Der zwanzigjährige Ezra Hirschi löst den Rubik's Cube in unter 20 Sekunden - und zwar blind
Am 3. Mai 2025 ist es still in der Turnhalle der Grundschule Avully im Kanton Genf. Konzentration und Anspannung füllen den Raum. Nur rund 30 Teilnehmer sind über den Tag verteilt anwesend. Die bunten Würfel werden aufmerksam inspiziert. In den Köpfen der überwiegend männlichen Teilnehmer, die meisten zwischen zwölf und 25 Jahre, formen sich Pläne, wie Schritt für Schritt eine Lösung konstruiert wird. Das Schauspiel beginnt. Die Augenbinden gleiten über die Gesichter, und die Würfel werden gegriffen. Von da an befinden sich die Hände in einer konstanten, lange einstudierten Bewegung. Sie folgen
einem unsichtbaren Plan. Für eine gewisse Zeit ist nur ein leises, beinahe rhythmisches Klicken und Klacken zu hören. Jeder Blick ist auf die flinken Finger gerichtet, die über die bunten Flächen gleiten. Nach kurzer Zeit wird aus dem kollektiven Rhythmus ein Solo: Ezra Hirschis Finger bewegen sich flinker und geschmeidiger als die aller andern. Als er den Würfel dann ganz lässig nach nur 23,84 Sekunden löst, kommt keiner mehr aus dem Staunen heraus.
Der dunkelhaarige Zwanzigjährige ist ein Speedcuber. Vor zwei Jahren ist er allein in die Schweiz gezogen, um an der EPFL in Lausanne Mathematik zu studieren. Heute lebt er in Sugnens, einem Dorf im Kanton Waadt. Dort spielt er Volleyball im Verein. Mit seinem weißen Kapuzenpulli von den Speedcubing-Weltmeisterschaften 2023 zeigt er seine Leidenschaft.
Schon mit fünf Jahren bekam Ezra von seiner Mutter seinen ersten Rubik's Cube. Damals lebte er noch in England. Sein Vater versprach ihm fünf Pfund, wenn er den Würfel lösen kann. "Das war eine Menge Geld für mich", meint Ezra. Er bewältigte den Würfel mit der beigelegten Anleitung. Daraufhin geriet er in Vergessenheit. Doch mit 15 Jahren brachte ein Freund einen Speedcube mit - eine professionellere, leichter dreh- und vielfach anpassbare Variante des herkömmlichen Rubik's Cube. Das Lösen des Würfels faszinierte Ezra. Wenig später lernte er die fortgeschrittene CFOP-Methode, die bei Speedcubern verbreitet ist. Die Abkürzung steht für die vier Schritte Cross, F2L, OLL und PLL. Zuerst wird beim Cross ein Kreuz auf der unteren Ebene gebildet, dabei müssen die Kantenstücke farblich zu den Mittelsteinen passen. Danach folgt F2L (First Two Layers), bei dem die ersten beiden Ebenen durch das Einsetzen von Eck-Kanten-Paaren vollständig gelöst werden.
Anschließend widmet man sich der OLL (Orientation of the Last Layer), in der alle Stücke der obersten Ebene so gedreht werden, dass ihre Oberseiten die gleiche Farbe zeigen.
Zum Schluss sorgt PLL (Permutation of the Last Layer) dafür, dass die Steine dieser Ebene richtig angeordnet werden und der Würfel gelöst ist.
"Der Sport macht irgendwie süchtig", sagt Ezra. Ehrgeizig trainierte er meist um die vier Stunden täglich. Nach vier Monaten wurde das normale Lösen des 3×3 Cubes zu simpel. Ezra brauchte eine neue Herausforderung. Er entschied sich, das "Blindfolded Cubing" zu erlernen, das blinde Lösen des Cubes. Da dies jedoch einer ganz anderen Methode bedurfte, startete er wieder bei null. Die Old-Pochmann-Methode ist um einiges simpler als die CFOP-Methode und wird deshalb auch für das blinde Lösen verwendet. Nur zwei Stücke werden auf einmal vertauscht, wobei der Rest des Würfels gleich bleibt. Ezra verrät, wie er alle 18 Vertauschungen verinnerlichen kann. "Ich ordne jedem Stück des Würfels einen Buchstaben zu, wodurch ich mir jede Vertauschung als Buchstabenpaar einprägen kann." Wenn zum Beispiel die Stücke A und C vertauscht werden, kommt man auf AC. Aus den entstehenden Buchstabenpaaren werden Wörter gebildet, aus denen eine Geschichte kreiert wird. Eine solche Geschichte könnte so aussehen: "ACht FRösche QUaken IN EIner Pfütze." Tatsächlich sei es viel einfacher, sich eine Geschichte zu merken, als man denkt.
Der damals Siebzehnjährige brachte sich diese Methode mithilfe einer Youtube-Anleitung selbst bei. Stolz erzählt er, wie er jeden Abend einen Versuch startete und nach einem Monat harter Arbeit den Würfel zum ersten Mal lösen konnte. "Es war ein unglaubliches Gefühl. Als hätte ich das Unmögliche möglich gemacht." Zu Beginn dauerte es ungefähr fünf Minuten, doch noch im selben Jahr erreichte er bei offiziellen Wettbewerben schon Zeiten unter 30 Sekunden. Mit seiner aktuellen Bestzeit von 18,16 Sekunden brach er 2023 den nationalen Rekord. "Nur beim 3×3 konnte es einfach nicht bleiben. Ich musste unbedingt auch den 4×4 und 5×5 lernen." Bis heute hält er in diesen Disziplinen die nationalen Rekorde und zählt weltweit zu den Top Ten. Um die Würfel blind lösen zu können, musste er schätzungsweise 3000 Algorithmen auswendig lernen, was einer Leistung entspreche, die beinahe dem Erlernen einer neuen Sprache gleichkommt.
"Auf jeden Fall werde ich die Euro 2024 nicht vergessen. Ich habe es geschafft, den 4×4, 5×5 sowie Multi-Blind, also das blinde Lösen mehrerer Würfel in einem Versuch, zu gewinnen, und sogar den europäischen Multi-Blind-Rekord geknackt." Niederlagen sehe er nicht als Rückschläge. "Jede Niederlage bedeutet nur, dass man nicht das erreicht hat, was man sich erhofft hatte." Seine bislang schlimmste Erfahrung sei sein Multi-Blind-Versuch bei der Weltmeisterschaft 2023 gewesen, woraus er ein Youtube-Video machte: "Der chaotische Multi-Blind-Versuch, der den 2. Platz bei der Weltmeisterschaft 2023 gewann".
Mittlerweile sei seine Trainingszeit stark begrenzt. "Solange ich Zeit habe, übe ich. Doch durch das Studium ist dafür nur noch wenig Raum." Ezra hofft, eines Tages einen Weltrekord zu brechen.