Dirk Deike fährt in seinem Bus jeden Tag über Land, um Menschen mit Brot zu versorgen - und um zuzuhören
Der Wagen ist weiß, die rechte Seite hochgeklappt. Dahinter liegen Schrippen, Körnerbrötchen und Streuseltaler. Auf einem schmalen Tresen vorn stellen Kunden ihre Taschen ab, zählen Kleingeld und grüßen. Es ist Markttag in Sparow, einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, das keinen Markt mehr hat. Kein Bäcker, kein Laden, keine Apotheke. Geblieben ist nur ein Ort: vor dem Bus.
Dirk Deike, ein Mann mit braunen Haaren, kleinem Schnauzer und einem weißen T-Shirt, steht Brötchen sortierend hinter der Theke seines mobilen Bäckerwagens, wie er es seit mehr als drei Jahrzehnten macht. "Mit Körnern oder ohne?", fragt der 57-Jährige eine Kundin, die auf das Weißmehlgebäck guckt. Seine Stimme ist ruhig, sein Blick wach. Er kennt viele beim Namen, weiß, wer welche Brötchen mag, wer welche Allergie hat, wer heute nicht mehr kommt. Der Wagen rollt fünf Tage die Woche durch die ländliche Region der Müritz. Immer dieselbe Route, immer dieselben Haltestellen. Es gibt Menschen, die sich bei ihm ein Brot holen - und von ihrer Woche erzählen. Andere kaufen jeden Dienstag zwei Berliner. "Die sind für meinen Mann", sagt eine ältere Dame, "der meint, er braucht sie fürs Herz." Er lächelt. Es ist ein Lächeln, das nichts verkaufen will. Gebacken wird woanders. Der kleine Wagen hat keinen Ofen. Alles, was Deike verkauft, wird frühmorgens in der kleinen Bäckerei mit dem Namen "R. Wildekopf", südlich von Neubrandenburg am Tollensesee, vorbereitet. Dann fährt er los - und bringt die Ware dorthin, wo es längst keine Bäcker mehr gibt. "Früher hatte jedes Dorf eine Bäckerei", sagt er. "Jetzt fahre ich stattdessen hin." Sein Bus ist Verkaufsstand und Treffpunkt. Wer einsam ist, kommt zum Reden. Deike ist Verkäufer und Gesprächspartner zugleich. Einer, der zuhört, auch wenn das Brötchen nur 38 Cent kostet. "Ich mache das gern", sagt er nicht laut, nicht pathetisch. Sondern so, als würde er es für selbstverständlich halten, dass man morgens um vier aufsteht, sich durch schmale Dorfstraßen manövriert, jeden Kunden einzeln begrüßt und dass man auch dann pünktlich kommt, wenn Schnee liegt. Seine Kundschaft wird älter, die Dörfer werden leerer. Manchmal wartet nur eine Handvoll Menschen. Trotzdem kommt Dirk Deike Woche für Woche.
Auch wenn er sich damit kein Vermögen aufbauen kann. Auch wenn andere längst aufgegeben hätten. Manche nennen das altmodisch. Andere sagen: zuverlässig. Was ihn antreibt? "Es ist ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden", meint er und sortiert dabei Nussecken nach. Dann kommt die nächste Kundin. "Heute wieder die Mohnbrötchen?" Deike nickt, reicht ihr die Tüte. Ein kurzes Gespräch, ein Dankeschön und weiter geht's. Der Himmel zieht zu, im Inneren des Wagens leuchtet das Licht auf die Brötchen. Eine Frau sagt, sie komme nur seinetwegen. Nicht wegen der Auswahl, sondern wegen der Art. Der Art, wie er dasteht, mit seiner ruhigen Stimme und seinen freundlichen Augen. Ein fahrender Bäcker, könnte man sagen. Aber das wäre zu wenig. Dirk Deike ist viel mehr als ein Handwerker. Er ist ein Mensch, der verbindet - zwischen Dörfern und Generationen.