Die Fische lassen einen warten

Benjamin ist 19 Jahre alt und leidenschaftlicher Angler.

Dunkel zeichnet sich die Rutenspitze gegen den Abendhimmel ab. Über dem Main liegt die letzte Wärme eines langen Sommertages. Das Wasser bewegt sich kaum, nur kleine Wellen schlagen gegen das Ufer. Aus den Bäumen dringt Vogelgesang, in den Ästen raschelt ein leichter Wind. Während die meisten um diese Uhrzeit vor Bildschirmen sitzen oder durch die Stadt eilen, blickt Benjamin Tausch aufs Wasser. Der 19-Jährige sitzt auf einem Klappstuhl am Ufer. Vor ihm zwei Angelruten. Er trägt ein weißes T-Shirt, eine schwarze Jeans und eine Kappe. Neben Gewichten, Haken, Ködern und einem Messer liegt eine Flasche Spezi im Gras. Jeder Handgriff wirkt routiniert. Hier angelt jemand nicht zum ersten Mal. Obwohl Benjamin seit vier Jahren den Angelschein besitzt, verbringt er erst seit gut zwei Jahren regelmäßig Abende am Main, im Aschaffenburger Stadtteil Nilkheim. Der Grund: Zum Angeln reicht der Angelschein allein nicht aus. Um diesen zu erhalten, muss man einen mehrstündigen Vorbereitungskurs absolvieren für rund 220 Euro. Erst danach darf man zur Prüfung antreten, die in Bayern derzeit 50 Euro kostet und an einem festgelegten Prüfungsort digital abgelegt wird. Wer an einem bestimmten Gewässer angeln möchte, benötigt zusätzlich eine Erlaubnis für genau dieses Gewässer, wobei der Preis von Gewässerstrecke und Gültigkeitsdauer abhängt. Eine Monatskarte für den Kreis Aschaffenburg kostet um die 57 Euro für einen Erwachsenen.


Fische begeistern den Jugendlichen schon länger. "Seit meiner Kindheit faszinieren mich Fische." Erste Erinnerungen hat er an Ausflüge mit seinem Vater und dessen Freunden. Lagerfeuer am Wasser, lange Sommerabende und die besondere Ruhe am Mainufer hinterließen Eindruck. Später brachte er sich vieles selbst bei. Videos erfahrener Angler halfen dabei. Plötzlich hängt der erste Fisch des Abends an der Angel: eine kleine Grundel. Vorsichtig löst Benjamin den Haken. Für Außenstehende mag der Fang unscheinbar wirken. Für den Angler ist er Teil einer Strategie. Die kleinen Fische dienen als Köder, um größere Räuber anzulocken.


Es folgt das, was viele am Angeln nicht nachvollziehen können: das Warten. Minuten verstreichen, eine halbe Stunde, schließlich mehr als eine. Benjamin stört das nicht. Im Gegenteil. Die Stille sei einer der Hauptgründe, warum er immer wieder ans Wasser

zurückkehre. Nach einer anstrengenden Woche könne er hier vollkommen abschalten. Oft sitze er einfach da, höre den Vögeln zu und beobachte das Wasser. "Man denkt eigentlich an nichts Bestimmtes", sagt er. Diese Ruhe verlangt Geduld. Viel Geduld.


Erst wenige Abende zuvor war Benjamin dreimal ohne Fang nach Hause gekommen. "Manchmal fängt man nichts. Dann nimmt man trotzdem etwas mit nach Hause.

Entspannung, gute Gespräche oder einfach einen schönen Abend in der Natur." Benjamins Umfeld reagiere positiv auf sein Hobby. "Meine Freunde finden es total cool. Sie wollen immer mitkommen. Ein guter Freund hat sogar selbst angefangen, den Angelschein zu machen."


Tatsächlich scheint das Angeln viel über seinen Charakter zu verraten. Benjamin wirkt gelassen, spricht ruhig und überlegt. Hektik passt nicht an diesen Ort. Dennoch besteht Angeln nicht nur aus Stille. Wenn ein Fisch anbeißt, verwandelt sich die Ruhe innerhalb von Sekunden in Anspannung. Benjamin erinnert sich noch genau an seinen ersten größeren Fang. Nach mehreren erfolglosen Versuchen stand er im Winter allein am Wasser. Es war kalt, dunkel und keine große Erwartung mehr vorhanden. Dann begann die Rute sich zu bewegen. "Das vergisst man nicht mehr. Kurz nachdem ich angefangen hatte, biss der Fisch an. Es war ein Döbel, bestimmt einen halben Meter lang."


Sein bislang größter Fang war ein Wels von einem Meter Länge. Doch nicht nur Erfolge faszinieren ihn. Viel wichtiger sei der Moment selbst - die Ungewissheit, was sich am anderen Ende der Schnur befindet.


Kritisch betrachtet Benjamin gewisse Entwicklungen in der Anglerszene. Besonders Menschen, die Fische lediglich für Fotos fangen und anschließend wieder zurücksetzen, sieht er skeptisch, da die Tiere sich Verletzungen durch den Haken zufügen können. Für ihn gehört Respekt gegenüber dem Tier zum Angeln dazu. Wer einen Fisch fängt, müsse verantwortungsvoll mit ihm umgehen. Das gezielte Fangen und Freilassen von Fischen allein zu Freizeit- oder Fotozwecken gilt auch nach Auffassung vieler Behörden als problematisch.


Anders ist es bei Fischen, die etwa wegen Schonzeiten oder Mindestmaßen zurückgesetzt werden müssen. Für Benjamin bedeutet verantwortungsvoller Umgang auch, seine Fänge zu verwerten. Was er fängt, landet später auf dem Teller. Zu Hause nimmt er die Fische aus und bereitet sie zu. Seine Familie freut sich jedes Mal, wenn er einen Fang mitbringt.


Die Dämmerung ist inzwischen der Nacht gewichen. Das gegenüberliegende Ufer verschwindet fast vollständig im Dunkeln. Stundenlang ist an diesem Abend kaum etwas passiert. Mehrere Versuche, einen Fisch an Land zu ziehen, blieben erfolglos. Plötzlich gerät eine der Ruten in Bewegung. Erst ein Zucken. Dann ein heftiger Ruck. Benjamin springt auf. Sekundenlang ist nicht klar, was sich unter der Wasseroberfläche befindet.

Nach einem kurzen Kampf erscheint schließlich ein Aal, 71 Zentimeter lang.

Benjamin löst den Haken, der Aal windet sich noch. Sein Körper glänzt im Licht der Taschenlampe. Mit wenigen geübten Handgriffen tötet er den Fisch waidgerecht. Schnell verschwinden die Utensilien, die Fische und der Klappstuhl. Benjamin verstaut seine Ausrüstung.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 12.10.2026, Nr. 226, S. 26 - Jette Neubert, Karl-Theodor-von-Dalberg-Gymnasium, Aschaffenburg

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