Die Tradition wird nicht im Dorf gelassen

Ruth-Lydie Tchindas Leben bewegt sich zwischen Frankreich und Kamerun.

Die Tradition ist ein Teil meiner Kultur, und die Kultur ist ein Teil von mir", sagt die 52 Jahre alte Ruth-Lydie Tchinda stolz. Sie hat ihre frühen Lebensjahre im zentralafrikanischen Kamerun verbracht, wo sie mit ihren zehn Geschwistern, zwei Adoptivgeschwistern und vielen Cousins und Cousinen aufwuchs. Inzwischen lebt sie schon seit etwa 25 Jahren in der Nähe der Stadt Pau in Südfrankreich, mit ihren beiden vier- und vierzehnjährigen Kindern. Ihr Studium begann sie 1991 in Kamerun. Das habe sie auch in die Elfenbeinküste und nach Frankreich geführt, wo sie ihren Master in Geowissenschaften absolvierte. Der Arbeit wegen zog sie ein paar Mal um und blieb dann mit ihrem Ex-Mann permanent in Frankreich.

 

Tchinda bewegt sich selbstsicher. Sie kleidet sich nicht sonderlich außergewöhnlich. Ab und zu europäisch, ab und zu afrikanisch, mit vielen Farben und landestypischen Mustern. Sie beschreibt es als "Mix". Dazu trägt sie ihre Brille. Oft sieht man sie mit einem Lächeln im Gesicht. Ihre Stimme klingt bestimmt, so als würde sie eine Wahrheit aussprechen, an der nicht zu rütteln ist. Für sie sei Tradition kein bloßes Ritual, das man gelegentlich pflegt. Tradition sei ein lebendiger Teil ihres Alltags, tief verwurzelt in ihr.

 

Auf Französisch erzählt die alleinerziehende Mutter von den traditionellen Gegenständen, die sie in ihrem Haus in Frankreich aufbewahrt. Es ist zweistöckig, mit einem großen Garten. Im Inneren ein offenes Wohnzimmer, an dessen weißen Wänden einige Wandsticker mit Sprüchen hängen, die von Nächstenliebe handeln. Außerdem von ihrer Schwester gemalte farbenfrohe Bilder mit geometrischen Formen und Fotos von ihr und ihren Kindern. In ihrem Haus sind traditionelle Gegenstände keine bloße Dekoration, sondern Erinnerungen, Zeichen der Zugehörigkeit: Musikinstrumente, Masken, Schmuckstücke, jedes Objekt trägt eine Geschichte in sich. Einige aus Afrika und einige aus Europa. Tchinda besitzt ein Klavier, eine Mundharmonika sowie ein Tamtam, eine kleine Trommel, traditionelle Rasseln und eine Kora, ein westafrikanisches Saiteninstrument.

 

"Es gibt Schmuckstücke, die nur von Menschen mit unserem Blut getragen werden dürfen." Dabei sei vor allem die Blutlinie der Mutter entscheidend. "Ich besitze eine Halskette, die schon über zwei Jahrhunderte alt ist", erzählt sie stolz. Diese gläserne Kette wurde ihr nicht einfach geschenkt. Solche Stücke erhält man nur vom Großvater oder vom Dorfchef. Während sie über die Schmuckstücke spricht, wirkt es so, als könnte man das Gewicht der Geschichte spüren, das an ihnen hängt.

 

Traditionen und Kulturen liegen aber nicht nur in Gegenständen, sondern auch in den täglichen Handlungen und dem Umgang miteinander. "Meine Kultur prägt mein Verhalten stark, auch wenn es nicht alle verstehen", erzählt Tchinda. Der Satz fällt fast beiläufig. Selbst in ihrem Job bei einer französischen Ölfirma, wo sie als "Project Control Manager" arbeitet, begleite sie ihre Herkunft in Form von anerzogenen Verhaltensmustern. Sie passe sich an, natürlich, aber bestimmte Verhaltensweisen blieben bestehen, weil sie Teil ihrer Identität sind. So spreche sie ihre Vorgesetzten immer mit besonderem Respekt an. Für sie sei das selbstverständlich. Kein übertriebener Akt, sondern Ausdruck von Anstand. Es gehe ihr nicht um Unterwürfigkeit, sondern um eine Haltung, die sie von klein auf gelernt habe.

