Da angelt man sich keinen Millionär

Reto Leuch ist einer der letzten Fischer am Bodensee. Das Gewässer ist sauber wie nie, doch den Fischen fehlt das Futter. Geduld und Leidenschaft sind gefragt.

Es ist früh am Morgen in Landschlacht, die Sonne noch nicht aufgegangen. Nebel liegt über dem Wasser, alles ist still. Nur das leise Geräusch eines Bootes ist zu hören, als Reto Leuch, einer der letzten Berufsfischer auf dem Bodensee, vom Ufer ablegt. Während die meisten noch schlafen, hat sein Arbeitstag längst begonnen. Im Winter klingelt der Wecker um 5.30 Uhr, im Sommer noch früher, eine Stunde vor Sonnenaufgang.

 

Die Fischerei Leuch hat eine lange Tradition. Seit mehreren Generationen holt die Familie Fische aus dem Bodensee. Auch der 56 Jahre alte Leuch ist in diese Welt hineingewachsen. Sein Großvater und sein Vater waren bereits Fischer. Und sein jüngster Sohn folgt seinen Spuren. "Es wurde mir ein Stück weit in die Wiege gelegt." Gleichzeitig betont er, dass die Fortführung des Betriebs, den er mit seiner Frau und seinem Sohn führt, seine eigene Entscheidung war.

 

Der Alltag auf dem See ist geprägt von Unwägbarkeiten und von der Natur. "Jeder Tag ist anders und bringt was Neues." Fangmenge, Wetterbedingungen und Einsatzzeiten variieren ständig. Manche Tage verlaufen erfolgreich, an anderen Tagen bleibt das Boot leer. All das verlange Flexibilität und Erfahrung. Der Bodensee bestimme die Arbeitszeiten und nicht die Uhr.

 

Hinzu kommen gesetzliche Vorgaben. Verschiedene Fischarten unterliegen Schonzeiten, in denen sie nicht gefangen werden dürfen, um sich fortzupflanzen. "Jede Fischart hat ihre eigene Zeit", sagt Leuch. Das sei zentral für den Schutz der Bestände. Die Arbeit eines Fischers bestehe deshalb nicht nur aus dem Fang von Felchen, Hecht, Egli oder Forellen, sondern auch aus dem Wissen über die Natur, die Fischarten und die ökologischen Zusammenhänge.

 

In den vergangenen Jahren haben sich die Bedingungen verändert. "Es gibt nicht mehr alle Fische im Bodensee wie früher", sagt Leuch. Der Rückgang der Felchen habe direkte Auswirkungen auf die Arbeit der Fischer. Anpassung sei deshalb ein entscheidender Bestandteil des Berufs geworden. Auch im Familienbetrieb zeigt sich dieser Wandel: Neben der Fischerei spielt der Obstbau eine wichtige Rolle, um die wirtschaftliche Stabilität des Betriebs zu sichern. Während sein Vater zu den "besten Zeiten", vor 30 Jahren, fischen und davon leben konnte, war der Fokus bei seinem Großvater auf dem Obstbau. In den fünfziger Jahren sei der Bodensee nährstoffarm gewesen. "Als ich begonnen habe zu fischen, war die Fischerei die Nummer eins, doch jetzt hat es sich wieder mehr zum Obstbau zurückentwickelt. "Vom Fischen allein kann man heute nicht mehr leben", erklärt Leuch. Heute fischen nur noch sehr wenige Familien am Bodensee. In den achtziger Jahren seien es noch mehr als 200 gewesen.

 

Der Bodensee ist von Natur aus ein nährstoffarmes Gewässer. In den fünfziger bis achtziger Jahren stieg die Konzentration von Phosphor wegen Düngemitteln und ungeklärter Abwässer der stark wachsenden Bevölkerung auf das über Achtfache an. Das Algenwachstum explodierte. Phosphathaltige Waschmittel wurden verboten, und es wurden Milliarden in Kläranlagen investiert. Heute ist der See so sauber wie nie. Ein idealer Trinkwasserspeicher für Millionen von Menschen, aber für die letzten Fischereien vom Bodensee fehlt die Balance und das Futter für die Fische.

 

Ein typischer Arbeitstag beginnt mit der Vorbereitung des Motorbootes. Danach geht Leuch allein hinaus auf den See, wo er die Netze einholt. Anschließend folgt die Verarbeitung des Fangs an Land. Der Fisch wird ausgenommen und zum Verkauf im hofeigenen Laden ausgelegt oder, je nach Menge, an die regionalen Restaurants verkauft. Dieser Ablauf erfordert Routine, Erfahrung und Präzision. Die Frische der Produkte stehe im Mittelpunkt. Gleichzeitig bleibt die Arbeit körperlich anspruchsvoll. Auch das Wetter spielt eine entscheidende Rolle. Plötzliche Wetterumschwünge gehören dazu. Bei Sturm bleibt Leuch am Ufer. "Wenn es zu gefährlich ist, gehe ich nicht aufs Wasser."

 

Die mentale Komponente ist ebenfalls nicht zu unterschätzen. "Ich bin auch schon ohne einen einzigen Fisch zurückgekommen", erzählt Leuch. Die Bandbreite liege zwischen fünf einzelnen Fischen und 35 Kilogramm. Geduld sei deshalb eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein Fischer besitzen sollte. Besondere Erlebnisse bleiben im Gedächtnis. Leuch erzählt vom Fang eines Welses mit rund 80 Kilogramm Gewicht. Auf die Frage, was ihn über all die Jahre am meisten geprägt habe, macht er eine längere Pause. Dann sagt er ruhig: "Demütig sein." Die Natur lasse sich nicht kontrollieren. Entscheidend sei die Fähigkeit, sich anzupassen und mit den Bedingungen zu arbeiten, die der See vorgibt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 14.09.2026, Nr. 213, S. 26 - Ian Grob, Kantonsschule Kreuzlingen

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