Der Schwarm aller Slowenen

Das Land liebt seine Bienen und deren Honig. Zu Besuch im Museum für Imkerei in Radovljica.

 

Am Anfang war die Biene", sagt Petra Bole, "und meine Liebe zu ihr war auch schon fast mein Tod." Die Direktorin des Museums für Imkerei in ihrer Heimatstadt Radovljica, etwa 60 Kilometer nordwestlich von Ljubljana, hat schulterlange blonde Haare und trägt einen Rock und Blazer in Braun und Gelb. Vor dem überdimensionalen Porträt einer Honigbiene in ihrem Museum ist sie farblich kaum davon zu unterscheiden.

 

Ihr Weg zu den Bienen war lang. Bole war Teil des jugoslawischen Schwimmteams, sie studierte Architektur, promovierte in Philosophie und visueller Kunst, und graduierte in London in Schmuckdesign, wo sie später an der Fakultät für Design als Professorin unterrichtete. Ihren wahren Schatz fand sie aber bei den Bienen und deren flüssigem Gold. Seit 2019 leitet sie das Spezialmuseum für Apikultur, das 1959 eröffnet wurde. Laut Bole ist das in einem barocken Herrenhaus modern gestaltete Museum "das wichtigste seiner Art weltweit".

 

"Imkerei ist wie Sport ein Teil des slowenischen Alltags", erklärt die Zweiundfünfzigjährige. Zu einem typisch slowenischen Frühstück gehöre Honig. Etwa ein Kilo pro Kopf werde in Slowenien jährlich konsumiert. "Dafür muss eine Biene etwa vier Millionen Blüten anfliegen und eine Strecke so lang wie etwa viermal um den Erdball fliegen." Severin Golmajer, ein Freund der Familie, der 97 Jahre alt ist, brachte ihr das Imkern bei.

 

"Einmal fand ich auf dem Boden eines Bienenstocks lauter kleine schwarze Kügelchen. Ich geriet in Panik, weil ich dachte, das seien Varroa-Milben, der schlimmste Bienenschädling weltweit. Aber Severin meinte, das seien nur die Reste von Drohnen, die ihre Befruchtungsarbeit erledigt hatten. Da war ich beruhigt", sagt Bole und lacht: "Es waren nur Männchen." Mittlerweile produziert sie den Honig für den eigenen Verbrauch selbst. "Bienen sind meine Familie geworden, die ständig Aufmerksamkeit erfordert, besonders wenn die Außentemperatur zwölf Grad Celsius übersteigt und sie ausfliegen."

 

Mehr als 15.000 Bienenhäuser mit 210.000 Bienenvölkern gebe es in Slowenien. Bole ist eine der rund 11.000 Bienenzüchter im Land. "Mit fünf Imkern pro 1000 Einwohner haben wir relativ zur Einwohnerzahl die meisten Bienenzüchter weltweit." Slowenien sei das einzige Land, das seine Biene gesetzlich schützt. "Denn nur die Carnica-Biene, Apis mellifera carnica, darf in Slowenien gezüchtet und für die Honigproduktion eingesetzt werden." Eine besondere Eigenschaft der Carnica-Biene ist ihre Anpassung an das südliche Alpenklima, ihre Leistungsfähigkeit und Sanftmut.

 

"Die habe ich aber völlig falsch eingeschätzt, sodass es mich fast das Leben gekostet hätte", sagt Bole. Beim Besuch eines Imkers auf einer kroatischen Insel habe sie die Schutzkleidung nachlässig angelegt. "Plötzlich hatte ich mehr als 20.000 wütende Bienen unter meinem Helm und wurde so gestochen, dass ich eine Woche lang die Augen nicht richtig öffnen konnte. Auf der Insel gab es keinen Arzt. Hätte ich eine Bienenstichallergie, wäre ich sehr wahrscheinlich an einem anaphylaktischen Schock gestorben."

 

Bole hat mehrere Bücher verfasst, über Mythologie und Symbolismus der Bienen, über das gemeinsame Leben von Bienen und Menschen. "In ihrem Museum wurden 2025 über 39.000 Besucher registriert", sagt Kristina Seljak, die 33 Jahre alte Kuratorin des Museums, die auch einen Imkerkurs absolviert hat. "Schulklassen und Imkervereine, aber auch Staatsgäste, Präsidenten oder deren Ehepartner waren schon hier." Von Mai bis Oktober kann man einen Bienenstock beobachten. Viele Besucher fasziniere die Anekdote von einer Ausgrabung im Mittelalter an den ägyptischen Pyramiden, bei der Forscher einen versiegelten Behälter entdeckten. "Darin sei genießbarer Honig gewesen, den sie aßen, bis sie darunter die gut erhaltene Mumie eines Kleinkindes fanden", zitiert Bole den Ägyptologen E.A. Wallis Budge.

 

Die Besucher haben viele Fragen, etwa wie man einen typisch slowenischen Bienenstock baut oder was man gegen Varroa-Milben tun kann. "Eine Delegation aus Limerick studierte unser Museumskonzept, um ein eigenes aufzubauen." Das Museum dokumentiert die bunt bemalten Stirnbretter hölzerner Bienenstöcke, die es so weltweit nur in Slowenien gibt. Die schmalen, bunten Brettchen über den Flugöffnungen halfen Bienen und Imkern zur Unterscheidung der Bienenstöcke. Die Sammlung ist wie eine Kulturgeschichte in lebendigen Bildern, von der biblischen Schöpfungsgeschichte, über Kapitel aus dem Neuen und Alten Testament, bis hin zu Szenen der Jagd, historischen Ereignissen und derben Szenen aus der Folklore, wie etwa der "Verjüngung der Großmutter in einer Mühle".

 

"Unser wertvollstes Stück ist ein Stirnbrett mit dem Bild der Schutzpatronin Maria. Es ist von 1758", erklärt Seljak. Besonders stolz ist Bole, dass Staatspräsident Borut Pahor 2022 Papst Franzikus eine Auswahl von Kopien der Stirnbretter ihres Museums überreichte. "Slowenien hat seit Jahrhunderten zur Imkerei fast auf der ganzen Welt beigetragen. Dazu gehört die Erfindung des Kranjic, des flachen Krainer Bauern- oder Bienenstocks. Sie ermöglichte dem 1836 in Aachen geborenen Emil Rothschütz den Handel und Verkauf von mehr als 100.000 Bienenkörben mit lebenden Carnica-Bienen. Heute ist sie die zweitmeist verbreitete Honigbiene der Welt."

 

Der slowenische Imker Anton Jansa hatte eine entscheidende Voraussetzung dafür geschaffen. "Er hat als einer der Ersten Bienen systematisch erforscht, sodass Imker sie am Ende der Sommersaison nicht mehr töteten, sondern über den Winter brachten. 1770 wurde er der erste Lehrer an der ersten Schule für Imker in Wien. Kaiserin Maria Theresia hat auf der Basis seiner Forschungen Vorgaben für die Bienenzucht erlassen, denen alle Imker in ihrem Reich folgen mussten." Auf Antrag der slowenischen Regierung wurde Jansas Geburtstag, der 20. Mai, 2017 zum Weltbienentag der Vereinten Nationen. 2022 erkannte die UNESCO "Imkerei in Slowenien: Eine Lebensform" als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit an. Doch der Klimawandel, der Verlust von Ökosystemen, Pestizide und Krankheiten bedrohen Bienen weltweit. Bole ist sich aber sicher: "Am Anfang war die Biene, und sie wird uns überleben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 21.09.2026, Nr. 219, S. 26 - Ema Holesek. Discimus Lab, Videm pri Ptuju/Trzec

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