 

Auch kleine Gesten spielen eine Rolle. Sie setze sich beispielsweise nicht einfach mit verschränkten Beinen vor ältere Menschen. Das mag in Frankreich niemandem auffallen, doch für sie sei das ein No-Go, vor allem bei den Eltern. "In meiner Kultur gilt das Überschlagen der Beine in Gegenwart von Älteren als respektlos." Es gehe nicht nur um das Sitzen an sich, sondern um die Körpersprache als Ausdruck einer inneren Haltung. Auch bei einer einfachen Begrüßung wie dem Händeschütteln gebe es kulturelle Unterschiede, die meist gar nicht auffallen. "Man legt die linke Hand unter die rechte, um Respekt zu zeigen." Dass ihre nichtkamerunischen Arbeitskollegen diese Gesten nicht verstehen oder gar wertschätzen, sei dabei nicht von Bedeutung.

 

Plötzlich wird Tchinda von den lauten Rufen ihres jüngsten Sohnes unterbrochen. Sie bittet um Entschuldigung und geht. Eine Weile bleibt es still, doch sie kommt schnell zurück und entschuldigt sich. Dann kommt sie auf einen anderen Teil der Traditionen zu sprechen. Diese sind nicht nur in den Menschen verankert, sondern in Kamerun auch im Gesetz. Die sogenannten Chefferien seien dort ein Teil der politischen Ordnung, vergleichbar mit kleinen Königreichen. "An der Spitze steht ein Chef, wie ein König oder Sultan. Dieser wird nicht gewählt, sondern die Nachfolge ist erblich, meist wird der Sohn des Chefs der nächste Chef." Tchinda selbst sei Teil der Chefferie Bamendjinda, eine Chefferie, die um die 1000 Menschen verwaltet. Ihre Rolle ist klar definiert: Als Schwester des amtierenden Chefs sei sie für interne Angelegenheiten zuständig. "Ich kümmere mich hauptsächlich um das Zusammenleben der Frauen des Chefs, ihre Beziehungen untereinander, Probleme mit dem Chef." Dies ist eine ziemliche Aufgabe, da der Chef zwölf Frauen hat. Auch bei schwerwiegenderen Problemen im Dorf werde sie einbezogen, doch der Chef entlaste sie bewusst, da er wisse, dass sie beruflich stark eingespannt sei.

 

Dass die Entfernung zwischen Frankreich und Kamerun nicht zu einem Problem wird, liege vor allem am Internet. "Mit den technischen Hilfsmitteln muss ich nicht die ganze Zeit über in Kamerun sein." Durch das Internet können die Mitglieder der Chefferien auch im Ausland in die Angelegenheiten ihrer Dörfer eingebunden bleiben. Über Whatsapp oder Zoom nehmen sie an wichtigen Treffen teil und unterstützen die Gemeinschaft, ohne physisch anwesend zu sein. Dass Tchinda eine Berufsfrau in Frankreich ist, werde in ihrer Heimat akzeptiert. Auch weil sie durch ihr erarbeitetes Geld Projekte wie die Schule mitfinanzieren kann. Vielleicht mache sie ihr Dasein als Berufsfrau sogar zu einem noch essenzielleren Teil der Chefferie.

 

"Ich bin eine Traditionalistin", betont Tchinda. Schon in jungen Jahren interessierte sie sich für die Bräuche und die kulturellen Praktiken ihrer Herkunft. Die möchte sie an ihre Kinder weitergeben. Deshalb versucht sie sie einmal im Jahr für einige Wochen in das Dorf in Kamerun zu dem dort lebenden Teil der Familie mitzunehmen, damit sie, obwohl sie in Frankreich aufwachsen, ihre Kultur bewahren und wissen, wo ihre Wurzeln liegen. "Ich identifiziere mich mit meiner Kultur, ich liebe sie."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 09.03.2026, Nr. 57, S. 26 - Maël Doetkotte, Kantonsschule Uetikon am See

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