Das Ewigweibliche zieht er an

Micha Bolleter verwandelt sich in eine Dragqueen und wird zur Königin der Nacht. Für den Zwanzigjährigen ist das eine Kunstform, keine Identität.

Hohe Absätze, Perücke, extravagante Kostüme und eine Menge Attitude. Als Dragqueen ist Micha Bolleter aus Wetzikon in seiner Welt. Tritt der Zwanzigjährige in seinem Drag-Look auf, nennt er sich Ares, abgeleitet von seinem Sternzeichen. Seine Beine zieren diamantförmige Tattoos, insgesamt 21. Weitere sind geplant. Er studiert Audio-Engineering in Zürich und arbeitet im Zoo, als Nebenjob, um das Studium zu finanzieren. Sein Ziel: vom Drag leben zu können. Er ist der Jüngste von vier Brüdern, seine Familie seine größten Supporter. "Ich war schon immer sehr feminin", sagt er. "Drag ist einfach dazugekommen, als ich in meinem Zimmer rumexperimentiert habe und Spaß daran hatte. Es ist eine Kunstform, die mein Hobby ist und nun langsam auch mein Beruf wird. Es hat nichts damit zu tun, was ich als Person bin." Seine erste Show hatte Micha 2022 und gewann sie. Er wurde Miss Drag-Roy-Lälle-Ty 2022 in Basel. Das sei der endgültige Auslöser gewesen, in die Drag-Welt einzusteigen. Mit der Einstellung "You only live once" verfolgt er sein Ziel. Schon als Kind habe er es geliebt, im Mittelpunkt zu stehen. Heute ist das eine seiner Stärken. Mit 17 begann er mit Drag, was ungewöhnlich jung sei, meist starten andere erst mit Mitte 20. Inspiriert wurde Micha von Kelly Heelton, einer 1981 in São Paulo geborenen deutsch-brasilianischen Drag-Ikone.

Eine Dragqueen ist meist ein Mann, der sich auffällig, feminin und künstlerisch schminkt und kleidet. Es geht um Make-up, Styling und Performance, Tanz, Gesang oder Lip-Sync. Für Micha hat diese Kunstform neue Türen geöffnet: The Voice of Germany, Modelaufträge, öffentliche Auftritte. Es gibt zwei bekannte Arten von Shows. Clubshows finden meist spätabends auf kleineren Bühnen statt, das Publikum ist dort auch zum Feiern, und alle sind erwachsen. Anders bei Theaterauftritten: große Bühnen, das Publikum sitzt, und es kommt wegen der Show. "Man muss alles im Voraus planen. Wie nutze ich den Platz? Wie wird es nicht langweilig? Hat die Show einen roten Faden? Wie schneide und kombiniere ich die Lieder?" Auch Kostüme, Make-up und Perücken müssen miteinander harmonieren. Auf die Frage, wie lange er braucht, um sich in Ares zu verwandeln, lächelt er. "Wenn ich Zeitdruck habe, schaffe ich es in zwei Stunden, aber ich plane lieber drei ein." Sobald er in Ares' Rolle schlüpft, verändere sich seine Haltung völlig. "Dann kommt die Diva hervor." Er sei dann viel selbstbewusster, das spüre auch das Publikum. "Wenn ich in Drag bin, habe ich ein Schutzschild, das ich als Micha nicht habe. Ich verstelle mich nicht. Ich bin als Ares einfach die extremste und viel femininere Version von mir selbst."

Drag nimmt viel Zeit in Anspruch. Micha erzählt von seinem Lieblingsoutfit. Alles selbst gemacht: die Idee, Perücke, Kostüm, Accessoires, Musik, Performance - und alles aufeinander abgestimmt. "Mein Lieblingsoutfit war bei ,The Voice of Germany', im November 2024. Ich trug eine lange schwarze Perücke, passendes Make-up und lange Nägel. Besonders stolz bin ich auf das Top, eine glitzernde Hand aus Gips, die ich golden angemalt habe, verziert mit funkelnden Strasssteinen. Mit einer goldenen Kette ist der Arm um den Hals befestigt. Es sieht aus, als würden vier Tränen von dem Arm herunterbaumeln." Den langen roten Rock hat er genäht. Allein für das Aufkleben der Steinchen habe er 15 Stunden gebraucht. "Es ist etwas ganz Besonderes, sich selbst im Fernsehen zu sehen." Er habe sich spontan beworben. "Ich habe einfach ein Video eingeschickt, zwei Interviews gemacht und wurde zur Finalauswahl eingeladen. Das alles innerhalb von sechs Monaten." Ein weiteres Highlight: das Modeln für Tally Weijl, ein schweizerisches Fashion-Label für junge Frauen. "Sie haben mich bei ,The Voice' entdeckt. Ich war das Gesicht einer Kampagne, die in Deutschland, der Schweiz und in Italien lief. Als ich mich in Berlin auf einem Plakat sah mit meinem Gesicht und Namen, war das surreal."

Doch Drag stoße noch immer auf Ablehnung. "Es könnte viel mehr akzeptiert sein, vor allem in konservativen Ländern, dort, wo es in der Kultur oder Religion nicht akzeptiert wird." Viele verbinden Drag mit Sexualität oder glauben, man müsse schwul sein, um das zu machen. "Das ist völliger Blödsinn. Viele denken auch, Drag und Transgender seien dasselbe. Es gibt sogar Dragqueens, die denken, man muss schwul und ein Mann sein. Viele denken, dass ich in meinem Alltag auch eine Frau sein will. Aber ich bin ein Mann, der Drag liebt, als Kunstform, nicht als Identität." In der Sekundarschule in Wetzikon habe er eine gute Zeit gehabt, auch wenn es Phasen von Mobbing gab. Als er sich in der dritten Sekundarstufe als schwul outete, musste er sich nicht mehr verstecken. Rückblickend würde er seinem sechzehnjährigen Ich raten: "Lass dich nicht runterkriegen, verändere dich nicht für andere, nur um ihnen zu gefallen. Bleib' du selbst und mach' das, was dir Spaß macht. Wenn ich nach einem langen Tag als Ares wieder Micha bin, fühlt es sich an, als würde ich endlich die Skischuhe ausziehen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 16.03.2026, Nr. 63, S. 26 - Elenja Rüegg Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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