In Mulegns im Bündnerland wird ein 30 Meter hoher, 3D-gedruckter Turm für die Zuckerbäcker eingeweiht
Mitten im alpinen Bündnerland, umgeben von dichten Wäldern, liegt Mulegns, eines der kleinsten Dörfer Europas mit knapp 30 Einwohnern. Und mitten in Mulegns, auf dem Dorfplatz: der höchste 3D-gedruckte Turm der Welt. Auf Rätoromanisch heißt er "Tor Alva", auf Deutsch "Weißer Turm". Die rund 30 Meter hohe Struktur zieht die Blicke von rund 150 Menschen auf sich. "Der Turm ist eine Hommage an die Bündner Zuckerbäcker", erklärt der achtundfünfzigjährige Giovanni Netzer, Gründer und Leiter von Origen, der Kulturstiftung in Riom, die die Idee entwickelt und umgesetzt hat.
Die einzige Straße, die durch Mulegns führt, ist am Morgen noch leer. Nur vereinzelt stehen Sicherheitskräfte in orangen Warnwesten bereit. Der Fluss, der das Dorf durchquert, ist von überall hörbar. Die traditionellen Alpenhäuser haben bunte Fensterläden. Am offiziellen Einweihungstag von Tor Alva am 20. Mai 2025 kommen die ersten Busse mit Gästen für das zweitägige Event an der kleinen Haltestelle an.
Der Turm ist noch vollständig von einem dunkelgrauen Tuch verhüllt. Gleich daneben befindet sich das Hotel Löwe, ein älteres Haus im Rokokostil mit einem kleinen Café und Terrasse, wo ein Büfett bereitsteht. An den Tischen sitzen Journalisten mit ihren Laptops, zugleich bereiten sich Filmteams vor. Das Dorf belebt sich. Etwa 150 Meter vom Turm entfernt fangen Sicherheitskräfte an, Absperrungen zu errichten. Menschen suchen sich Aussichtspunkte, einige finden sogar einen auf einem großen Hügel. Von dort aus sieht man das ganze Dorf, das aus gut einem Dutzend Häuser besteht. Über Jahrzehnte hat Mulegns, nach einer Blütezeit im 19. Jahrhundert, an Entvölkerung gelitten. Auch die Bündner Zuckerbäcker mussten ihre Heimat verlassen, weil die kleinen Dörfer in den alpinen Tälern sie nicht mehr ernähren konnten. Viele von ihnen wanderten nach ganz Europa aus und eröffneten dort Konditoreien. "Sie waren damals im ganzen Kontinent berühmt für ihre einzigartige Kunst", sagt Netzer.
Die Stiftung Origen hatte bereits Jahre zuvor an einem anderen Ort einen Holzturm bauen lassen, auf dem Tanzaufführungen und andere Veranstaltungen stattfanden. Dieser durfte nur fünf Jahre stehen und musste danach abgebaut werden, eine Auflage, die der Stiftung aus den Schweizer Bauvorschriften bekannt ist. Die Stiftung kontaktierte die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH), um gemeinsam einen neuen, innovativen, 3D-gedruckten Nachfolger zu entwickeln.
Genau wie der Holzturm ist auch Tor Alva ein Provisorium, das nach fünf Jahren wieder weichen muss. Aus der Ferne sieht man, wie ein roter Helikopter von einer Wiese hinter dem Turm abhebt. Ein Metallhaken an einem langen Seil, das am Helikopter befestigt ist, wird am oberen Ende des Tuchs eingehängt. Es herrscht Stille, nur das Schlagen der Rotoren ist zu hören. Nach wenigen Minuten steigt der Helikopter langsam auf. Unter ihm kommt ein historisches Steinhaus ans Licht, und darauf stehend: Tor Alva. Der Helikopter fliegt mit dem Tuch davon. Auf einem Balkon des Hotels Löwe stehen die Projektleiter, deren Reaktionen eine Studiokamera einfängt: eine Mischung aus Stolz und Erleichterung. Die futuristische Struktur wird von wellenartigen, spiralförmigen, weißen Säulen gestützt, auf jeder der vier Etagen. Sie wirken elegant, modern und lassen Licht hindurch, sodass dem Turm ein Gefühl von Leichtigkeit gegeben wird. "Das Einzige, das diese Säulen der Kuppel tragen, ist der Himmel", erklärt Benjamin Dillenburger, Professor für Architektur an der ETH und Architekt dieses Projekts.
