Chinas Wurzeln

Ingwer und heißes Wasser halten Chinesen zusammen

Überall Wasserspender, aus denen kochend heißes Wasser fließt, Taxifahrer, die ihre Teekanne stets griffbereit haben, Restaurants, in denen vorab immer ein Glas warmes Wasser serviert wird. In China alltäglich. Hinter diesen Bildern steckt mehr als nur Durst. Heißes Wasser, kuriose Kräuter und Wurzeln oder sogar Tierhaare sind einige der vielen Dinge, die man gemäß der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zu sich nehmen kann, um wieder gesund zu werden oder zu bleiben. TCM bietet in vielen Lebenssituationen eine helfende Hand, bei der Ernährung, mit Verhaltensweisen oder in Gestalt von Massagen und anderen Praktiken. Seit sieben Jahren lebt Sabine Kophstahl in Shanghai. Umgezogen ist die braunhaarige Deutsche mit der Familie wegen eines beruflichen Wechsels ihres Mannes. Sie hat ihre Arbeit als BWLerin in der Marketing-Branche pausiert, um China kennenzulernen, so gut es eben geht. Im Moment sei nicht absehbar, wann sie nach Deutschland zurückkehren. Die Fünfzigjährige ließ sich bei professionellen TCM-Heilern ausbilden. Das erlernte Wissen nutzt sie nun vor allem im Alltag und bei ihrer Familie.


"TCM ist ein System, das den Körper als Ganzes sieht und bei Krankheiten nicht nur das Symptom betrachtet", sagt sie. Krankheiten oder Beschwerden würden hervortreten, wenn ein Ungleichgewicht des Yin und Yang entsteht. Ein weiterer Grund könne dabei eine Blockade der Lebensenergie Qi sein. "Der Körper hat Meridiane, die wir uns als Energieautobahnen vorstellen können, durch die das Qi fließt. Auf diesen Meridianen kann es Blockaden geben, die den Energiefluss behindern, so wie ein Stau den Verkehrsfluss." Durch einen solchen Stau könnten Kopfschmerzen, Halsschmerzen und weitere Symptome auftreten. Stress und Anspannung trügen außerdem zur Entstehung von Blockaden bei.


Um die Beschwerden zu bekämpfen, helfe vor allem die Akupunktur. "Der Körper hat bestimmte Druckpunkte, die zum Beispiel bei Kopfschmerzen oder Nasenbluten helfen und somit eine Alltagswaffe sind", sagt Kophstahl. Um Beschwerden vorzubeugen, sei es wichtig, sich richtig zu ernähren. Gemäß der TCM bestehe eine ausgewogene Ernährung aus frischen und saisonalen Produkten. Deswegen landet auf dem chinesischen Teller meist eine Mischung aus Reis, Gemüse und Fleisch.


Alina Kruppe besucht seit dem Kindergarten die Deutsche Schule in Shanghai. TCM wendet die Siebzehnjährige im Alltag an, da ihre chinesische Mutter sie häufig zu Hilfe nimmt. In ihrer Erziehung seien ihr immer wieder Regeln oder Empfehlungen begegnet, die ihr Leben positiv beeinflusst haben. Vor allem für kleinere Beschwerden wie etwa Periodenschmerzen

findet sie eine Lösung. "Immer wenn ich Schmerzen habe, macht meine Mutter für mich einen bestimmten Tee", sagt Alina. Der bestehe aus sehr viel Ingwer und Rohrzucker, die aufgekocht werden. Es ist die Schärfe des Ingwers im heißen Wasser, der die Schmerzen "wegbrennt".


Ein Heilmittel, das täglich zum Einsatz kommt, ist heißes Wasser. Was für Nichtchinesen seltsam klingt, ist für Chinesen die Geheimwaffe für Gesundheit. Sie vertrauen darauf, dass heißes Wasser das Immunsystem unterstützt und hilft, gesund zu bleiben. Eine große Bedeutung schreibt Alina dem Umstand zu, dass es wichtig sei, von einer Wirkung überzeugt zu sein, damit diese auch wirklich eintritt. "Manche denken, dass TCM ein Hokuspokus-Spiel sei mit vielen Kräutern und ohne wissenschaftliche Beweise." Doch hinter dem vermeintlichen Aberglauben steckten Erfahrungen und Erfolge aus Tausenden Jahren, die über Generationen weitergereicht wurden. Heilmittel basierten darauf. Etwa das wichtigste moderne Heilmittel gegen Malaria. Dessen Wirkstoff Artemisinin und seine Derivate basieren auf der Heilpflanze Einjähriger Beifuß. Obwohl TCM auch an ihre Grenzen kommt und eine Krankheit manchmal nicht ohne die Unterstützung der Schulmedizin behandelt werden kann, bietet sie viele Möglichkeiten, Geist, Seele und Körper gesund zu halten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 23.02.2026, Nr. 45, S. 30 - Paula Vorgerd, Alina Kophstahl, Deutsche Schule Shanghai

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