Braunschweig blüht auf

In der "Bienenstadt" werden Projekte umgesetzt, um den Bestand der Wildbienen zu stabilisieren.

Es riecht nach Abgasen, ein Auto hupt, die Ampel springt auf Rot. Daneben eine dichte Fläche aus Blüten, in kräftigem Violett und strahlendem Weiß. Zwischen den Gräsern und Sträuchern fliegen Bienen. Mitten im dichten Verkehr am Fallersleber Tore ist das Blütenmeer kein Zufall, sondern Teil des Projekts "Bienenstadt Braunschweig", das seit 2019 umgesetzt wird. 2017 wurde in einer Studie des Entomologischen Vereins Krefeld ein starker Rückgang von 76 Prozent bei Fluginsekten in Deutschland über 27 Jahre dokumentiert. Durch die Projekte "Bienenstadt Braunschweig" und "BeesUP" soll eine verbesserte Datengrundlage geschaffen werden, die dabei hilft, die Wildbienenbestände in den Städten zu stabilisieren.


Wildbienen zählen zu den wichtigsten Bestäubern, da sie Pollen für ihren Nachwuchs sammeln und die Blüten häufiger als andere Insekten besuchen, sagt Henri Greil, Wissenschaftler am Julius Kühn-Institut für Bienenschutz in Braunschweig. Das sei essentiell für die Reproduktion der Pflanzen. Der 50-Jährige mit den lockigen grauen Haaren leitet das Vorreiterprojekt "Bienenstadt Braunschweig". "Städte standen früher als Schutzraum für Wildbienen nicht im Fokus. Das hat sich gewandelt, weil man weiß, dass in Städten große Populationen und viele Arten von Wildbienen vorkommen." Zudem spielten Wildbienen eine wichtige Rolle für die Biodiversität und die Widerstandsfähigkeit vieler Systeme in der Natur. "Bienen zu schützen, macht Spaß, und man kann viel entdecken. Die 600 Arten sehen sehr unterschiedlich aus."


2019 hatte der Fachbereich "Stadtgrün und Sport" der Stadt Braunschweig 4,6 Millionen Euro zur Förderung der Biodiversität für das Projekt eingeworben. Mit dem Anlegen von Blühflächen auf 30.000 Quadratmetern und dem Pflanzen von Weidenbäumen sollen Wildbienen unterstützt werden. "Fachlich begleitet wird das Projekt vom Julius Kühn-Institut. Wissenschaftler überprüfen die Maßnahmen auf ihren Nutzen", erläutert Greil, der sich seit zehn Jahren mit Wildbienen beschäftigt und zuvor an der TU Braunschweig im Institut für Landschaftsarchitektur tätig war. Die Reaktionen auf das Projekt seien positiv. Kooperationen wurden vereinbart, etwa mit Schulen. "Wir hatten Schüler vom Martino-Katharineum, die Seminararbeiten bei uns gemacht und Bienen auf dem Schulgelände erfasst haben."


Jeder kann mit digitalen Tools, die in dem vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Projekt "BeesUP" entwickelt werden, zum Schutz der Wildbienen beitragen, etwa mit einer App. "Man kann mit der Wildbienen-Erkennungsfunktion durch seinen Garten laufen und schauen, welche Bienenarten schon da sind, und diese gezielter unterstützen." Seit 2018 gebe es die App 'Flora Incognita' für Smartphones zur Erkennung von Pflanzen von der TU Ilmenau. "Zusammen mit der Thüringer Universität haben wir eine Wildbienen-Erkennungsfunktion entwickelt, die gerade in der Umsetzung ist." Was die App besonders macht, ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Sie wurde zuvor mit Fotos der Wildbienenarten trainiert.


Rund um die St.-Pauli-Kirche im Zentrum des Östlichen Ringgebiets in Braunschweig erstrecken sich Staudenbeete mit Pflanzen wie Schafgarbe und Storchschnabel, die im Sommer für einen tollen Anblick sorgen. "Durch den Einsatz der KI können unterschiedliche Parameter in der Planung berücksichtigt werden. Die Pflanzenbedürfnisse, die Gestaltung der Flächen und auch die Bienenbedürfnisse können miteinander verknüpft werden", erklärt Greil. Ein Planungstool im Projekt "BeesUP", das sich zurzeit in der Entwicklungsphase befindet, soll dabei helfen, Flächen wildbienenfreundlicher zu gestalten.


"Das Planungstool wird so funktionieren, dass Zielarten festgelegt werden können. Man kann sagen, welche Wildbienenarten gefördert werden sollen. Die Wildbienen haben unterschiedliche Ansprüche in Bezug auf ihre Nahrung und die Nahrungsqualität." Es gebe sogenannte oligolektische Wildbienenarten. "Das sind Wildbienen, die beim Pollensammeln auf bestimmte Pflanzenarten oder Pflanzengattungen spezialisiert sind." Greil besitzt nur einen kleinen Stadtgarten am Haus, dort blühen viele für Wildbienen relevante Pflanzen, von Obstbäumen bis zu Stauden, in einem abgestorbenen Baum nistet die blau-schwarze Holzbiene. "Privatpersonen können darauf achten, dass sie Offenbodenstellen oder spärlich bewachsenen Rasen haben. Das finden viele nicht so attraktiv, aber das sind genau die Flächen, an denen Wildbienen nisten."


"Wir hatten schon viele Anfragen von anderen Städten, die ähnliche Maßnahmen bei sich umgesetzt haben und sich erkundigten, wie das bei uns funktioniert hat", schildert Greil. "Es gibt viele Kulturen, die von der Bestäubung stark abhängig sind, wie Obstgehölze. Wenn die nicht von Bienen bestäubt werden, dann sind die Früchte verkümmert." Um Wildbienen nachhaltig zu schützen, sei Aufklärung von großer Bedeutung. "Viele Wildbienenarten werden wenig gesehen, da sie sehr klein sind. Die kleinsten Wildbienen sind 3 bis 4 Millimeter groß und werden von den meisten Leuten eher als fliegende Ameisen identifiziert, also gar nicht erst als Biene erkannt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 06.07.2026, Nr. 153, S. 26 - Antonia Popp, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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