Beim Pokémon Trading Card Game werden die Karten auf den Tisch gelegt. In China herrscht eine andere Spielkultur.
Die Turnierhalle ist laut und voller Spannung. Im China International Exhibition Center im Pekinger Stadtteil Shunyi mischen Tausende Spieler Decks und werfen Münzen. Pokémon-Karten wechseln blitzschnell die Position. Mittendrin der 16-jährige Christopher Haag. Er spielt seit zweieinhalb Jahren das Pokémon Trading Card Game (TCG). Begonnen hatte er damit in Deutschland, seit seinem Umzug nach Shanghai vor gut einem Jahr spielt er in China. Beim großen Beijing Masters im September 2025, an dem 7000 Spieler aus dem ganzen Land teilnahmen, erreichte er den elften Platz in seiner Altersklasse - unter mehr als 500 Teilnehmern.
Beim TCG spielen je zwei Spieler gegeneinander. Jeder hat ein Deck aus 60 Karten. Diese sind in drei Gruppen unterteilt. Zum einen die Pokémon-Karten. Sie zeigen die Spielfigur, also das Pokémon. Es besitzt Lebenspunkte und Attacken. Zum anderen die Energiekarten. Sie funktionieren wie "Treibstoff". Ein Pokémon darf nur angreifen, wenn die passende Energie an dieses angelegt ist. Und schließlich die Trainerkarten. Sie erlauben besondere Aktionen, wie das Ziehen weiterer Karten, das Heilen eines Pokémon oder das Suchen nach einer bestimmten Karte im Deck. So entsteht ein Spiel, das ein wenig an eine Mischung aus Schach und Uno erinnert, taktisch, aber mit Glücksfaktor.
Um zu gewinnen, versucht man mit Attacken seiner Pokémon die Pokémon des Gegners zu besiegen. Am Anfang des Spiels wird per Münzwurf entschieden, wer das Spiel beginnt. Auch werden Münzen geworfen, weil viele Fähigkeiten von Pokémons zufällige Effekte haben, die nur bei "Kopf" oder "Zahl" eintreten. Für jedes besiegte Pokémon erhält man eine Preiskarte. Die Preiskarten sind sechs zufällige Karten aus dem eigenen Deck, die zu Spielbeginn zur Seite gelegt werden. Wer zuerst alle sechs Preiskarten einsammelt, hat das Spiel gewonnen.
"Ich habe schon länger Karten gesammelt. Im Internet sah ich dann Leute, die das richtig als Hobby spielten. Da wusste ich: Das will ich auch ausprobieren", sagt Christopher. Gelernt hat er das Spiel von seinem Onkel, "der mir Pokémon und die Karten gezeigt hat".
In der Welt des Pokémon-TCG gibt es ständig neue Karten. Dadurch verändert sich, welche Decks und Kartenkombinationen gerade besonders stark sind. Das nennt man "das Meta". In Deutschland ist das Meta zeitgleich mit Amerika und dem Rest Europas. Spieler testen früh neue Kombinationen, besprechen Strategien und entwickeln eigene Ideen. In China ist das anders: Dort erscheinen neue Sets später als im Rest der Welt. Die Spieler wissen also schon, welche Decks in anderen Ländern stark waren. Deshalb wird dort weniger experimentiert und eher kopiert. "In Deutschland ist das Spiel strategie- und deckorientiert, und es werden viele verschiedene Kartenkombinationen getestet", erklärt Christopher. "Man arbeitet in Gruppen zusammen und versucht, das beste Deck zu finden. In China ist das Deck mehr ein Ausdruck deiner Persönlichkeit. Du passt es deinem Spielstil an, weil du schon weißt, was stark ist." In Deutschland herrscht der Laborgeist, in China mehr Freiheit und Teamgefühl.
In Deutschland spielte Christopher zuerst bei kleineren Turnieren in der Nähe von Stuttgart. "Dort war die Community kleiner. Man kannte fast jeden. Bei größeren Turnieren wie dem Stuttgarter Regional kommen aber auch viele internationale Spieler, um wichtige Punkte zu holen." Alle dort seien sehr fokussiert, man spreche nicht so viel über Strategien. "Da wird einfach geschwitzt und gespielt." In Testing-Gruppen wird zusammen geübt, werden Decks ausprobiert, und man bereitet sich gemeinsam auf Turniere vor.
