Die Zeit vergeht im Flug

Der slowenische Überflieger im Skisprung Peter Prevc blickt zurück und nach vorn.

Sommer. Sonne. Wintersport. 35 Grad im grünen Skisprungstadion Kranj am Fuß der Alpen, 30 Kilometer nordwestlich von Ljubljana. 2004 wurde hier die Bauhenk als Mattenschanze für das Sommertraining der slowenischen Springer eröffnet. Es wurde so etwas wie der Flugplatz der "Prevc Airline". Seit 2019 hat Slowenien zwar keine nationale Fluggesellschaft mehr, aber die derzeit weltbesten fliegenden Geschwister, darunter Weltrekordler, Weltmeister, Olympiasieger: Peter, Cene, Domen und Nika Prevc.


Peter Prevc wartet an der Bauhenk. 1,80 Meter groß, kurzes, dunkles Haar, weißes T-Shirt, beige Hose, verschränkte Arme. "Ich gebe nicht gerne Interviews, aber ihr seid so hartnäckig gewesen. Und ich mag junge Leute, die schreiben und ihre Träume verwirklichen wollen." Peter ist 1992 in Kranj geboren und das älteste der fünf Geschwister. Wenige Tage nach seinem letzten Weltcup-Sieg 2024 hat er seine Karriere beendet. Als erster Mensch flog er auf Skiern über 250 Meter, er gewann den Gesamtweltcup, die Vierschanzentournee, wurde Weltmeister, gewann olympisches Gold, 24 Weltcups, unzählige slowenische Meisterschaften.


"Ich vermisse die Atmosphäre in den Stadien. Die Anfeuerung durch die Fans und diese Gesellschaft von einigen schrägen Vögeln. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, alles erreicht zu haben, was ich mir wünschte, ich hatte genug von diesem Lebensstil, einem

Leben voller Druck. Und ich war selten zu Hause." Heute kümmert sich der Vater von zwei Söhnen morgens um die Kinder, bringt sie zum Kindergarten, hält Vorträge, betreibt mit seiner Frau Mina die Peter-Prevc-Stiftung und arbeitet im Service des slowenischen Skisprungverbands.


Sein letzter Sprung in Planica sei sehr emotional gewesen. "Es fühlte sich richtig wie Abschied an, das Ende." Als größten Erfolg sieht er trotz aller Rekorde, "dass ich 15 Jahre ohne größere Stürze und Verletzungen blieb". Dabei hatte er 2023 in Planica einen furchtbaren Unfall. Während des Flugs löste sich ein Ski, Peter schlug einen Salto, krachte mit dem Rücken auf die Piste. "Erst im Hubschrauber auf dem Flug nach Ljubljana kam ich zu Bewusstsein, hatte eine Gehirnerschütterung, eine Nierenverletzung und einen Wirbelbruch. Doch schon zwei, drei Monate danach wagte ich mit einigen Zweifeln wieder einen Sprung." Skispringen sei eine sichere Sportart, meint er. "Auch Windkompensationsregeln tragen dazu bei. Es gibt kaum noch schwere Stürze."


Seine Karriere hatte spät begonnen. "Ich liebte Skifahren, wollte in meinem Dorf aber auch der Beste beim Skispringen sein. Mit etwa acht Jahren sprang ich dann 25 Meter und mehr. Mein Vater hat mich in einem Verein angemeldet, wo ich die notwendige Ausrüstung erhielt. Weil die anderen in meiner Altersklasse aber schon länger trainierten, wurde ich von ihnen gehänselt, weil sie 'besser' waren." Für ihn sei Robert Kranjec stets das Vorbild gewesen. "Robert war immer der Erste, der zum Training erschien, und der Letzte, der es verließ. Von seiner Disziplin und Hingabe wollte ich lernen." Das sei auch das Geheimnis der Geschwister Prevc.


