Das Geschlecht spielt keine Rolle

Schauspieler Klaus Nierhoff engagiert sich gegen eine antiqueere Haltung, lässt sich nicht in Klischeegeschichten pressen und findet: "Die Aufklärung ist gewachsen, und die Gegenbewegung ist aber auch mitgewachsen."

Wir können alles spielen", sagt Klaus Nierhoff. Er ist seit 40 Jahren Schauspieler. Der 67-Jährige ist groß, hat eine markante Erscheinung und auffallend blaue Augen. In Köln studierte er Germanistik, entdeckte dort das Schauspielen und absolvierte 1984 die Schauspielschule "Der Keller". Nierhoff spielte Theater auf zahlreichen Bühnen im In- und Ausland. Später kamen Film und Fernsehen dazu. Viele kennen ihn aus Serien wie "Alarm für Cobra 11", "Lindenstraße" oder "SOKO Köln". Aktuell ist er in "WaPo Duisburg" zu sehen.

Klaus Nierhoff zählt zu den Erstunterzeichnern des #ActOut-Manifests vom 5. Februar 2021, in dem 185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans Schauspieler mehr Sichtbarkeit und Vielfalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche forderten. Die sexuelle Orientierung sollte in keinem Zusammenhang mit der Besetzung eines Schauspielenden stehen. "Also, dass das so lange dauern musste, das in dem Beruf öffentlich in den Raum zu stellen: 'Wir können alles spielen'. Man muss uns nicht, weil wir jetzt privat lesbisch, schwul, trans oder queer sind, in Klischeegeschichten reinpressen. Ein privat schwuler Schauspieler kann auch einen heterosexuellen Lover oder einen Haudrauf-Typen darstellen. Das ist das Wesen des Berufs."

Bei seiner jüngsten Serie habe ein festgeschriebener Verhaltenskodex ausgehangen, der jegliche Form von "Bullytum, Respektlosigkeit oder Übergriffigkeit untersagte", egal ob gegen queere oder heterosexuelle Menschen. Das Regelwerk des Bundesverbands Schauspiel (BFFS) gegen Übergriffe und für einen respektvollen Umgang wurde 2024 in Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Branchenpartnern im "Respect Code Film" festgelegt. Nierhoff betont, dass gesellschaftlich betrachtet Gesetze hilfreich sind, um sich gegen Diskriminierung zu wehren. Das gebe die Möglichkeit der Beschwerde an öffentlicher Stelle. Grundsätzlich handele es sich um ein Menschenrechtsthema. "Jeder soll so sein, wie er ist und nicht aufgrund irgendwelcher Faktoren diskriminiert werden." Nierhoff sieht gegenwärtig eine Gegenbewegung, ein Rollback. "Die AfD hat ja trotz ihrer lesbischen Vorsitzenden in ihrer DNA eine antiqueere Haltung. Man sieht in den USA unter einer zunehmend faschistoiden Regierung, wie die queeren Errungenschaften nach und nach wieder abgebaut werden. Unter autoritären Strukturen werden Feindbilder geschaffen, die die Gesellschaft spalten sollen. Und das geht meistens gegen die vulnerablen Gruppen. Das ist fast eine politische Gesetzmäßigkeit. Da muss man gegenhalten."

Er erzählt, dass er von 2006 bis 2011 eine Holocaust-Überlebende in einem Pflegeheim besucht und betreut habe, nachdem sie sich im Rahmen eines Begegnungs- und Erzählcafés des Bundesverbands Information & Beratung für NS-Verfolgte kennengelernt hatten. Sie stammte aus einer sozial schwachen Familie und sei während des Nazi-Regimes als 'asoziale Person' eingestuft worden. Weil sie ein uneheliches Kind geboren hatte. Nierhoff sieht Parallelen zwischen der damaligen Ausgrenzung von "Asozialen" und dem heutigen Narrativ von "Sozialschmarotzern", das zunehmend stärker werde. "Das ist ein Vorbote einer autoritären Entwicklung der Gesellschaft. Da hoffe ich, dass ihr jungen Leute uns und natürlich auch euch helft: Lasst nicht zu, vulnerable Gruppen auszugrenzen und dann unsichtbar zu machen, denn das wäre der falsche Weg."

