Miguel Martim Ferreira ist viel gereist - auch zwischen den Sprachen. Für sieben Jahre ging der Portugiese freiwillig in die DDR.
Ich bin mit Mut und ohne Plan nach Deutschland aufgebrochen", sagt der 66 Jahre alte Miguel Martim Ferreira. Geboren wurde er an der Algarve, aufgewachsen sei er in der Nähe von Lissabon. Ferreira ist einer von vielen, die aus Portugal aufbrachen, um in einem fremden Land ein neues Kapitel zu beginnen.
Seine ersten Schritte nach Deutschland waren alles andere als glamourös. Er war Anfang 20, Germanistikstudent in Lissabon und suchte eine Möglichkeit, sein Deutsch zu verbessern. Viel Geld hatte er nicht. Deswegen fragte er seinen deutschen Dozenten im Frühjahr 1980, ob er im Sommer mit ihm nach Deutschland fahren dürfe. Der Lehrer sagte Ja, und so fand sich Miguel mit seinem Rucksack wenige Wochen später in einem Mercedes wieder. Zwei Nächte schlief er im Auto, da er sich kein Zimmer leisten konnte. "Ich war aufgeregt, aber nie ängstlich. Abenteuer haben mich nie abgeschreckt."
In Frankfurt am Main fand er seinen ersten Job, in einem Mövenpick-Restaurant. Zuerst hieß es, Küche putzen, Glasfassaden reinigen, Staub saugen. Miguel sprach kaum Deutsch, aber genug, um sich durchzuschlagen. "Ich habe in zwei Monaten mehr gelernt als in zwei Jahren Unterricht." Als sich sein Deutsch verbessert hatte, durfte er sogar am Eisstand arbeiten. Ein Jahr später kam er wieder. Diesmal nach Stuttgart. Mövenpick bot ihm erneut einen Job als Kellner in einem Restaurant an.
Dieses Mal war Miguel getrampt. Er sah einen deutschen Lkw im alten Handelshafen von Lissabon, sprach den Fahrer an und wurde erst mal abgewiesen. Nachdem er ihm jedoch seinen Pass gezeigt hatte, mit einem Visum für Deutschland, nahm der Fahrer Miguel mit. Zwei Tage und zwei Nächte fuhr der Mann durch, erheblich über dem Tempolimit und ohne Schlaf. "Wenn da etwas passiert wäre, wäre ich durch die Scheibe geflogen."
Nach seinem Studium der Anglistik und Germanistik in Lissabon kam im August 1982 der nächste Schritt. Und der führte Miguel in die DDR. Die habe Portugiesischlehrer gesucht und Stipendien angeboten. Für Miguel, der aus einfachen Verhältnissen kam, eine Chance, die er nicht ignorieren konnte. Er unterschrieb einen Vertrag für zwei Jahre. In Magdeburg unterrichtete er an der Otto-von-Guericke-Universität. "Ich wurde unglaublich freundlich empfangen. Ich war für sie ein Exot. Jemand aus dem Westen, der freiwillig in die DDR ging." Er unterrichtete Portugiesisch und lernte weiter Deutsch. Nach den zwei Jahren wechselte er an die Friedrich-Schiller-Universität in Jena und begann ein postgraduales Studium der deutschen klassischen Literatur. Dort fand er Anschluss in einer Pantomime-Gruppe, wo er eine Deutsche kennenlernte, die später seine Ehefrau wurde. "Ich war integriert, und ich hatte Freunde. Ich fühlte mich nie fremd."
Sieben Jahre blieb er in der DDR, länger als geplant. Im Sommer 1989, noch bevor die Mauer fiel, zogen die beiden nach Westdeutschland. Für seine Frau wurde die Ausreise möglich, da sie mit Miguel verheiratet war. Sie lebten in Frankfurt am Main und in Hamburg. Miguel unterrichtete Portugiesisch an verschiedenen Sprachschulen und schließlich an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Doch irgendwann kam der Moment, an dem er zurück nach Portugal wollte. "Ich hatte seit meinem siebten Lebensjahr nicht mehr an der Algarve gelebt. Es war Zeit zurückzukommen."
Der mittelgroße Mann kehrte 1994 nach Albufeira an die Algarve zurück. Ohne seine Frau. Die Beziehung hatte zuvor ein Ende gefunden. Er begann von vorn, baute sich einen Freundeskreis auf, und wieder war die Sprache sein Weg. Er unterrichtete an einer portugiesischen Schule, später auch privat. Heute ist er einer der bekanntesten Portugiesischlehrer für Ausländer an der Algarve, für Deutsche, Österreicher, Schweizer, Engländer und Niederländer. Viele davon leben heute noch hier. "Ich weiß nicht, wie viele es gewesen sind, sehr viele." Seine erste Schülerin sei eine mit einem Portugiesen verheiratete Schweizerin gewesen, die heute zusammen ein Restaurant führen.
Natürlich hatte es in Deutschland auch schwierige Momente gegeben: das Wetter, die grauen Winter, die künstliche Hitze in den Innenräumen und die Sehnsucht nach dem Meer. Und die Sprache, die er über die Zeit vergaß. Nicht die deutsche, sondern die portugiesische. "Ich habe Wörter vergessen. Ich wusste, wie etwas aussieht, wie es riecht, wie es schmeckt, aber mir fiel das portugiesische Wort nicht ein." Ein Gefühl, das viele Auswanderer kennen. Fragt man ihn, ob Deutschland ihn verändert hat, antwortet er: "Sehr." Er sei pünktlicher geworden und organisierter. Seine Freunde an der Algarve würden ihn "den Deutschen" nennen.