Das Leben auf Sylt bewegt sich in Wellen

Der 18-jährige Paul Beinling hat das Surfen für sich entdeckt.

 Das Wasser ist kalt an diesem Nachmittag auf Sylt. Der mittelgroße, junge Mann zieht seinen Neoprenanzug bis über die Schultern, die Hände fühlen sich taub an. Ungleichmäßig branden die Wellen ans Ufer und brechen auf dem flachen Sand. Paul Beinling blickt aufs Meer. "Wer auf Sylt surfen kann, kann überall surfen." Dann läuft er los, das Surfboard unterm Arm, hinein ins graue Wasser. Der 18-Jährige trägt eine Brille, seine Haare sind vom Wind zerzaust. Surfen sei für ihn längst mehr als nur ein Hobby. "Du paddelst die ganze Zeit, das Reiten der Welle dauert dann am Ende nur ein Prozent der Zeit, die man draußen ist." Da verlangt das Meer viel, vor allem viel Geduld. Oft passen die Bedingungen nicht: der Wind, die Strömung, die Sandbänke. "In einem Jahr sind in Westerland perfekte Bedingungen, im nächsten läuft da gar nichts mehr."

 

Aber sobald das Wetter mitspielt, steht alles andere hintenan. "Wenn's stressig ist und die Bedingungen passen, gehe ich nach der Schule zwei Stunden ins Wasser. Das macht den Kopf frei." Das Wasser hat im Sommer vielleicht 17 Grad, im Winter kaum mehr als vier. Trotzdem zieht es Paul auch dann hinaus. Überwindung gehöre dazu, die Belohnung danach ebenfalls. "Das Gefühl ist unbeschreiblich. Ist so eine Art Surfer's High."

 

Seine erste Welle hat Paul während der Corona-Zeit genommen. Viel gab es damals auf der Insel nicht zu tun, erzählt er. Freunde hatten mit dem Surfen angefangen, dann sei er einfach mitgegangen. Das Brett zu Weihnachten, der Rest kam von selbst. Wegen der Schule bleibt oft wenig Zeit. "Meistens gehe ich an kurzen Tagen oder am Wochenende. Wir verabreden uns am Clubhaus, schnappen uns die Neos und surfen, solange es geht." Wenn die Bedingungen stimmen, kann es ein perfekter Tag werden: Westwind, ein paar Tage stürmisch, dann plötzlich windstill.

 

Die Insel habe ihr eigenes Leben. Wer auf Sylt aufwächst, lebt zwischen den Touristenströmen - und im Winter auf einem fast menschenleeren Stück Land. "Klar, Touristen sind unser täglich Brot. Viele sind auf sie angewiesen, weil sie das Geld bringen. Aber im Sommer, wenn es richtig voll ist, nervt es schon, wenn man für den gleichen Weg 20 Minuten braucht, für den man im Winter nur fünf benötigt." Inzwischen werden selbst die Ruhephasen im Winter kürzer, immer mehr Besucher entdecken die Insel ganzjährig für sich.

 

"Abgeschottet sind wir das ganze Jahr über", sagt Paul und lacht. Hamburg liegt vier Stunden entfernt, der Rest Deutschlands scheint weit weg. Nach dem Abitur will er zum Studium aufs Festland. "Die Insel ist ein Platz, den ich in mein Herz geschlossen habe und der für immer mein Zuhause sein wird."

 

Pauls Eltern führen ein Gartenbauunternehmen, sie betreuen Ferienhäuser. "So ein Geschäft ist nur mit Reichen möglich, die hier einen Zweitwohnsitz haben. Deshalb ist das ein zweischneidiges Schwert." Einerseits sichern diese Aufträge den Lebensunterhalt, andererseits prägen sie das Bild einer Insel, die sich für viele Einheimische verändert hat. "Der Wohnraum für Sylter ist in den letzten Jahrzehnten drastisch zurückgegangen." Viele Häuser stehen fast das ganze Jahr über leer oder werden als Ferienwohnungen genutzt. "Viele prahlen hier mit Sachen, die sie nicht haben. Hier wird viel geglänzt, obwohl kein Glanz da ist." In Westerland stehen im Sommer teure Geländewagen vor den Restaurants, Designerläden reihen sich aneinander, auf Terrassen stehen Aperolgläser in der Abendsonne. Gleichzeitig kämpfen viele Einheimische um Wohnraum. Paul sagt das ohne Bitterkeit. Vielleicht hilft ihm die Distanz, die das Surfen schafft - der Blick von draußen auf die eigene Insel.

 

Fragt man ihn, was bisher sein schönster Moment beim Surfen gewesen ist, kommt die Antwort schnell: "Das erste Mal, als ich eine grüne Welle gesurft bin." Am Anfang reitet man nur das Weißwasser, erklärt er, die schon gebrochenen Wellen. "Bei grünen Wellen fährst du an der Welle entlang, hoch und runter. Das macht mehr Spaß, weil man sich stärker ausleben kann. Man fühlt sich dabei viel professioneller." Feiner Sand treibt über die Kuppe. Paul blickt auf die Nordsee. "Hier musst du dich anpassen, im Wasser wie im Leben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 11.05.2026, Nr. 108, S. 26 - Lars Weber, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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