"Das Überraschende ist vielleicht, dass wir eine ganz normale Familie sind, allerdings mit einer ausgeprägten Arbeitsmoral. Unsere Eltern haben uns vorgelebt, dass jede Aufgabe ordentlich erledigt und bis zum Ende durchgezogen werden sollte. Wenn man täglich nur ein bisschen tut, kann man weit kommen." Natürlich spielen Talent und körperliche Voraussetzungen auch eine große Rolle. "Gute Beweglichkeit in den Hüften, schlank und durchtrainiert. Und ein langer Oberkörper, eher kurze Beine, was mir die Natur aber nicht mitgegeben hat." Die Körpergröße sei nicht wichtig. Von Beginn an mache man dann "Dehnübungen, Sprünge, Kniebeugen, Training zur Koordination und Schnelligkeit, immer individuell auf den Springertyp abgestimmt. Aber kein intensives Training der Arme, man muss das Körpergewicht niedrig halten." Das sei für ihn nie ein Problem gewesen.


Mentale Stärke sei auch wichtig. Mutig, aber nicht leichtsinnig müsse man sein. "Ich habe Respekt, aber keine Angst. Ein wenig unsicher bin ich bei Reptilien, Schlangen mag ich gar nicht", sagt Prevc und lacht. "Springen ist wie eine Fahrt zum Rand, um sich dann in einen leeren Raum zu stürzen. Dabei muss man sich selbst vertrauen, dass man dazu in der Lage ist, über seine Grenzen hinauszugehen. Man weiß nie genau, wo man landen wird." Während des Sprungs nehme er dann keine Geschwindigkeit mehr wahr. "Man bewegt sich in der Luft." Das Schwierigste sei die Korrektur von Bewegungsabläufen. "Sobald eine Bewegung viele Male wiederholt wurde, verläuft sie automatisch, wird im prozeduralen

Gedächtnis gespeichert, was es viel schwieriger macht, die Bewegung zu ändern."


Schon mit 17 war Prevc im Weltcup erfolgreich und konnte als Profisportler ohne weitere Berufstätigkeit leben. "Während der gesamten Karriere wog ich fast immer 63 Kilogramm. Danach habe ich mit der Familie einen Monat Urlaub in Italien gemacht. Da gab es dann auch Pizza, Pasta, Aperol, und ich wog plötzlich 7 Kilo mehr."


An der Bauhenk fing seine Karriere richtig an. Dort hat er täglich trainiert, verließ das Haus als Schüler oft um sechs, um nach 18 Uhr zurückzukommen, hier hält er mit 119 Metern noch immer den Schanzenrekord. "Wahrscheinlich bin ich mehr als 10.000-mal von dieser Schanze gesprungen." Mehr als 1000 Kilometer Flug auf Skiern, allein hier. Die Infrastruktur in Kranj biete Springern beste Möglichkeiten. Auch der japanische Spitzenspringer Naoki Nakamura lebt und trainiert seit einiger Zeit dort. "Domen hängt auch schon mal mit Ryoyu Kobayashi ab." Die slowenischen Springer profitierten enorm vom starken internen Wettbewerb.


Cene Prevc, 1996 geboren, hat seine Karriere auch schon beendet. Domen, 1999 geboren, "tauchte 2016 als Skispringer wie eine Sternschnuppe auf, die verstrahlte", sagt Peter. "Denn er probierte danach andere Sachen aus, kehrte aber zurück und ist heute Weltmeister, Olympiasieger, Weltrekordler." Und Domen macht auch andere Flüge. Im Hubschrauber pilotierte er schon den fünfmaligen Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar.

Nika, 2005 geboren, dominiert zurzeit die Weltspitze bei den Frauen wie Domen bei den Männern. Und die jüngste Schwester, Ema, 2009 geboren, tanzt Ballett. "Wahrscheinlich war sie es leid, immer auf ihre Brüder und die Schwester warten zu müssen", sagt Peter schmunzelnd.


Was die Zukunft betrifft, so denkt er an diesem heißen Tag in den Alpen, dass "das Skispringen vielleicht überwiegend auf Kunststoffbelägen stattfinden wird, was nicht ganz so romantisch wäre. Vielleicht sogar an noch wärmeren Orten, eventuell in Dubai, wo möglicherweise in einer Halle eine Schanze gebaut wird." Und wenn einer seiner beiden Söhne später einmal Ski springen möchte, dann würde er "das nicht lieben, aber bestens unterstützen".

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 12.10.2026, Nr. 226, S. 26 - Zoja Klara Hrup, Anja Oblak, Lucian Lovrencic, Discimus Lab, Videm bei Ptuju/Trzec

zurück