Der Lauf ihres Lebens

Kazimira Luznik ist die älteste Marathonläuferin Sloweniens. In ihrem langen Leben hat sie viele überholt.

Kazimira Luznik läuft und läuft und läuft. Seit 46 Jahren, jeden Tag. "Wenn ich morgens in meinem Haus in Slovenj Gradec aufwache, mache ich zunächst etwas Gymnastik, trinke ein wenig Milch, und dann laufe ich los. Erst nach dem Sport gibt es Frühstück", erzählt die zierliche, kleine Frau und schüttelt ihr weißes, schulterlanges Haar. Ihre Augen mit dem hellblauen Lidschatten leuchten. Luznik ist die älteste Marathonläuferin Sloweniens. Am 31. August wird sie 92 Jahre alt. Als Luznik 1934 im Ort Kanal an der slowenischen Soca geboren wurde, hieß der Fluss Isonzo und gehörte zum Königreich Italien.

 

Dramatische Erfahrungen machte sie im Zweiten Weltkrieg, "als eine Brücke bombardiert wurde, ungefähr ein Kilometer von unserem Haus entfernt. Ich kauerte unter einem Felsen und betete. Alles um mich herum wurde zerstört. Meine Familie hat überlebt." Sie erinnert sich an Panzer, die durch die Straßen rollten. Und daran, dass "mein Vater und ein Onkel in das KZ Mauthausen verschleppt wurden. Mein Onkel kam dort ums Leben. Gott sei Dank kehrte mein Vater nach Hause zurück."

 

Niemals vergessen werde sie, wie im Mai 1945 in Kanal die Kirchenglocken läuteten und das Kriegsende verkündeten. Ihr Vater war Organist in dieser Kirche, die Mutter eine Sängerin. Konzerte und lateinische Messen fanden auch in ihrem Elternhaus statt. Kazimiras ältester Bruder Anton Nanut wurde ein bekannter Orchesterdirigent. Auch die zwei jüngeren Brüder waren sehr musikalisch. "Ich selbst habe fast 40 Jahre lang die Kirchenorgel gespielt und tue das noch immer, so oft ich kann. Jeden Tag spiele ich aber Piano, das ist für mein Seelenheil."

 

Luznik erzählt, wie sehr sie ihre Eltern liebte und sogar ihre Lehrerinnen und Lehrer. "Ich weiß nicht, was das in mir ist, aber ich liebe alle Menschen." Einen habe sie ganz besonders geliebt. Nach der Matura schloss sie eine Ausbildung zur Röntgen-Technikerin ab, arbeitete aber an der Musikschule in Slovenj Gradec. "Während einer Polio-Epidemie bat mich mein Onkel, seinen Sohn zur Polio-Behandlung ins Krankenhaus nach Ljubljana zu begleiten. Dort wurde er von Dr. Milos Luznik behandelt. Den habe ich dann täglich dort gesehen. Und eines Tages hat er mich zum Geburtstagsfest eines Freundes eingeladen. Dort haben wir uns dann ineinander verliebt."

 

Sie haben Seite an Seite gearbeitet, er als Chefarzt der Kinderabteilung, sie als Röntgentechnikerin. "68 Jahre waren wir glücklich verheiratet, bis mein Milos 2024 im Alter von 101 Jahren verstorben ist." Das Wichtigste in einer Familie sei, dass die Eltern sich mehr als alles andere lieben, sich ergänzen, nicht ständig streiten und bereit zu Kompromissen seien. "Ich habe vier Kinder geboren, eine Tochter, die als Professorin für Piano in Ljubljana arbeitet, und drei Söhne, die alle Ärzte wurden. Einer hat meine Zähne überkront. Der ist schon vor 20 Jahren verstorben, aber noch immer trage ich dieses Andenken von ihm."

 

Luznik hat neun Enkel und fünf Urenkel. "Und ich glaube, drei weitere sind unterwegs", erzählt sie und lacht. Eine Enkelin spezialisiert sich gerade als Dermatologin, eine andere ist Sängerin. Kazimira Luznik hat sie für eine CD-Aufnahme als Pianistin begleitet. Wichtig für sie sei, dass alle auf ihre Gesundheit achten. So kam sie zum Laufen und bald darauf zum Marathon. Als sie 46 Jahre alt war, habe sie sich manchmal schlecht gefühlt. "Ich hatte Angst, dass es Brustkrebs sein könnte, und sagte mir, dass ich mit langen Spaziergängen anfangen sollte. Und wenn ich es hinauf auf einen bestimmten Hügel schaffen würde, dass ich dann keinen Krebs haben könnte." Sie schaffte den Hügel, fühlte sich gut danach. Es stellte sich heraus, dass sie keinen Krebs hatte.

 

"Von da an wollte ich immer weiter und schneller laufen. Aber nicht, um Rekorde zu brechen, sondern um zu sehen, wie ich mich selbst immer weiter verbessern konnte." Anfang der Achtzigerjahre hat sie ihren ersten Marathon im slowenischen Radenci geschafft, den nächsten in Ljubljana, weitere in Crna na Koroskem und Kranj. "Ich wollte dann überall dabei sein." Auch die Familie machte bald mit. Ein Sohn begleitete sie zu ihren Läufen, "und irgendwann habe ich sogar meinen Mann überredet zu laufen. Wir sind viele Marathons Seite an Seite bis ins Ziel gelaufen. Nach unserer gemeinsamen Pensionierung 1992 wurden es dann immer mehr."

 

All die Marathons, die sie in ihrem Leben gelaufen hat, kann Luznik gar nicht aufzählen. "Gelaufen bin ich in Europa, in Berlin, London, Wien, Paris und Rom; dann auch in Brisbane, Australien und in Durban, Südafrika. Allein den New York Marathon habe ich zehnmal absolviert." Dort habe sie 1991 auch ihre Bestzeit erreicht: "Drei Stunden, 40 Minuten und 28 Sekunden. Ich war 57 Jahre alt." Zweimal habe sie an einem 24-Stunden-Lauf teilgenommen. "Einmal bin ich dabei 165 Kilometer gelaufen." In all den Jahren habe sie nur eine schlimme Verletzung gehabt. "Nur einmal bin ich gestolpert und gefallen. Meine Schulter hat für eine Zeit geschmerzt, ist aber von allein geheilt."

 

Sie betont, dass für sie das Laufen und Erreichen des Ziels wichtiger seien als die Zeit oder Rekorde. Für das Laufen sei man nie zu alt. "Du musst es einfach versuchen, einfach mal anfangen damit." Vielleicht habe sie ihre Geschwister auch deshalb alle überlebt, weil sie laufe. "Das ist mein Lebensweg, meine Passion." Zuletzt sei sie im Herbst 2025 beim Ljubljana Marathon in Begleitung noch zehn Kilometer gelaufen, mit Pausen, angefeuert von vielen Zuschauern. "Dass ich so alt geworden bin und noch immer allein für mich sorgen kann. Das ist mein größter Erfolg." Und so läuft sie weiter, jeden Tag. "Manchmal sechs, manchmal acht, manchmal zehn Kilometer."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 22.06.2026, Nr. 141, S. 26 - Amaya Kragolnik, Julia Pungersek, Evita Kranjec, Leon Romih, Discimus Lab, Videm bei Ptuju/Trzec

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