Die Dichtung hält länger als ein Leben

Anja Zag Golob ist eine der bekanntesten Lyrikerinnen in Slowenien. Sie arbeitet als Leiterin eines Verlags und als Übersetzerin - zwischen Sprachen und Menschen.

Die Welt der Bücher ist ein heller, offener Raum. Eine hohe Wand aus farbenfrohen Buchrücken auf der einen Seite. An zwei weißen Wänden Bilder, Zeichnungen, Cartoons, das Blattwerk einer rankenden Pflanze. Durch die geöffnete Tür und das Schaufenster fällt viel Licht. Der Raum misst nur 12,8 Quadratmeter. Ein Tresen für die Büroarbeit, zwei Sessel mit einem Beistelltisch, eine ausklappbare Leiter mit drei Stufen füllen den Raum. Und ein schwarzer, quietschender Hocker. "Das ist mein Goldbrokat-Sessel", sagt Anja Zag Golob und lacht. "Unser Mariborka ist der kleinste Buchladen in Maribor."

 

Zag Golob ist 49 Jahre alt und eine der populärsten slowenischen Dichterinnen. Zugleich ist sie Übersetzerin und Chefredakteurin des Verlags Vige Vage Knjige. "Leider dominiert im Buchhandel und auf Messen zu oft das kommerzielle Interesse großer Verlagshäuser, als gehe es um den Verkauf beliebiger Dinge. Natürlich muss man auch verkaufen. Bücher sind aber ganz spezifische Objekte." Zag Golob ist schlank, sportlich gekleidet und trägt einen Irokesenschnitt.

 

Als Freiberuflerin im Kulturbereich ohne soziale Absicherung kämpfe sie täglich mit ihrem Team um die wirtschaftliche Existenz, oft von morgens um vier bis zum Abend. "Fünf Jahre haben wir den Verlag ausschließlich mit eigenen Mitteln finanziert. Zurzeit sind wir Teil eines vierjährigen Programms und haben Unterstützung für elf Buchtitel. Hier im Mariborka bieten wir derzeit Bücher von mehr als 70 Klein- und Kleinstverlagen aus Slowenien an. Gerade deren Programme geben der Literaturszene eine ganz besondere Würze." Ihr Verlag ist auf Comics und Graphic Novels spezialisiert. "Wir nennen sie auf Slowenisch 'Risoromani', also etwa 'Gezeichnete Romane', überwiegend aus dem literarischen Bereich. Wir sehen darin auch eine Brücke zur Entwicklung multimedialer Lese- und Schreibkompetenz." Zag Golob und ihr Team möchten dem Vorurteil entgegenwirken, Comics seien "billige Literatur für Kinder". Deshalb bietet Vige Vage Knjige Workshops zu Comics an und organisierte im Mai das erste internationale Comic-Festival "Primaruha" in Maribor. Auch in Deutschland sei man aktiv. "Die Frankfurter Buchmesse 2023 mit Slowenien als Gastland hat unserer Literatur Aufmerksamkeit verschafft."

 

Besonders froh sei sie über die Zusammenarbeit mit dem deutschen Autor Patrick Wirbeleit. "Er veröffentlicht Drehbücher und Comics mit unterschiedlichen Ko-Autoren. Unser kleiner Verlag hat seine Serie 'Kiste' in Slowenisch herausgebracht." Wirbeleit arbeitet an der Comic-Reihe "Institut za nadnaravno arheologijo", die in Ljubljana spielt, der zweite Teil in Skofja Loka. Der renommierte deutsche Illustrator Ulf K. machte die Zeichnungen. Das Besondere dabei ist: Zag Golob hat die Texte nicht nur übersetzt, sondern "die slowenische Fassung erschien sogar vor dem deutschen Original in unserem slowenischen Verlag". Das zeige, dass es für Literatur keine Grenzen gibt. Zag Golob selbst ist an der Grenze zu Österreich aufgewachsen und ihren Eltern "sehr dankbar, dass sie mich schon in der Grundschule für den Deutschunterricht angemeldet haben". Am Gymnasium und beim Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft in Ljubljana habe sie weiter Deutsch gelernt und benötige bei Einladungen zu Literaturabenden auf dem deutschen Markt keine Übersetzer. "Das spart Zeit und Kosten." Auch könne sie durch das Übersetzen die Struktur ihrer slowenischen Texte besser verstehen.