In China war das anders. "Als ich das erste Mal in einen Laden ging, wurde ich sofort in eine Spielgruppe aufgenommen, obwohl mein Chinesisch zu dem Zeitpunkt noch sehr schlecht war. Die fanden es spannend, dass ich spielen konnte, obwohl ich die Karten gar nicht lesen kann." In China sei das Spiel offener. "Hier gibt es Teamturniere, drei gegen drei. Das gibt's in Deutschland gar nicht. So entsteht ein richtiges Gemeinschaftsgefühl. Das motiviert mich, Chinesisch zu lernen. Dank meiner neuen Freunde verbessern sich meine Sprachkenntnisse rapide."
Das zweitägige Beijing Masters ist eines der größten Turniere, an denen er bisher teilgenommen hat. Die Spieltische sind dort in langen Reihen aufgestellt. An der Seite stehen große Bildschirme, die die verbleibende Zeit der Spielrunde anzeigen. Überall konzentrierte Gesichter. An den Tischen werden Pokémon-Karten verteilt, gemischt und hingelegt. Die Karten wirken wie Sammelbilder. Jede zeigt ein farbiges Bild eines Pokémon. In der rechten oberen Ecke stehen dessen Lebenspunkte, also wie viel Schaden es aushält. Unter der Illustration findet man die Attacken, jeweils daneben sind kleine Symbole, die anzeigen, welche und wie viele Energiekarten nötig sind, um sie auszuführen. Außerdem steht dort der Schaden, den die Attacke anrichtet. Für jemanden, der das Spiel nicht kennt, sieht das ziemlich bunt aus. "Das Turnier war viel größer und prunkvoller als Stuttgart", meint Christopher. "Die Halle war dekoriert, es gab eine große Bühne und einen Souvenir-Shop. Am besten lässt sich Peking mit internationalen Turnieren wie dem in London vergleichen." Es gibt verschiedene Ebenen im Pokémon-TCG. Die meisten Spieler beginnen mit League Challenges. Das sind kleine, lokale Turniere in Spielgeschäften. Man sammelt erste Erfahrungen und wenige Punkte. Danach kommen die League Cups. Weiter geht es mit den Regional Championships, nationalen Turnieren, bei denen mehrere Hundert Spieler antreten. Zu den höchsten Stufen zählen die International Championships, wie zum Beispiel in London, das das größte Turnier in Europa ist. Dort werden sehr viele Punkte vergeben, Christopher war 2024 in London dabei. Die Weltmeisterschaft ist das höchste Level. Nur Spieler, die zuvor auf den kleineren Turnieren genügend Punkte gesammelt haben, dürfen hier antreten. Auch hier trat Christopher 2024 an.
Eine Besonderheit in China ist, dass dort nur ein einziges Spiel gegen einen Gegner über Sieg oder Niederlage entscheidet. In Europa spielt man immer "Best of three". "Ich habe in Peking zehn Matches gespielt. Wenn du Pech hast, bist du raus, das macht es aufregender, aber auch stressiger, da Glück eine größere Rolle spielt."
Mit seinem elften Platz sammelte Christopher 200 Championship Points. "Ich war glücklich, aber ein bisschen enttäuscht, weil ich knapp die Top acht verpasst habe. Ab Platz acht bekommt man große Preise, wie exklusive Pokémon-Artikel und noch mal mehr Punkte." Auch die Spielkultur sei unterschiedlich. "In Deutschland ist alles sehr analytisch. In China ist man offener für neue Ideen. Wenn jemand eine verrückte Deckidee hat, probiert man diese öfters aus, statt sie von Anfang an abzuschreiben." Dies half Christopher, schnell Anschluss zu finden. "Neue Spieler haben es hier leichter, weil die Community jünger ist. Man muss zwar selbst aktiv auf Leute zugehen, aber wenn man das tut, wird man herzlich aufgenommen. Ich würde jedem raten, zur Liga zu gehen und sich vorher Decklisten anzuschauen, zum Beispiel auf Limitless TCG. Man kann ein, zwei Karten ändern, aber die Grundidee sollte man übernehmen. So spart man Zeit und versteht die Meta schneller." Und: "Am Ball bleiben, auch wenn man verliert. Jede Niederlage bringt dich weiter."