Die Jugend ist filmreif

Schauspielerin Eva-Maria Schneider-Reuter engagiert sich in der Jugend Filmjury

Die großen Fenster lassen den Blick vom Sputnik Kino über Berlin schweifen. Draußen liegt die Stadt. Drinnen, zwischen einer kleinen Bar und alten Sesseln, steht ein schwarzes Ledersofa. Darauf sitzt die 57 Jahre alte Eva-Maria Schneider-Reuter. Über ihr eine silberne Diskokugel und neben dem Sofa eine Filmkamera aus längst vergangenen Zeiten. Schwarze Stühle verteilen sich im Raum, dazwischen kleine Tische. An einer Wand hängt eine große Leinwand. Es riecht nach Kuchen. Die Szene wirkt wie ein improvisiertes Filmset - ein wenig zusammengewürfelt, aber lebendig.


Die ausgebildete Schauspielerin mit den dunklen Locken und 17 Jahren Theatererfahrung spricht mit lebhafter Gestik. Ihr Blick wandert dabei durch den Raum, als wolle sie das genau richtige Wort finden. Seit zwölf Jahren engagiert sie sich bei der "Jugend Filmjury", die von der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW) ins Leben gerufen wurde. In Berlin leitet sie seit sieben Jahren ihre eigene Jury - und hat vor Kurzem eine weitere gegründet.


Entstanden ist die Berliner Jury Anfang 2018. Jugendliche bewarben sich nach einem Zeitungsartikel mit einer eigenen Kritik zu einem Film ihrer Wahl. Man wollte ihnen nicht nur die Kinowelt eröffnen, sondern auch ihre eigene Stimme stärken. "Da sprechen wirklich Kinder und Jugendliche", sagt Schneider-Reuter. Der Unterschied zu einer Jury aus Erwachsenen sei deutlich spürbar. "Erwachsene machen immer zuerst eine gefilterte Aussage über den Film, weil sie wissen, wie der Film gemacht ist, und das hält sie davon ab, aus dem Herzen zu sprechen." Bei der Jugendjury sei das anders. Jugendliche zeigen unmittelbar, ob sie ein Film begeistert - oder langweilt.


Gemeinsam schauen die Jurymitglieder Filme, diskutieren, bewerten und schreiben am Ende eine Filmkritik, die online gestellt wird. Was nach Freizeitbeschäftigung klingt, ist für viele der erste Schritt, sich zu trauen, die eigene Meinung öffentlich zu äußern. Die Jugend Filmjury wurde 2014 gegründet, um Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 20 Jahren stärker in die Filmkultur einzubinden. Mittlerweile gibt es über ein Dutzend Standorte in ganz Deutschland. Monatlich sichten die Gruppen aktuelle Kinofilme - von Klassikern wie "Ice Age" bis zu Dokumentarfilmen wie "And the King Said, What a Fantastic Machine" - und vergeben am Ende ihre eigene Empfehlung. "Am Anfang können manche keinen geraden Satz formulieren, und am Schluss schreiben sie Kritiken auf der Berlinale", erzählt Schneider-Reuter. Die Entwicklung? Sie lacht kurz. "Gigantisch."


Doch der Weg dorthin ist kein Selbstläufer. "Das Schweigen und das Zulassen ist ein unglaublicher Drahtseilakt." Damit meint Schneider-Reuter: nicht eingreifen, wenn Jugendliche zunächst keine Worte finden. Aushalten, wenn in der Gruppe Stille herrscht oder Aussagen noch unsicher formuliert sind. Statt zu korrigieren oder lenkend einzugreifen, lasse sie den Jugendlichen Raum. Um dem Gruppenzwang entgegenzuwirken, nutzte sie anfangs Bewertungsbögen. "In der Diskussion wird oft schnell gesagt 'Ja, find ich auch', und schon hat man die eigene Meinung wieder vergessen." Die Auseinandersetzung mit sich selbst und der Gruppe sei anstrengend, jeder müsse auf diesem Weg Hürden überwinden. "Da kann sich keiner durchschlawinern - oder sie gehen." Wer bleibt, lernt mehr, als nur über Filme zu sprechen. "Es werden Tools ausgebildet, die in allen möglichen Lebenssituationen gebraucht werden." Für Schneider-Reuter ist die Jugend Filmjury weit mehr als ein Treffpunkt, um gemeinsam Filme zu schauen. Es geht um Selbstbewusstsein, Reflexion, Meinungsstärke. "Wie bleibe ich bei meiner Meinung, und wie kann ich inhaltlich andere überzeugen? Aber man muss auch aushalten, wenn die anderen sagen: 'Wir sehen das trotzdem nicht so.'" Genau diese Fähigkeiten seien in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft unverzichtbar - und zugleich selten geworden.


Doch das Fundament dieses Projekts geriet ins Wanken. Früher waren die Prädikate "wertvoll" oder "besonders wertvoll" der FBW für Produzenten Voraussetzung, um staatliche Förderungen zu erhalten. Mit der Änderung des Filmfördergesetzes Anfang 2025 wurde diese Regelung gestrichen. Die Hürden für Fördergelder wurden allgemein gesenkt, die Prädikate damit überflüssig. "Die Relevanz ist weg", sagt Schneider-Reuter nüchtern. Damit entfiel auch die gesetzliche Grundlage der FBW, deren Finanzierung schon länger wackelte. Die FBW wurde zum Jahresende geschlossen. Die Trägerschaft der Jugend Filmjury wurde zum 1. Januar an den Bundesverband Jugend und Film e.V. (BJF) übertragen, um das Fortbestehen des Projekts zu sichern.


Schneider-Reuter betont: "Kulturelle Bildung ist für mich Mensch werden und somit die Grundlage unseres Daseins. Film ist für mich die moderne Kultursprachrichtung." Über Filme ließen sich Emotionen, gesellschaftliche Fragen und Perspektiven transportieren - direkt und nah an der Lebenswelt der Jugendlichen.


"Ich habe wirklich viel daraus gelernt, bis zum letzten Komma darüber zu diskutieren, was die Geschichten bedeuten, die wir auf der Leinwand sehen", sagt der 19-jährige Konstantin Marx, Mitglied der Berliner Jugend Filmjury. "Das Diskutieren hat mich einen Blick auf Film gelehrt, den ich sonst nie gehabt hätte."


Schneider-Reuter warnt: "Wenn solche Angebote einmal gestrichen sind, dann sind sie eben gestrichen. In Kulturvermittlung für Jugendliche nicht zu investieren, ist, wie das Land gegen die Wand zu fahren." Was sollen die Jugendlichen am Ende mitnehmen? Schneider-Reuter überlegt nicht lang. "Behaltet die Sprache! Wenn ihr aus dem Kino rausgeht, kurz innehalten und fragen: Was habe ich hier als Geschenk mit rausgenommen?"

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 20.04.2026, Nr. 91, S. 26 - Lars Weber, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

zurück