Die Welt ist doch eine Scheibe

Musikliebhaber trotzt mit seinem Vinyl-Universum dem digitalen Wandel

Es war eigentlich so, dass ich mit 28 nicht mehr genau wusste, wo mein Berufsleben hinführt", sagt Bernhard Rotzinger. In den drei Jahren zuvor hatte er temporäre Jobs, arbeitete im Versand einer Spedition, später als Nachtportier in einem Hotel. Jedoch führte seine Leidenschaft für die Musik und ein Ferienjob im Musiklokal Atlantis in Basel dazu, dass er anfing, in einem Plattenladen zu arbeiten. In seinem Freundeskreis kennen ihn alle nur als "Bernie". Der inzwischen 69-Jährige hat sein Leben lang Vinyl gesammelt und verkauft. Seit 2020 arbeitet er nur noch mit einem 50-Prozent-Pensum in seinem Plattenladen "Atlantis Records" in Kaiseraugst im Schweizer Kanton Aargau. Im Laden sind mehr als 10.000 Schallplatten in Kisten, mehr oder weniger alphabetisch sortiert, auf langen Tischen aufgestellt. Den größten Teil seiner Sammlung hat Bernie über die Jahre von Privatpersonen angekauft, die ihre alten LPs loswerden wollten. Die Ziegelsteinwände geben dem dicht bepackten, etwas staubigen Raum einen urbanen Effekt. Mit seinen langen grauen Haaren sitzt Bernie an seinem Ladentisch, wo ein Plattenspieler steht. Bis 2020 befand sich der Laden in Basel neben dem Musik Pub Atlantis. Dort fanden seit 1983 Shows mit Musikern und Bands wie Ben E. King und den Gipsy Kings statt. Sein Geschäft sei stets gut gelaufen, da er eine Nische im Rock-Bereich gefunden habe. Bernie war schon immer ein Rock- und Pop-Fanatiker. Sein erstes Vinyl war das "White"-Doppelalbum der Beatles, das er 1968 geschenkt bekam. Er selbst spielt E-Gitarre in der Basler Rock'n'Roll-Band "The Glorias". In letzter Zeit höre er aber auch viel Jazz, da Jazz für ihn heute entspannter wirkt als Rock.


"Ich finde dieses ganze Spotify zu futuristisch" regt sich der Musikenthusiast in seinem Basler Akzent auf. "Mich interessiert die Geschichte und die Kultur der Musik, und diese hört man nur analog." Vinyl sei für ihn immer die erste Option, jedoch verurteile er CDs nicht, die er ebenfalls sammelt. "Ich finde aber, dass man auf dem Plattenspieler viel mehr das Aroma in der Musik hört." Er sei froh, dass die Leute heutzutage verstärkt nach jenem Hörerlebnis strebten. Das war nicht immer so. Mit dem Aufkommen der CDs in den 90er-Jahren wollten die Leute ihre Schallplatten loswerden. Das zog sich bis in die 2000er-Jahre, als die ersten iPods auf den Markt kamen. Als dann die digitalen Streamingdienste wie Spotify und Apple Music entstanden, passierte wieder etwas Ähnliches. Die Relevanz der CDs nahm ab. Und dann sagten plötzlich immer mehr junge Leute "Vinyl ist die reinste Art, Musik zu hören".


"Ich habe all die Wandel aus erster Hand erlebt", erzählt Bernie. Seine Vinylverkäufe seien

in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen, von rund 20 Prozent seines Gesamtumsatzes auf über 70 Prozent. Diese Veränderungen bemerkt er auch bei der Anzahl der Platten, die ihm verkauft wurden. Viele Leute, die ihre LPs loswerden wollten, kamen früher zu ihm und verkauften sie ihm zu sehr guten Preisen. "Ich weiß noch ganz genau, als mir jemand eine Avantgarde Jazz Box für nur 80 Franken verkaufen wollte." Bernie kaufte die Box und schätzt deren Wert heute auf rund 500 Franken. Heutzutage, meint er, verkaufen sich am besten LPs von den Beatles oder von anderen bekannten Künstlern. Doch auch mit nationalen Rock Bands wie Gotthard hat er viel Erfolg.


Ein Messingglöckchen an der Ladentür begrüßt einen neuen Kunden. Die leichte Brise, die in den Raum weht, mischt frische Luft in den Geruch von altem Vinyl und Pappe. Der Kunde grüßt und macht sich daran, Hunderte von LPs zu durchsuchen, mit der Hoffnung, etwas zu finden. "Das ist mein erstes Mal hier, doch ich bin erstaunt, wie groß die Auswahl ist", sagt der 47-Jährige. Er selbst sammle auch leidenschaftlich Vinyl und habe diesen Laden empfohlen bekommen. "Ich sammle hauptsächlich 70er-Jahre-Rock und Heavy-Metal-LPs. Jedoch mag ich auch ein bisschen Jazz von Miles Davis zur Entspannung." Er verlässt den Laden mit zwei Platten und einem breiten Grinsen. Bernie freut sich. "Das Gefühl, anderen eine Freude zu bereiten, ist das, was mir an meinem Job am meisten gefällt." Er entstaubt seinen Plattenspieler mit einem Mikrofasertuch, legt eine Jazzplatte auf und senkt die Nadel. Sanfte Klänge erfüllen den Raum. Für einen Moment scheint die Zeit für Bernie stillzustehen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 02.03.2026, Nr. 51. S. 26 - Paul Siewert Hipólito, Kantonsschule Kreuzlingen

zurück