Die Gestaltung der Notfallstation im Kinderspital Zürich soll beruhigend wirken
NOTFALL" steht in Großbuchstaben auf der Holzfassade des neu gebauten Kinderspitals in Zürich, das Ende 2024 eröffnet wurde. Die kindgerechte Innenarchitektur soll ein Ort des Wohlfühlens sein. Sie lässt nicht an ein Akutspital denken. Vor dem Gebäude eine Wiese mit Blumen und Bäumen. Durch die gläsernen Eingangsschiebetüren gehen jeden Tag mehr oder weniger kranke Kinder und deren besorgte Eltern. Nach dem Passieren empfängt einen der Geruch von Desinfektionsmittel. Im Eingangsbereich stehen Rollstühle, Kinderwagen und eine Box mit Masken. Von der Holzdecke hängen schwarze Lampen. An der Wand ein Bildschirm: "Herzlich Willkommen" und zwei Kinder, die mit ihren Händen ein Herz formen. Und eine Reihe Kuscheltiere.
Am Empfang werden die persönlichen Daten aufgenommen und der erste medizinische Eindruck dokumentiert. "Dieser Prozess wird Triage genannt. In dieser ersten Einschätzung werden die Kinder nach Schweregrad der Krankheit eingeteilt. Während bei einer Triage Kategorie 1 sofortiger Arztkontakt notwendig ist, kann die Wartezeit bei Kategorie 5 auch mal mehrere Stunden betragen", sagt Georg Staubli, der Chefarzt der Notfallstation.
Er erklärt, wie er mit ungeduldigen Eltern umgeht. "Ich versuche herauszufinden, warum jemand ungeduldig ist. Meist ist es die Angst um das Kind. Damit kann ich gut umgehen, da ich das nachvollziehen kann." Während auf die Eltern Klemmbretter zum Ausfüllen warten, sorgen auch hier Kuscheltiere für eine angenehme Atmosphäre. Danach wird die Familie ins Wartezimmer geschickt. Ruhige Instrumentalmusik, das Surren eines Kühlschranks und das Blasen der Lüftung schaffen einen konstanten Geräuschpegel. Auf dem grauen Boden sind farbige Fußabdrucksticker. Bänke mit grünen Polstern umrahmen den Raum. Dazwischen Holztische, viel Spielzeug, Kisten mit Kinderbüchern, ein Tiptoi-Spiel und ein rotes Bobbycar. "Die Wartebereiche sind von der Firma Ravensburger gestaltet worden. Meine Tochter hat es geliebt, als sie wegen eines kleinen Eingriffs hier war", erzählt Ann-Kathrin Rüfenacht, Pflegefachfrau auf der Notfallstation. Geschwister schauen gelangweilt aus dem Fenster, durch das man Bäume und Büsche sieht. Allgemein wirkt das Spital sehr grün. Es hat viele "Licht-Inseln", in denen Büsche wachsen, zwischen denen winzige Gartenzwerge in diversen Farben stehen. Die Gestaltung soll eine beruhigende Wirkung haben, bestätigt Staubli.
Was die Patienten nicht zu Gesicht bekommen, ist das emsige Treiben im Büro. Während Ärzte und Pflegekräfte hinter Bildschirmen arbeiten, wird auf dem größten, an der Wand hängenden Monitor eine Tabelle mit allen Patienten abgebildet. Dieser Monitor ist das organisatorische Herzstück der Station. Zahlreiche Informationen mit Kürzeln und verschiedenen Farben werden in dieser Tabelle abgebildet. Neben Triage-Kategorie und Eintrittszeit sind auch Untersuchungen, zuständige Personen und eine vorläufige Diagnose ersichtlich. Der Patient nimmt nur die Arbeit wahr, die von Ärzten und Pflegepersonal direkt an ihm ausgeführt wird. Im Hintergrund jedoch laufen Besprechungen im Büro oder mit Spezialisten. So sind bei komplexeren Krankheitsbildern einige Telefonate und manchmal gar ein Austausch unter mehreren Spezialisten notwendig. "Es hilft mir sehr, dass immer Personen da sind, mit denen ich mich besprechen kann. Es hilft, in stressigen Situationen ruhig zu bleiben", sagt Rüfenacht.
Im Kontrast zum regen Treiben im Büro verhält man sich in Gegenwart der Patienten und Eltern möglichst ruhig. Jedes Untersuchungszimmer ist mit dem notwendigen Material ausgestattet für einen reibungslosen Ablauf. Die klare Organisation und routinierte Abläufe sorgen für eine gelassene Stimmung, die dem Kind und den Eltern ein Sicherheitsgefühl vermitteln, das in aufregenden Momenten für die Familie besonders wichtig ist. "Wenn es mir gelungen ist, dass Kinder zufrieden nach Hause gehen oder wenn das Schlimmste der Behandlung das Ausschalten des Fernsehers ist, weiß ich, dass ich vieles richtig gemacht habe", berichtet Rahel Kugler, Advanced Practice Nurse, und lächelt.
Im Büro fällt der hohe Geräuschpegel auf. Türen, die zufallen, das Piepsen der Monitore, Telefone, die klingeln, und Gespräche, die parallel geführt werden. Wie kann man sich da noch konzentrieren? Zumal das schnelle Beobachten, Analysieren, Einschätzen, Dokumentieren und Ausführen eine hohe Konzentrationsfähigkeit erfordern. "Ich höre das Gepiepse selektiv, das macht wohl die Erfahrung. Glocke, Alarm und mein eigenes Telefon kriege ich mit - viel anderes nicht", meint Kugler. "Häufig ist deutlich mehr los als heute", sagt Rüfenacht. Gleichwohl treffen im Laufe des Tages mehrmals Ambulanzen und sogar ein Rettungshelikopter ein. Plötzlich muss es schnell gehen. Ein Team aus Ärzten steht schon kurz vor der Ankunft des Kindes bereit.
Vom lebensbedrohlich kranken Kind bis hin zur Bagatelle kann alles auftreten. Das Notfallteam muss sich ständig auf neue Herausforderungen einstellen. "Auch weniger schwerwiegende Probleme haben bei der Familie Sorgen und Nöte ausgelöst. Deshalb versuche ich diese ebenfalls so ernst wie möglich zu nehmen und mein Bestes zu geben", erklärt Rüfenacht. Während einige Familien beruhigende Worte benötigen, wird im Raum nebenan um ein Leben gekämpft. Das Arbeitsumfeld gleicht einem Bienenstock, in dem es brummend und rastlos, aber trotzdem geordnet zugeht.