Zutritt verboten: Auf der Wasserkuppe in Hessen verfällt ein besonders geschichtsträchtiger Ort. Das Groenhoff-Areal ist ein in der NS-Zeit ideologisch vereinnahmtes Fliegerdenkmal.
Ein rauer Wind lässt die gewöhnlichen Besuchermassen fernbleiben von Hessens höchstem Berg. Unweit der menschenleeren Touristenattraktionen kommen mit dunklem Holz vertäfelte Gebäude in Sicht, die einen Innenhof umschließen. Die Anlage mutet geradezu herrschaftlich an. Erst aus der Nähe zeigen sich Spuren der Verwahrlosung. Feuchte Pressspanplatten ersetzen Fensterscheiben, der Putz bröckelt, und an den Eingängen das immer gleiche Schild: "Zutritt verboten".
Das Groenhoff-Areal auf der Wasserkuppe steht seit sechs Jahren weitestgehend leer. Eine Verwaltungsstelle mit einem Infozentrum, ein Regionalladen und andere Einrichtungen, die hier zeitweise untergebracht waren, befinden sich längst an anderer Stelle oder existieren nicht mehr. Hinter unsanierten Fassaden verbirgt sich jedoch ein besonderes Stück Geschichte. Im nördlichen Teil des Gebäudekomplexes, dem Lilienthalhaus, befindet sich eine 1939 eingeweihte Ehrenhalle, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs junge Menschen für den Totenkult der Nationalsozialisten gewinnen sollte. Ziel war es, junge Segelflugbegeisterte als Piloten der Luftwaffe auf den eigenen Opfertod einzuschwören.
"Es ist ein sakraler Raum", meint Burghard Preusler, Kunsthistoriker und promovierter Architekt. Von ihm bei einer Begehung geschossene Fotos des Ehrenmals zeigen das: Die Rückwand bildet ein großes Buntglasfenster mit einer menschlichen Figur vor himmelblauem Grund, dem mythologischen Ikarus ähnelnd. Hinter deren ausgebreiteten Flügeln ist ein großes Hakenkreuz zu erkennen. Kränze schmücken die marmornen Seitenwände der Ehrenhalle.
Markanter Mittelpunkt des Raums ist ein durch wenige Stufen abgesenkt liegendes Grabmal. Die steinerne Figur Otto Lilienthals liegt mit gefalteten Händen auf dessen Kenotaph. Am Fußende sind die vermeintlich letzten Worte des Segelflugpioniers zu lesen: "Opfer müssen gebracht werden." Sie seien lediglich eine Legende, urteilt Preusler. Otto Lilienthal starb bereits 1896 nach einem Flugunfall im brandenburgischen Havelland.
Die Nationalsozialisten instrumentalisierten seine Person für ihren Opferkult, denn "heldenhaftes Verhalten forderte die Ideologie, also wurden Helden inszeniert", sagt Preusler. Als kirchlicher Denkmalpfleger beim Bistum Fulda wirkte der Zweiundsiebzigjährige an verschiedenen Sanierungen und Renovierungen sakraler Gebäude in der Region mit. Seit 2025 beschäftigt sich der groß gewachsene Pensionär intensiv mit dem Objekt auf der Wasserkuppe. "Es gibt vermutlich keinen anderen Ort in Deutschland, der diese Verknüpfung von sportlicher Begeisterung, körperlichem Engagement und ideologischem Background vermittelt."
Der Beiname der Wasserkuppe, Berg der Flieger, kommt nicht von ungefähr. Bei gutem Wetter machen sich viele Sportbegeisterte auf, um hier ihrem Hobby nachzugehen. Dann schweben Segelflugzeuge, Gleitschirmflieger und Modellflugzeuge am Himmel, während Wanderer das Spektakel über sich beobachten. Doch eben dieser Sport wurde durch die Zeit des Nationalsozialismus entscheidend mitgeprägt. Anders als an vielen anderen Stellen in Deutschland und Europa finde hier kein Opfergedenken statt, erklärt Preusler. Dass das Lilienthalhaus vielmehr Überbleibsel einer Ideologie ist, macht den Raum für ihn zu einer Seltenheit.
