Da wird bis in die Puppen gearbeitet

Eine St. Galler Künstlerin erweckt mit ihrem Spiel Stoffpuppen zum Leben.

Das Publikum verstummt, als das Licht im restlos ausverkauften Figurentheater St. Gallen erlischt und ein Scheinwerfer die Bühne erhellt. Links ein weißer Paravent, hinter dem Stroh auf dem Boden hervorschaut, rechts ein Holzregal mit Büchern, Malutensilien, Tüchern und einer Musikbox. Im Zentrum ein Maltisch mit Hocker und ein Metallwagen mit Pinseln und Farbflaschen. Mit zielstrebigen Schritten betritt Rahel Wohlgensinger die Bühne. Sie ist eine zierliche Frau mit langen braunen Haaren, die zu einem Zopf gebunden sind. Beschwingte Musik begleitet die Puppenspielerin, die die Ergotherapeutin eines Altersheims darstellt, bei ihren Vorbereitungen für eine Therapiestunde mit Herrn Fässler. Die Zuschauer erfahren, dass Herr Fässler ein besonders schwieriger Fall ist. Er lasse sich im Gegensatz zu all den anderen Patienten nicht auf das ergotherapeutische Angebot ein. Aber was soll man auch von einem alten Esel erwarten?

 

Zusammengesunken in einem Rollstuhl wird Herr Fässler, die Eselhandpuppe, von der Puppenspielerin auf die Bühne geschoben. Mit gezielten Handbewegungen erweckt sie den Esel zum Leben. Aus einer gewissen Verzweiflung heraus habe Wohlgensinger vor 25 Jahren zum Puppenspiel gefunden. "Nach Abschluss meines Querflötenstudiums war für mich klar, dass es doch nicht das Richtige für mich ist. So begann ich an der Scuola Teatro Dimitri im Tessin eine Ausbildung. Ich merkte jedoch während der Probezeit sehr schnell, dass dies auch nichts für mich ist. Mein ehemaliger Lehrer an der Schule legte mir dann das Puppenspiel ans Herz. Ich dachte, ich probiere das mal aus, habe mich an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin beworben und bin tatsächlich angenommen worden." Dort war sie von 2003 bis 2007.

 

Immer wieder brandet Szenenapplaus auf. Mit wenigen Handgriffen verwandelt die Puppenspielerin den Rollstuhl in ein Motorrad, auf dem sie und Herr Fässler eine Szene aus seiner bewegten Vergangenheit nachspielen. "Besonders berührend für mich war, als Rahel mit Herrn Fässler einen Schleicher in der Rolle seiner ehemaligen großen Liebe Aurelia getanzt hat. Da war eine so innige Stimmung im Raum", erzählt Zuschauerin Meike Wolters, die schon seit Jahren ein großer Fan ist. Neben dem Stück "Herr Fässler und die Stürme der Liebe" hat sie auch viele andere besucht, wie "Frau Meier, die Amsel", "Monty, so ein Chaos!" oder "Die Weihnachtsgans Auguste". "Ich finde es faszinierend, wie Rahel in Sekundenschnelle die Rollen wechselt und ihre Stimme verändern kann."

 

Das Stück "Herr Fässler und die Stürme der Liebe" hat Wohlgensinger selbst geschrieben. Die ganze Entstehung eines Puppenspiels sei ein intensiver Prozess. Hat die Künstlerin eine Idee, braucht es meist ein bis zwei Jahre, bis diese in eine echte Dramaturgie umgewandelt wird. Danach gilt es, Geld zu sammeln, Dossiers zu schreiben, ein Team zusammenzustellen und zu proben. Je nach Produktion wird Wohlgensinger von ein bis zwei weiteren Puppenspielern unterstützt. "Wenn ich Stücke selbst entwickle, dann sind es Themen, die nahe an mir dran sind", sagt die gebürtige St. Gallerin. So besitzen die Stoffpuppen am Ende nicht nur ihre Stimme, sondern auch Teile ihrer Persönlichkeit.

