Im Sommer sitzt Jose Maria Mesquita Santos an der Algarve am Strand - und passt auf, dass kein Leben verloren geht.
Morgens ist es am Strand von Cordoama noch still. Nur das Geräusch der Wellen ist zu hören, gleichmäßig, wenige Fußspuren führen über den feuchten Sand, Möwen kreisen über den Felsen. Auf dem Hochsitz, dort wo man den gesamten Strand überblickt, sitzt Jose Maria Mesquita Santos. Der kräftig gebaute, 1,83 Meter große Mann hat kurze braune Haare und einen Blick, der nichts übersieht. Der 40-Jährige trägt ein ausgebleichtes gelbes T-Shirt und eine rote Rettungshose. An seinem linken Schienbein zieht sich eine Narbe entlang - eine Erinnerung an einen Einsatz, bei dem er fünf Menschen rettete. "Eine Rückströmung hatte sie alle erfasst, einen nach dem anderen", sagt er. "Ich hab sie alle aus dem Wasser geholt. Danach konnte ich drei Tage nicht schlafen."
Wer zur Praia da Cordoama, einem kilometerlangen Sandstrand im Westen der Algarve, will, muss durch Vila do Bispo, vorbei an verlassen wirkenden Hügeln. Die Straße ist zwar asphaltiert, aber kurvig und einsam. Kein Haus, keine Ziegen, keine Cafés. Nur Wind, Felsen und das Rauschen aus der Ferne. Dann plötzlich öffnet sich die Landschaft - und man sieht die Bucht. Cordoama liegt breit und weit vor dem Atlantik, eingerahmt von 60 Meter steilen dunklen Felsen. Der Strand ist hell, der Sand fein.
Trotz seiner Schönheit ist Cordoama kein einfacher Badeort. Die Strömungen sind stark, der Wind fast immer spürbar. Besonders in der Hauptsaison von Juni bis September ist das gefährlich. Dann ist Santos im Einsatz. In den übrigen Monaten des Jahres arbeitet er mit seinem Vater in einer kleinen Schreinerei in Vila do Bispo. Dort fertigen sie alles aus Holz, von simplen Türen bis zu ganzen Terrassen. Statt auf Wellen blickt Santos auf Werkbänke. "Es ist ruhiger, aber am Ende des Tages bin ich genauso müde."
Im Winterhalbjahr sei der Strand nicht bewacht. "Aber das Meer ist zu jeder Jahreszeit tückisch." Dass er mitten im August auf dem Hochsitz sitzt, hat mit seiner Kindheit zu tun. Jose wurde in Venezuela geboren. Seine Eltern, beide Portugiesen, entschieden sich jedoch früh, in ihre Heimat zurückzukehren. So kam er als Kind nach Portugal, an die Algarve. Heute lebt er hier mit seiner Familie: Santos ist verheiratet und hat zwei Söhne. Als Kind und Jugendlicher verbrachte Jose seine Tage am Wasser: Schwimmen, Speerfischen, Tauchen. Nach der Schule arbeitete er mit seinem Vater auf dem Bau. Doch das Geld habe kaum gereicht, die Tage waren lang. Die Rettungsschwimmer-Ausbildung war für ihn ein neuer Weg - sie dauert etwa 100 Stunden, wird vom Instituto de Socorros a Náufragos (ISN) organisiert, findet in Lagos bei der portugiesischen Marine statt und muss alle drei Jahre erneuert werden. "Ich wollte etwas tun, das Sinn ergibt", sagt er.
