Die Kühe hängt man an die große Glocke

Senntumschellen sind fest in der Appenzeller Tradition verankert. Ein Bauer und ein Schellenschmied sind mit dem Vieh im Dreiklang.

Wenn i d'Schelle ghöre, denn isch das Heimat", sagt Hansueli Buff, ein großer, kräftiger Schweizer mit Lachfalten und einem ernsten Blick. Seit Generationen bringen der Neunundfünfzigjährige und seine Familie die Kühe von Frühling bis Herbst auf die Alp Grosslangboden in Urnäsch im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Die Tiere werden für die Sommermonate auf höher gelegene Alpwiesen gebracht, damit auf dem Hof mehr Wintervorräte produziert werden können. Vor 54 Jahren war Buff zum ersten Mal bei dieser Alpfahrt dabei, ganz vorn als Gaissbueb. Diese Aufgabe wird von den Jüngsten übernommen. Der Gaissbueb führt die Ziegen und sorgt dafür, dass sie nicht aus der Herde ausscheren. Heute läuft Hansueli Buff am Ende des Viehtriebs mit und sorgt mit seiner Erfahrung dafür, dass die etwa 45 Kühe und zehn Ziegen, begleitet von gut zehn Personen, sicher auf der Alp ankommen und im Herbst auch wieder gut zurückkehren.

 

Das "Öberefahre", also der Weg vom Bauernhof zur Alp, dauert etwa fünf Stunden und wird zu Fuß zurückgelegt. Im Zentrum des Alpzuges steht der Klang: Drei harmonisch aufeinander abgestimmte Senntumschellen mit einem Gewicht von je sechs bis neun Kilogramm. Diese werden von drei Leitkühen getragen, die in etwa den gleichen Schritt haben und sich gut verstehen. Da muss man schon schauen, welche drei Kühe ausgewählt werden, denn "underäm Tier isch das au eso, es isch Charakter, öppe eini mag die ander nöd", erzählt der Bauer. Es gibt Kühe, die keine Schellen tragen möchten, und das sei in Ordnung, aber "wennd mit dä Schelle herä gohsch und sie grad scho dä Chopf herä hebet", lacht Buff, dann wisse er, dass sie die Schelle tragen will. Für die letzten paar Meter übernehmen die Sennen die Schellen, damit die Kühe sich sofort an den saftigen Bergwiesen stärken können. Die Schellen bleiben während des gesamten Aufenthalts in der Alphütte. Anders im Herbst auf dem Rückweg, da führt der Weg sehr steil bergab, und die Schellen werden lange von den Sennen getragen, da es so sicherer für die Kühe ist.

 

Wie es sich anhört, wenn die Kühe mit den Schellen unterwegs sind, weiß Schellen-schmied Peter Preisig. "Hüt machts niemert meh", erklärt er. Viele Schellenschmieden seien ausgestorben. Preisig befasst sich seit 1998 mit dem traditionellen Handwerk und ist einer der noch wenigen verbliebenen Schellen-schmiede. Das gesamte Wissen habe er sich selbst angeeignet. "Mich händ Tön scho immer fasziniert und au, dass mer so öppis Wunderbars us dä Element cha mache. Äs isch äs wilds Getue, wiä bimene Chircheglüt", sagt der Einundfünfzigjährige. Aus der Unregelmäßigkeit entsteht eine Regelmäßigkeit, und man hört die Harmonie. Konzentriert steht er in seiner Werkstatt in Gossau im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Preisig trägt ein helles Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und eine dunkle Arbeitshose. Auf dem Kopf, leicht schräg, eine flache, graue Mütze. Seine Hände sind schwarz vom Ruß des Schmiedefeuers.

 

Ein Senntumschellen-Set ist einzigartig. Es wird nicht massenweise produziert. Für die Herstellung benötigt man um die 120 Arbeitsstunden. Interesse daran bekunden Bauern, Silvesterchläuse, Jodelchöre, Liebhaber und Sammler. Ein Set kostet rund 13.000 Schweizer Franken - ohne Riemen. Für die Riemen "chasch öppis günschigers ha", meint Preisig. "'Bsondere am Senntum" ist der Dreiklang. Je besser die Töne aufeinander stimmen, desto liebevoller ist das "G'Spiel". Eine gute Senntumschelle erzeugt, wenn der Klöppel an den Körper schlägt, einen sauberen, klaren Grundton, und darauf folgen Teiltöne. Werden die Senntumschellen miteinander gespielt, lassen sich für einen Augenblick drei reine Töne unterscheiden, die dann zusammen mit den Teiltönen verschmelzen. "Es muss ä Klangsuppe geh", meint Preisig. Die Schellen sind so gestimmt, dass sie dem sechsten, siebten und achten Oberton eines Grundtons entsprechen. Eine ähnliche Tonfolge findet sich in den Liedern "Stille Nacht" oder "Leise rieselt der Schnee".

 

Schellen sind nicht jedermanns Sache, aber ein wohlklingendes Senntum fasziniert. "Dä Ton machi ganz klar mit dä Grössi vo dä Schelle, mit dä Materialdicki und wiä is tue schmiede." Je größer die Schelle, desto tiefer sei der Ton, und je dicker der Stahl, desto höher der Ton. "Än halbe Millimeter langet scho, und dä Ton springt devo", berichtet Preisig. Während des Herstellungsprozesses werden die Schellen immer wieder gestimmt. "I tue d'Schelle schmiedä, dänn stimmä, vermessingä und dänn nomol stimmä." Das Besondere ist das "Feuervermessingen". Die Senntumschellen werden mit Messing versehen und in einen Lehmteig gewickelt. Im Ofen verteilt sich das Messing auf der Oberfläche. Dieser Prozess gibt den charakteristischen Klang. Jede Senntumschelle ist "gmacht för d'Ewigkeit", betont Preisig. Grundsätzlich gehören die Senntumschellen an die Kühe, aber sie können auch als Begleitung für einen Chor eingesetzt werden. Beim sogenannten Schötte bewegt einer die große und die mittlere Schelle im Gegentakt, während ein anderer die kleine Schelle gleich zur großen Schelle spielt. Dieses Zusammenspiel erzeugt ein beeindruckendes Klangbild. Wenn dann noch der Gesang der Männer hinzukommt, verstärkt sich die Wirkung, und es entsteht eine ganz besondere Stimmung. "Dänn lösts Hühnerhut us", bemerkt Preisig.

 

Die Senntumschellen gehören zur Appenzeller Tradition, da sind sich Buff und Preisig einig. Und wenn beim nächsten Aufbruch im Morgengrauen wieder der Klang der ersten Schelle im Dorf erklingt, lebt diese Tradition weiter, Generation für Generation, ein Stück Heimat, das nicht verklingt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.05.2026, S. 26, Nr. 102 - Lena Müller, Kantonsschule Kreuzlingen

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