 

Besonders gefreut habe sie, als sie 2025 den Fabjan-Hafner-Preis für eine Übersetzung von Dita Zipfels Jugendroman "Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte" erhielt. "Ich hatte immer Minderwertigkeitskomplexe, weil ich weder Sprachen noch Übersetzen studiert habe. Bei diesem Buch haben mir vielleicht die unterhaltsamen Wortspiele geholfen." Vor allem aber sei sie durch das Übersetzen gezwungen, ständig weiterzulernen. "Deutsch ist für mich auch keine schwere Sprache. Es ist die Sprache der Philosophie, die ich studiert habe."

 

Das Schreiben, besonders die Lyrik, ist noch immer die wichtigste Tätigkeit für Anja Zag Golob. Bereits in der Oberschule habe sie angefangen, sprachlich auf eine andere Art und Weise zu kommunizieren. "Aber erst mit 33 Jahren habe ich einen ersten Text veröffentlicht." Golobs Texte, etwa "ab und zu neigungen", haben einen besonderen Klang. Ein Buch hat sie auch auf Deutsch geschrieben, es heißt "Taubentext, Vogeltext". Golob, slowenisch für Taube, hat dabei mit dem deutschen Autor Nikolai Vogel ihre Namen zum Ausgangspunkt eines gemeinsam verfassten Langgedichts gemacht.

 

Am meisten ärgere es sie, wenn jemand sie fragt: "Worum geht es in Ihren Gedichten?" Dann antworte sie: "Lesen Sie erst mal die Gedichte und fragen mich dann, worum es darin geht!" Man müsse in der Poesie, "dieser Mischung aus Klang und Bedeutung", gar nicht so viel verstehen. "Man kann auch einfach nur dem Klang lauschen. Das ist mir klar geworden, als ich in Berlin einem Chinesen zuhörte, der Gedichte in seiner Muttersprache vortrug. Ich habe kein Wort verstanden, aber ich glaube, dass wir am Ende alle eine Ahnung davon hatten, worum es in dem Gedicht ging." Angeblich lese sie auf Slowenisch sanfter als auf Deutsch. Zag Golob hat schon Projekte in Schulen und Programme für Lehrkräfte angeboten, um Lyrik in den Unterricht zu integrieren.

 

Allerdings seien die aktuellen Umstände wenig für Poesie geeignet. Einem drohenden Burnout wegen Überarbeitung habe Zag Golob mit Unterstützung ihrer Frau, beim Spielen mit ihrem Hund und durch Nordic Walking entkommen können. "Eine der positivsten Entdeckungen in meinem Leben, über die ich gerade einen Aufsatz schreibe. Doch der Wahnsinn, den wir momentan in der Welt erleben, blockiert mich, er hindert mich daran, schreiben zu können. Gedichte schreiben ist Arbeit, weniger Inspiration. Poesie erfordert Ruhe und Konzentration. Die Welt müsste friedlicher sein."

 

Zag Golob belastet die von ihr beobachtete zunehmende Aggressivität in der Öffentlichkeit. "Jedes Jahr im Juni, wenn wir die Regenbogenfahne aufhängen, haben wir Probleme. Die Fahne wurde heruntergerissen, wir sind physisch angegriffen worden, sodass wir in Sicherheitsmaßnahmen investieren mussten." Das sei beängstigend, "aber wir geben nicht auf!" Die Aggression konterte sie kreativ: Schmierereien mit Hassbotschaften an der Wand ihrer Buchhandlung ließ sie nicht entfernen, sondern erklärte sie mit einer Plakette darunter zur Kunst, mit der man sich auseinandersetzen sollte: "Unbekannte/r Künstler/in: SMRT PEDROM, Fresko auf trockener Fassade. Maribor, 23.- 24.11. 2024". "SMRT PEDROM" bedeutet "Tod den Schwulen". Dankbar sei sie für die öffentliche Unterstützung von Nachbarn bis hin zur Staatspräsidentin Natasa Pirc Musar, die persönlich an der Buchhandlung "Mariborka" eine Regebogenfahne anbrachte.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 07.09.2026, Nr. 207, S. 26 - Masa Prah, Mateja Petek, Discimus Lab, Videm pri Ptuju/Trzec

zurück