Auf die Frage nach seinen künstlerischen Vorbildern berichtet Nierhoff von einem Jugenderlebnis. Als er 14 war, habe er den Film "Teorema - Geometrie der Liebe" von Pier Paolo Pasolini im Fernsehen gesehen, mit Terrence Stamp in der Hauptrolle. "Der hat mich total geflasht. Dieser Schauspieler war sowohl als junger Mann als auch im Alter eine würdevolle Erscheinung mit magnetischer Ausstrahlung und zur Zeit von 'Teorema' ein Sexsymbol. Meine Faszination hatte sicherlich auch mit dem subkutanen Begreifen meiner Homosexualität zu tun." Nierhoff outete sich mit 19. "Nachdem ich das meinen Eltern gesagt hatte, war sehr schnell sehr klar, dass ich das auch offen leben möchte." Das war Ende der Siebzigerjahre ein mutiger Schritt. Er zog 1978 aus dem Sauerland zum Studium nach Köln, eine gute Stadt, um sich auszuleben, da es eine queere Szene gab. Im Studium freundete er sich mit Hella von Sinnen an. Sie und Dirk Bach haben ihre Sexualität "pompös nach außen" gelebt und seien schnell zu queeren Stars geworden. Er selbst hingegen sei den Beruf des Schauspielers auf der "klassischen Ebene" angegangen und habe überwiegend Theater gespielt, bis in den Neunzigerjahren das Fernsehen überwog.

Nierhoff ist Pate des Kölner Jugendzentrums Anyway, "eine Heimstatt für queere Menschen, die eine Rückenstärkung brauchen", oft weil "die Eltern oder die Institutionen sie mobben oder diskriminieren. Junge Menschen sollen bestätigt werden mit der Feststellung' egal ob du queer, lesbisch oder asexuell oder was auch immer du bist, du bist richtig'". Das Anyway gilt als Europas erstes queeres Jugendzentrum. "Das ist der Punkt. Dieses Jugendzentrum, das ist eine Selbstermächtigungsmaschinerie." Das anyway stärke die Jugendlichen und bestätige sie in der Fragestellung, wie sie sich sexuell orientieren. Das Motto: "Du bist richtig. Die Gesellschaft ist falsch, wenn sie dich nicht richtig findet."

Einerseits beobachtet Nierhoff, dass "wir große Fortschritte gemacht haben" in der Anerkennung dessen, dass Menschen sich unterschiedlich entwickeln. Es habe sich eine größere Diversität entwickelt in der Gesellschaft, die Wissenschaft habe Erkenntnisse dazu beigetragen. Andererseits habe sich nun die Gegenbewegung organisiert. "Die Aufklärung ist gewachsen, und die Gegenbewegung ist aber auch mitgewachsen." Der Zweifel, der in einer wissenschaftlich basierten Haltung immer enthalten ist, ermögliche nur eine Annäherung an die Wahrheit. Und diese Unschärfe hielten Autoritäre nicht aus und suchten eine absolute Wahrheit. Dann könne etwas Gewalttätiges entstehen, wenn man "die Wahrheit niederkloppen und seine eigene Fake-Geschichte dagegenhalten will". Er betont: "Wenn ich meine Lebensspanne sehe, zwischen 19 und 67, dann hat sich doch viel verbessert. Ein größeres Bewusstsein dafür, dass Menschen vielfältig unterwegs sind, ist eine gute Sache."

Wichtig sei, wachsam zu bleiben, gegen das Autoritäre anzukämpfen und die erlangten Errungenschaften nicht als selbstverständlich anzusehen, sondern zu verteidigen. Zu sich selbst zu stehen. "Seht, was ihr für die Welt tun könnt, nicht nur, was die Welt für euch tun kann." Vorurteile hinterfragen und erkennen. Verstehen, dass man einen Wert hat, dass man etwas geben, sich weiterentwickeln kann. "Und den queeren Leuten sag' ich noch: Bleibt laut, bleibt sichtbar, traut euch!"

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 16.03.2026, Nr. 63, S. 26 - Philipp Dehnhard, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

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