Gegen neun Uhr beginnt sein Tag. Santos prüft die Flagge, schaut aufs Wasser, spricht kurz mit der Polizei. Zuerst kontrolliert er seine Ausrüstung: Rettungsboje, Funkgerät, Erste-Hilfe-Kasten. Dann geht er ein Stück den Strand entlang, um mögliche Gefahren zu erkennen - freiliegende Felsen, starke Rückströmungen oder Stellen, an denen der Sand plötzlich steil abfällt. Anschließend beobachtet er das Meer mehrere Minuten lang ganz genau. Er achtet auf die Wellenrichtung, auf Farbveränderungen im Wasser, die auf Strömungen hinweisen, und darauf, wie stark der Wind ist. Immer wieder spricht er Badegäste an, erklärt ihnen die Flaggen und weist Surfer auf sichere Einstiegsstellen hin. Zwischendurch notiert er besondere Vorkommnisse in einem kleinen Protokollheft. Sein Tag besteht vor allem aus Beobachten, Einschätzen und Vorbeugen.
Die Polícia Marítima arbeitet mit der Badeaufsicht zusammen und entscheidet mit, ob die rote, gelbe oder grüne Flagge gehisst wird. Rot bedeutet Badeverbot - das Meer ist zu gefährlich. Gelb heißt: Baden auf eigene Gefahr. Grün: alles ruhig. Es gibt auch eine blaue Flagge. Die steht für Wasserqualität und Umweltschutz - wird aber nicht täglich gewechselt.
Heute weht die gelbe Flagge. Santos hat seinen Blick auf die Wasserlinie gerichtet. Ein Kind in grüner Badehose rennt Richtung Brandung. Die Eltern sind mit Sonnencreme beschäftigt. Zwei Surfer steigen etwas zu weit links ins Wasser, nahe den Felsen. Ein Windstoß treibt den Sonnenschirm eines Paares davon. Santos bleibt ruhig. Er beobachtet alles. "Wenn du lernst, das Meer zu lesen, siehst du die Probleme, bevor sie da sind."
Rund um Vila do Bispo gibt es vier bis fünf bewachte Strände. Cordoama gehört dazu - aber nur von Mai bis Oktober. Welche Strände bewacht werden, entscheiden die Gemeinden zusammen mit ISN und der Seenotrettung. Es hängt davon ab, wie viele Leute kommen, wie gefährlich die Bedingungen sind und ob genug Rettungsschwimmer zur Verfügung stehen.
In seiner Pause sitzt Santos im Schatten eines hölzernen Schildes. Darauf steht: "Cuidado - Queda de Pedras" (Vorsicht - Steinschlag). Die Felsen hier sind nicht nur schön und steil, sondern auch instabil. Sein Mittag: Brot, Wasser, vielleicht ein Apfel. "Manchmal bringt mir jemand einen Kaffee, aber meistens bleibe ich hier."
Rettungsschwimmer verdienen nicht viel. Santos meint nur: "Es reicht für den Sommer." Den genauen Betrag will er nicht nennen - es ist in etwa so viel, wie eine Aushilfe in der Gastronomie verdient. "Ich sehe Leute ins Wasser rennen, ohne nachzudenken. Sie denken, es ist ein Pool. Ist es aber nicht." Es ist später Nachmittag. Der Wind frischt auf. Eine Familie packt ihre Sachen, zwei Jugendliche machen Selfies auf einem Felsen - obwohl dort Warnschilder stehen. Santos steht auf, winkt ihnen zu. Sie kommen zurück. Kein Streit, kein Lärm - nur ein kurzer, stiller Hinweis. "Manchmal reicht ein Blick."
Um 19 Uhr rollt Santos die Flagge ein. Die Sonne taucht die Klippen in oranges Licht. Der Hund, der vorhin noch in der Brandung gespielt hat, liegt nun erschöpft im Sand. Kinder lachen, während sie die letzten Löcher graben. "Meine Mutter sagte: Das ist kein Beruf, das ist Risiko", erinnert sich Santos. Oben am Parkplatz bleibt er kurz stehen. Der Wind ist noch da. Das Meer rauscht weiter. Und Santos sieht noch einmal hinunter auf den Strand, den er heute bewacht hat - wie seit sieben Jahren. "Ich habe nie ein Leben verloren. Und ich will, dass das so bleibt."