Den Karlsruher Zoo gibt es seit 1865. Er hat viele Veränderungen erlebt. Zoodirektor Matthias Reinschmidt liegt der Artenschutz am Herzen.
"Henry", ruft Matthias Reinschmidt, Direktor des Zoos Karlsruhe, nachdem er das Fenster seines Büros geöffnet hat. Sofort kommt einer der drei Hyazinth-Aras aus der großen, außen an das Fenster angebauten Voliere angeflogen und setzt sich auf seinen Arm. Beide kommunizieren miteinander vor dessen Schreibtisch, der mit originellen Tierskulpturen und exotischen Pflanzen bestückt ist. Reinschmidt reicht Henry eine Walnuss, die der Ara mit dem Schnabel knackt. "Dieses Küken im Brutkasten ist ein Orangehaubenkakadu", sagt Reinschmidt und zeigt freudig auf den gegenüberliegenden Inkubator, während Henry auf seinem Arm sitzt.
Schon als Kind entdeckte der heute Zweiundsechzigjährige seine besondere Zuneigung zu Vögeln und züchtete Wellensittiche im Elternhaus. Im Alter von sechs Jahren stand für den gebürtigen Bühler der Berufswunsch fest: Zoodirektor. "Über Jahrzehnte habe ich seit meiner Kindheit die Entwicklung des Karlsruher Zoos intensiv miterlebt." Während des Studiums sammelte er dort erste Erfahrungen als Praktikant. Nach dem Studium arbeitete er fast acht Jahre als Redakteur einer Fachzeitschrift für Papageien und später 15 Jahre als Zuchtmanager, Kurator und zoologischer Direktor im Loro Parque auf Teneriffa.
Dann kehrte er zu seinem Heimatzoo als Direktor zurück. Er fungiere als Bindeglied zwischen Tieren, Zoogästen, Tierpflege-Team sowie Verwaltung und müsse auf die organisatorischen Abläufe achten. Sein Augenmerk gilt dem Tierwohl: "Wenn der Zoo noch so wäre wie vor 40 Jahren, würde ich mich für die Schließung einsetzen."
Der Zoo Karlsruhe wurde 1865 von einem Verein für Geflügelzucht gegründet, mit dem Ziel, Menschen ein exotisches Erlebnis zu bieten. Damals zeigte er heimische Arten und Tiere aus fernen Ländern. "Das war zu dieser Zeit eine Sensation, denn man kannte solche nur aus Büchern. Allerdings hatte die Sensationslust der Menschen auch einen Preis: Die Tiere wurden in der Natur gefangen, nach Deutschland gebracht und in enge Käfige gesetzt. Tierschutz und Tierwohl waren damals zweitrangig." 1877 übernahm die Stadt Karlsruhe den Zoo.
Um die Jahrhundertwende gab es große Geländeerweiterungen, einen neuen Südeingang sowie einen Rosen- und Japangarten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Zoo größtenteils zerstört, der Stadtgarten wurde für den Gemüseanbau genutzt und der Tierbestand aufgelöst. Nach dem Krieg wurden die Gartenanlagen wieder aufgebaut, in den Fünfzigerjahren entstanden neue Tiergehege - unter anderem für Robben, Pinguine, Eisbären, Affen- und Huftierarten. 1963 wurde eine eigenständige Zoodirektion eingerichtet.
In den vergangenen 20 Jahren baute man eine Wasserwelten-Anlage mit Bereichen für Pinguine, Robben und Eisbären neu. Die Schneeleoparden bekamen eine große Fläche am Lauterberg, auch die Elefantenanlage wurde deutlich erweitert. In der neuen Afrikasavanne leben jetzt Giraffen zusammen mit Säbelantilopen, Weißnackenmoorantilopen und Zebras. "Heute", sagt Reinschmidt, "sind Tierwohl und Artenschutz unser Wichtigstes." So können die meisten Tiere selbst entscheiden, wann sie sich in ihren Außen- oder Innenanlagen aufhalten, es gibt immer Rückzugsmöglichkeiten.
