Nicholas Schäfer-Menchetti kämpfte sich als Sportler mit Handicap nach oben
Es gibt kein Falsch, sondern nur anders", sagt Nicholas Schäfer-Menchetti. Was sich bei anderen wie eine Phrase anhört, ist für den 34-jährigen Judoka mit Beeinträchtigung das Lebensmotto. Er ist athletisch gebaut und hat kurze braune Haare. Von Geburt an fehlt ihm der linke Unterarm. Was ihn nicht daran hindert, sich als Dreijähriger im Judoanzug, umgeben von Kindern ohne Handicap, zu beweisen. Da er in einer Gruppe ohne Beeinträchtigung trainierte, habe er Techniken so verändern müssen, dass sie für ihn überhaupt erst möglich werden. Der Weg sei nicht immer leicht gewesen. "Vor allem im Kindesalter, wenn man von anderen Kindern als andersartig wahrgenommen und dementsprechend auch anders behandelt wird."
Noch nicht volljährig, legt Schäfer-Menchetti seine Prüfung zum Schwarzgurt ab. Kurz darauf wird er als Nachwuchssportler ausgewählt, um die Paralympics 2008 in Peking mitzuerleben. "Eine Leistungssportkarriere zu verfolgen, ist beim Judo jedoch nur bedingt möglich, da diese Sportart bei den Spielen momentan nur für blinde und sehgeschädigte Sportler angeboten wird." Nach diesem Erlebnis beginnt er international zu kämpfen. Nur ein paar Jahre später folgt sein größter Sieg. Er belegt bei den Special Needs World Judo Games 2019 in den Niederlanden den ersten Platz. Einen höherwertigen Wettkampf für körperbehinderte Judoka gebe es nicht. Er gewann im Einzelwettbewerb und in der Kata, was einer einstudierten Abfolge traditioneller Techniken entspricht.
"Ich habe nebenbei mein Abitur, das Studium der klassischen Philologie sowie das Referendariat in Altgriechisch und Latein absolviert. Als ich dann vor der Entscheidung stand, wegen fehlender Nachfrage im Bildungsbereich arbeitslos zu werden oder einen anderen Weg einzuschlagen, habe ich mich für Letzteres entschieden. Und später noch ein Mathematik- und Sportstudium abgeschlossen." Mittlerweile arbeitet er als Grundschullehrer in Berlin. Als Reverenz an seine Liebe zum Altertum und seinen Werdegang ließ sich Schäfer-Menchetti die ersten sechs Verse von Homers Odyssee auf den Rippenbogen tätowieren. Und so wie Odysseus nach seiner langen Reise heimkehrt, findet auch Schäfer-Menchetti 2022 nach seiner aktiven Sportlerkarriere zurück, nicht mehr als Kämpfer, sondern als Lehrer und Mentor. "Also momentan bin ich in erster Linie Papa und Trainer", sagt der Vater einer dreieinhalbjährigen Tochter. Nun steht er beim Judo, dem "sanften Weg", eher am Mattenrand. Er begleitet seine Schüler im SSV Rotation Berlin durch die Prüfungen. "Es ist natürlich eine schöne Lösung, wenn man noch mit dem Sport verbunden bleiben möchte, auch wenn man selbst nicht mehr so aktiv ist." Einer seiner Athleten hat selbst ein Handicap. "Er ist, seit ich als Trainer angefangen habe, bei mir. Wann immer ich den Verein wechselte, ist er stets mitgekommen." Dieser Schüler, Mitte 20 und von starker Epilepsie, Autismus und einer Hüftgelenkserkrankung betroffen, ist ein fester Teil von Schäfer-Menchettis Training. Neben der Arbeit im Dojo engagiert er sich ehrenamtlich. Seit eineinhalb Jahrzehnten ist er im Judo-Verband Berlin der Koordinator für körperlich beeinträchtigte Judoka. "Im Deutschen Judo-Bund gibt es nur Ansprechpartner für geistig und sehbeeinträchtigte Judoka; für körperlich beeinträchtigte gibt es die nicht. Ich bin so ziemlich der Einzige in Deutschland, der dafür als Ansprechpartner fungiert." So ermöglicht er gehandicapten Judoka etwa, einen passenden Verein zu finden und besser gefördert zu werden. Inklusion beginne für ihn auf der Matte. Dort, wo jeder die Chance haben sollte, sich frei entfalten zu können. Darüber schreibt er ein Buch, das Trainern und körperbehinderten Sportlern als Leitfaden dienen soll. Er will beweisen, dass Judo für jeden zugänglich ist.