Der Segelflug begeisterte junge Menschen schon vor 1933. Flugversuche sind auf der Wasserkuppe seit 1911 bekannt, wie Preusler verdeutlicht. Die topographischen Bedingungen machen sie zum idealen Ort dafür. Von der besonderen Vergangenheit erzählt die jüngst im Segelflugmuseum der Wasserkuppe fertiggestellte Ausstellung. "Dass diese Ausstellung existiert, und so, wie sie aufgebaut worden ist, finde ich erst mal sehr verdienstvoll", sagt Preusler.
Gegenüber historischen Flugzeugen, die teils auf dem Boden abgestellt sind, teils an robusten Stahlseilen von der Decke hängen, widmet sich der neue Bereich dem Segelfliegen während der NS-Zeit. Großformatige Fotos aus den Dreißigerjahren und eine Auswahl an schriftlichen Dokumenten zeugen von der Instrumentalisierung des Fliegersports durch das Naziregime. Ihr Herzstück ist eine dreidimensionale Animation der Ehrenhalle im Lilienthalhaus, obwohl das Original nur wenige Meter entfernt liegt. "Dieses Raumerlebnis kann man meines Erachtens nicht über Fotos oder über Bildschirme nachstellen", meint Preusler.
Abgesehen davon, dass dieser Ort einzigartig die perfide Verbindung zwischen sportlichem Engagement und ideologischer Prägung aufzeigt, ist auch sein Zustand einzigartig. Die Ehrenhalle ist mitsamt weitestgehend originaler Innenausstattung erhalten. Unter Denkmalschutz befänden sich die Vorkriegsbauten auf der Wasserkuppe erst seit 1997, wie Preusler erklärt, was bedeute, dass es in den Jahrzehnten zuvor "ein Interesse an der Nutzung und dem Erhalt der Baulichkeiten" gab.
"Nach mehreren Monaten Recherche ist es mir nicht gelungen, irgendetwas Vergleichbares in Deutschland zu finden", stellt Preusler fest. Die Türen sind für die Öffentlichkeit dennoch verschlossen. Auch vor Ort ist das Gelände abgeriegelt. Rund um die Gebäude erfassen zahlreiche Überwachungskameras jeden Winkel, rot-weiße Ketten vor den Eingängen erinnern an das Verbot, einen Fuß hinter die Absperrungen zu setzen. Preusler bekam auf Anfrage beim Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH) die Gelegenheit, das Gebäude im Dezember 2025 zu betreten, in Begleitung einer Mitarbeiterin. Auch habe er eine Erklärung unterschrieben, das Image des Finanzministeriums und des LBIH nicht zu schädigen. Er vermutet, dass "anschließend niemand mehr Zugang bekommen hat, der nachgefragt hat - soweit mir bekannt ist". Laut dem LBIH ist das Gelände aus Sicherheitsgründen für die Öffentlichkeit nicht zu betreten. Das strenge Unterverschlusshalten des Lilienthalhauses hält Preusler für falsch: "Eigentlich müsste aus jeder Schule in Fulda jedes Jahr mindestens eine Klasse eingeladen werden." Tatsächlich sind neue pädagogische Ansätze auf der Wasserkuppe geplant, allerdings nicht in Verbindung mit dem Groenhoff-Areal. Stattdessen geht es um den Neubau eines Verwaltungs- und Informationszentrums, das verschiedenen Zwecken dienen soll, unter anderem der Umweltbildung. Von einem geschichtlichen Lernort ist dagegen nicht die Rede.
Im Zentrum soll zudem die Hessische Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön Platz finden, die sich ehemals im Groenhoff-Areal befand, was für den historischen Gebäudekomplex wohl zumindest in Teilen weiterhin Leerstand bedeutet. "Das scheint mir, wenn ich das so sagen darf, der größte Fehler der letzten Jahre gewesen zu sein bei den Entscheidungen, wie man damit umgeht", ärgert sich Preusler über das Vorhaben. Für ihn war die Nachricht über den Neubau der Auslöser für sein Interesse am Groenhoff-Areal. Bis zu 800.000 Besucher zieht Hessens höchster Berg jährlich an. Gerade wegen des intensiven Tourismus auf der Wasserkuppe hält Preusler den Leerstand des Groenhoff-Areals für eine vertane Chance. "Man kann es nicht einfach verkommen lassen."