 

Neben den Bewegungen und Gesten sei der Text ein zentraler Bestandteil der Aufführung. "Den Text lerne ich am besten beim Laufen auswendig. Teilweise hört es dann auch nicht mehr auf, und man lernt beim Autofahren oder wenn man ins Bett geht. Das kann auch anstrengend sein, und man muss lernen, damit klarzukommen, um abschalten zu können." Die Proben finden in einem Raum, am besten in einem Theater mit Bühne, statt. Wohlgensinger führt ihre Stücke in vielen Theatern der Schweiz auf. Sie ist Mitglied der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld im Kanton Thurgau. Das ist eine besondere Kulturstätte, wo früher Mechaniker an Lokomotiven schraubten. Wohlgensinger lebt mit ihrem Mann, der ebenfalls Schauspieler ist, ihren drei gemeinsamen Kindern und einem Hund zusammen.

 

Herr Fässler und die anderen Puppen, die Wohlgensinger einsetzt, werden nicht von ihr hergestellt. Die Produktion findet bei spezialisierten Puppenbauern in Berlin statt. "Puppenbau ist ein ganz eigenes Berufsfeld. Das ist sehr komplex, da die ganzen Gelenke, der Gesichtsausdruck und das Material aufeinander abgestimmt werden müssen. Das machen die einfach großartig." Als Puppenspielerin erteile sie den Auftrag. Die Herstellung erfolge dann fortlaufend mit dem Hin- und Herschicken von Fotos und Verbesserungs- oder Änderungsvorschlägen. Die Endprodukte lassen sich sehen. Herr Fässler ist ein Esel mit grauem Fell, großen löffelartigen Ohren, hellgrauen Nüstern, braunen Glasaugen mit darüberliegenden dunkelgrauen Augenbrauen und rosa Zunge. Er ist 110 Zentimeter groß. Andere Puppen sind um einiges kleiner, etwa nur 25 Zentimeter groß. "Mithilfe von Stimme und Bewegungen gelingt es mir, die tote Materie lebendig erscheinen zu lassen. Obwohl der Gesichtsausdruck der Puppe sich nicht verändert, können durch verschiedene Kopfhaltungen sowie schnell oder langsam ausgeführte Bewegungen verschiedene Emotionen übermittelt werden."

 

Im Jahr 2024 erhielt Wohlgensinger den mit 25.000 Franken dotierten Thurgauer Kulturpreis. "Ich habe ein bisschen Panik bekommen. Als ich das gehört habe, hatte ich das Gefühl, das ist ja verrückt." Wohlgensinger lacht. Nicht nur sie selbst, sondern auch die Rolle des Puppentheaters für die Kultur sei gewürdigt worden. "Das Puppenspiel ist eine Form, eine Sprache von Kultur." Die Künstlerin blickt sich auf der Bühne um. "Es ist magisch, und ich finde es großartig, dass es auch in der Schweiz immer mehr Raum bekommt."

 

"Dieses zu zweit präsent sein ist sehr anspruchsvoll. Das ist eigentlich so die Königsdisziplin des Puppenspiels, was ich heute hier gespielt habe", erklärt die Sechsundvierzigjährige. "Außerdem ist Puppenspiel körperlich sehr anstrengend. Ich trage das Gewicht der Puppe, was anstrengend für meine Gelenke ist. Das darf nicht sichtbar werden, denn die Puppe soll sich mit Leichtigkeit bewegen." Das Puppenspiel erfordere viel Rhythmus, Technik, Leichtigkeit und Konzentration. "Je nach Tagesform gelingt es mal besser und mal weniger gut."

 

Bei den Zuschauern der heutigen Vorstellung, die auf den roten Samtsitzen des Figurentheaters Platz genommen haben, handelt es sich größtenteils um Menschen der älteren Altersklasse. "Das ist eine ganz andere Dynamik, wenn Kinder mit dabei sind", erzählt Wohlgensinger. Nach Kindervorstellungen können die Kinder die Puppen auch noch aus näherer Sicht betrachten, sie auf den Arm nehmen und ein Foto mit ihnen machen. "Am meisten berührt hat mich, als ich in einer heilpädagogischen Schule gespielt habe und ein kleines Mädchen sich in die Wildsau verliebt hat. Ihr ist es sehr schwergefallen, sich von ihr zu verabschieden. Sie ist rückwärts aus dem Saal gelaufen und hat der Wildsau Kusshände zugeworfen."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 31.08.2026, Nr. 201, S. 26 -

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