entwickeln sie aus den 1,5 Zentimeter kleinen Figuren riesige Wandbilder und legen dabei ein Augenzwinkern auf Ungenauigkeiten. So kommt es vor, dass eine Ratte, die im Vergleich zum Menschen in Wahrheit winzig ist, auf ihren Gemälden die Personen plötzlich überragt. Was im Originalwerk nicht auffällt, gewinnt hier an Bedeutung und erweckt mit dem Augenmerk auf das Nichtperfekte "das Kind in einem", wie Daniela Nickau meint.

 

Im Mai 2025 arbeiteten sie zum Thema "abg fakt" der neunten Ausgabe des Berliner Kunstfestivals Artspring. Während öffentliche Mittel für Kunst aus Sicht von Nickau zunehmend knapper werden und "unseren Projekten damit Schranken setzen", setze NIZA bewusst darauf, nicht in eine Galerie zu gehen. "Wir wollten dorthin, wo uns jeder sehen kann, egal ob arm oder reich." Nicht im Museum, sondern unter der Hochbahnbrücke bei Konnopke's Imbiss, einem bekannten Currywurststand im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, fand ein anderes ihrer Werke seinen Platz.

 

Und wieder wurde die Streichholzschachtel zur Bühne eines skurrilen Moments mit dem Hauch von Gesellschaftskritik. Mit detaillierten Pinselstrichen zeigt das Werk ein Auto, einen roten Citroën 2CV, also eine Ente, im Parkverbot. Davor stehen eine Frau im gelben Sommerkleid und zwei Polizisten. Gewissenhaft gehen die Polizisten ihrer Tätigkeit nach und stellen einen Strafzettel aus. Den unter dem Auto liegenden überfahrenen Mann, dessen Beine unter dem Motorraum hervorlugen, beachten sie dabei nicht. Statt die "störenden" Graffitis und Plakate der Umgebung auszuschneiden, arbeiteten sie diese bewusst ins Kunstwerk ein und erschufen im Zusammenspiel mit dem Charme der Straße ein weiteres Projekt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 31.08.2026, Nr. 201, S. 26 - Sarah Schröfel, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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