Der weiße Turm besteht aus 3D-gedruckten Betonelementen, die sich aus mehr als 2500 einzelnen, acht Millimeter hohen Druckschichten zusammensetzen. Aneinandergereiht sollen sie eine Länge von fast 250 Kilometer haben. "Diese Drucktechnik ist relativ neu und heißt 3D-Betondruck. Da man beim 3D-Druck nicht stoppen kann, muss jedes Element aus einem kontinuierlichen Druckpfad ohne Unterbrechung gedruckt werden", fügt Dillenburger hinzu. Die Baukosten beliefen sich auf rund vier Millionen Franken. Finanziert wurde das Projekt durch Spenden von Stiftungen, Unternehmen und Privatleuten. Obwohl Tor Alva als temporäres Bauwerk erschaffen wurde, ist er so gebaut, dass man ihn nach seinem Abbau vollständig an einem anderen Ort wieder aufstellen könnte.
Der Applaus ist laut, als der Turm in seiner ganzen Pracht sichtbar wird. Man hört Drohnen über dem Dorf kreisen. Kurz danach wird der Turm geöffnet. Im Eingang strömt die Menschenmenge ein, woraufhin man kontrollieren muss, dass die maximale Kapazität von 32 Personen nicht überschritten wird. Eine Wendeltreppe aus Metall führt nach oben. Während die Säulen von Geschoss zu Geschoss filigraner werden, weitet sich die Turmbreite nach außen, was der Struktur eine durchscheinende, fast gewichtslose Präsenz gibt. Der Besucher hat beim Aufstieg über die zentrale Treppe den Eindruck, der Schwerkraft zu entkommen.
"Mit neuen Technologien können wir Beton einsparen, indem man ihn nur dort einsetzt, wo er strukturell wichtig ist. Das heißt, dass die Säulen an sinnvollen Stellen hohl sind", erklärt der am Projekt beteiligte ETH-Professor für Baustoffe Robert Flatt. Auf der obersten und einzigen begehbaren Plattform sitzen bereits Besucher auf einer kreisförmigen beheizten Metallbank. Sie tauschen sich begeistert aus und bleiben für längere Zeit oben, denn niemand will den Turm verlassen. Unten hat sich mittlerweile eine Warteschlange gebildet. Am Abend folgt eine Lichtershow. Kräftige Lichter beleuchten Tor Alva von allen Seiten, fließende Übergänge von rot zu orange, von blau zu violett. Die Säulen reflektieren das Licht in der Dunkelheit und wirken fast lebendig. Stille. Keine Musik, keine Gespräche. Mit großen Augen betrachtet jeder den weißen Turm. 15 Sekunden lang bleibt das Farbschema unverändert, ein stilles Zeichen dafür, dass die Lichtershow zu Ende ist.
Applaus ergießt sich über den Dorfplatz. Und das gleiche Lächeln auf den Gesichtern der Projektleiter wie bei der Enthüllung des Turms. Netzer erklärt: "Wir haben uns gefragt: Was würden diese Zuckerbäcker bauen, wenn sie nach Jahren nach Mulegns zurückkehrten? So entstand dieser Turm, wobei auch die feinen Linien des 3D-Ausdrucks und die Farbe an die Zuckerbäcker erinnern." Mit diesem Turm sind die Zuckerbäcker doch noch nach Hause zurückgekehrt.