Rund 120 Mitarbeiter arbeiten in den Bereichen Tierpflege und -medizin, Biologie, Verwaltung, Öffentlichkeitsarbeit und Zoopädagogik, Handwerk sowie Bau und Technik. Der Bereich Zoologie gelte als Herzstück, dort laufen alle biologischen, tiermedizinischen und artenschutzbezogenen Aufgaben zusammen. 50 Mitarbeiter sind für die tägliche Versorgung der Tiere verantwortlich.
Zusätzlich gibt es den 16 Hektar großen Tierpark Oberwald, der als Dependance mitten im Stadtwald liegt. Neben Elchen sind dort Wisente, Onager und bedrohte Hirscharten zu finden. Über die Zoopädagogik werden Schulklassen und andere Gruppen durch rund 30 Zoo-Scouts betreut.
Vor allem der Artenschutz ist Reinschmidt eine Herzensangelegenheit. Mit Dokumentationen über Artenschutzprojekte hat sich der promovierte Biologe einen Namen gemacht. Der Zoo unterstützt Artenschutzprojekte weltweit, aber auch "vor der Haustür". "Anders als vor rund 40 Jahren arbeiten die Zoos im Bereich Artenschutz zusammen." Die primäre Aufgabe der Zoos bestehe darin, Verantwortung für bedrohte Tiere zu übernehmen. So beteiligt sich der Zoo Karlsruhe an 90 Erhaltungszuchtprogrammen, mit denen eine Reservepopulation in menschlicher Obhut geschaffen werden soll, damit Tierarten überleben, selbst wenn sie in der Natur verschwinden.
Ein Leuchtturm-Projekt ist die Wiederansiedelung des Luchses in Baden-Württemberg. Dieser wurde in Deutschland vor 200 Jahren ausgerottet. In der Schweiz hat sich eine Population entwickelt, von der männliche Tiere, die Kuder, in neue Gebiete abwandern und sich eigene Reviere suchen. Im Schwarzwald leben derzeit elf männliche Luchse und ein Weibchen. Es sollen weitere weibliche Tiere aus Zoobeständen folgen, damit sich langfristig die Population selbst erhalten und mit anderen Luchsvorkommen - etwa im Pfälzer Wald - verbinden kann. Damit die ausgewilderten Luchse eine Chance haben, sich an ein Leben in der Natur zu gewöhnen, verfügt der Zoo Karlsruhe im Oberwald über ein Koordinationsgehege. Dort haben die Tiere fast keinen Kontakt mehr zum Menschen, bevor sie unter wissenschaftlicher Beobachtung in die Natur entlassen werden.
Auch die Beschäftigung der Tiere spiele eine zentrale Rolle. In der Natur verbringen viele den größten Teil des Tages mit Nahrungssuche. Um Langeweile zu vermeiden, müssen sie sich das Futter auch im Zoo erarbeiten. Etwa durch Streufütterungen oder das Verstecken von Futter. Raubtiere bekommen ganze Tierkörper, an denen sie stundenlang fressen. Fütterungszeiten werden verschoben, um Routinen vorzubeugen. Langeweile gilt als große Gefahr, da sie Verhaltensstörungen verursachen kann.
Die Eisbären benötigen abwechslungsreiche Gehege mit großem Wasseranteil und unterschiedlichen Böden sowie natürlichem Untergrund zum Graben. Bei ihnen gibt es ebenfalls Ganzkörperfütterungen, da Innereien, Knochen, Fell oder Federn zu einer gesunden Ernährung gehören und die Tiere lange beschäftigen. Deren Sozialverhalten wird berücksichtigt. So bleiben die Eisbärmutter Nuka und ihr im November 2024 geborenes Jungtier Mika zwei bis drei Jahre zusammen und werden erst getrennt, wenn das Muttertier auch in der Natur ihren Nachwuchs verstoßen würde. "Schau nur, wie süß sie sind", ruft ein Grundschulkind. Nuka und Mika liegen kuschelnd in einer Sandkuhle. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft die Eisbären auf der Roten Liste als gefährdet ein. Umweltverschmutzung, Lebensraumverlust und vor allem der Klimawandel setzen der Art stark zu.