Drum prüfe, was sich ewig bindet

Carla Burkard ist Buchbinderin in Braunschweig und weiß, dass einzigartige Werke nicht ersetzbar sind.

Bücherstapel türmen sich auf einem Tisch. Es riecht nach Papier. Dort steht eine Spindelpresse und hier eine elektrische Schneidemaschine. Carla Burkard hat Buch- und Papierrestaurierung studiert. Seit zwei Jahren arbeitet sie in der Braunschweiger Buchbinderei Zerbst. 2027 wird sie die Nachfolge der Buchbindermeisterin Ulrike Busch-Heck antreten. "Zerbst ist eine rein handwerkliche Buchbinderei für Einzel- und Sonderfertigung. Wir besitzen keine großen Maschinen und sind nur ein ganz kleines Team", sagt Burkard.

 

Seit 2021 gehört das Buchbinderhandwerk zum Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. "Es ist nicht einfach ersetzbar. Im Handwerk können viele Dinge ganz speziell gemacht werden, die man sonst nur als Massenware bekommt." 2016 hatte Burkard die Schule abgeschlossen. "Ich wusste nicht, was ich nach dem Abitur machen soll. Da habe ich mir verschiedene Studiengänge angesehen, darunter ,Konservierung und Restaurierung'. Das fand ich cool." Von 2016 bis 2019 absolvierte sie an der HAWK in Hildesheim das Bachelor- und Masterstudium der ,,Restaurierung und Konservierung" im Fachbereich Schriftgut, Buch und Grafik. Im Juni 2024 schloss sie zudem ihre Ausbildung zur Buchbindergesellin an der Technischen Informationsbibliothek Hannover ab. "Ich hatte nach dem Studium nicht das Gefühl, wirklich handwerkliche Fähigkeiten zu haben. Das Studium ist sehr theoretisch und darauf ausgelegt, in die Forschung zu gehen." Während ihrer Ausbildung lernt sie die Inhaberin der Buchbinderei Zerbst kennen und erfährt, dass eine Nachfolgerin gesucht wird. "Ich konnte mir gut vorstellen, mich selbständig zu machen."

 

Burkard trägt eine dunkle Arbeitsschürze. Sie zeigt ein ornithologisches Lexikon aus dem 19. Jahrhundert, mit Farbdarstellungen von Vögeln aus Madagaskar. "Das ist eine Lithographie. Dabei verwendet man große Steine, ein faszinierendes Druckverfahren, mit dem man sehr feine Bilder, die handkoloriert wurden, abdrucken kann." Beim Buchbinden unterscheide man zwischen klebegebunden und fadengeheftet. Beim Klebebinden werden die Einzelseiten am Buchrücken mit einem Leim verbunden, während beim Fadenheften die Papierbögen, die in der Mitte gefaltet sind, zu Lagen ineinandergelegt werden. "Die Lagen werden mit einem Faden verbunden. Dann hat man mehrere Lagen übereinander und näht diese anschließend zusammen, was als Heften bezeichnet wird. So ein fadengeheftetes Buch ist sehr stabil und hält auch lange." Häufig werde als Bezugsmaterial für die Buchdecke Papier, Leder oder Pergament verwendet. "Es ist ein sehr altes Handwerk, und es sind nur Hilfsmittel dazugekommen, die es einfacher gemacht haben", sagt die 29-Jährige mit den dunkelblonden Haaren und der schmalen Brille, die in ihrer Freizeit gerne liest und häkelt. So wird inzwischen eine elektrische Schneidemaschine verwendet, mit der ein ganzer Buchblock zurechtgeschnitten werden kann. "Früher gab es eine kurbelnde Schneidemaschine, die per Hand bedient werden musste, oder es wurde Seite für Seite abgehobelt, damit man einen geraden Schnitt hatte." Zur Titelprägung auf der Buchdecke mussten früher einzelne Buchstaben erhitzt werden. "Wir haben jetzt ein Gerät, das sich Prägnant nennt. Der Titel wird mit Metalllettern buchstabiert und dann mithilfe von Hitze in einem Zug geprägt." Ein Werkzeug, das sich jahrhundertelang kaum verändert hat, ist das Falzbein. Es besteht aus einem glattgeschliffenen Stück Knochen, der zum Falzen von Papier verwendet wird.

 

Das Buchbinderhandwerk stehe vor einigen Herausforderungen. Es gebe kaum noch Ausbildungsstellen, weil die Ausbilder nach und nach in Rente gehen. "Ich war eine der letzten Auszubildenden in Hannover." Viele ahnen nicht, wie viel Arbeit in so einem Buch steckt. "Menschen denken, für 20 Euro bekomme ich doch im Buchhandel ein Buch. Warum hier nicht?" Ihre Kundschaft sei breit gestreut. "Die ältere Generation lässt Bücher reparieren, die jüngere Gästebücher und Fotoalben binden. Studierende kommen mit Abschlussarbeiten, Ärzte und Rechtsanwälte mit Fachzeitschriften und angehende Autoren, um einen Prototyp ihres Buches anfertigen zu lassen." Auf der Homepage der Buchbinderei liest man: "Vom klassischen Gästebuch, Fotoalbum und Tagebuch bis zu Liebesbriefen binden wir alles."

 

Burkard ist für die Reparaturen und Restaurierungen zuständig. "Ich habe 20 Stunden an einem Buch restauriert, das ein Archiv in Auftrag gegeben hatte. Eine Sammlung von Briefen aus dem Dreißigjährigen Krieg." Restaurierungen seien aufwendig. "Es wird versucht, alles an originaler Substanz zu erhalten und nur Materialien zu verwenden, die gute Alterungseigenschaften besitzen und im Notfall auch einfach wieder entfernt werden können." Manchmal habe sie das Gefühl, dass Menschen Bücher mehr schätzen, wenn sie merken, wie viel so etwas wert sein kann. "Wenn sie ein Buch aufschlagen und bemerken, dass jemand eine Widmung reingesetzt hat und sie wissen, dass diese Person vielleicht gar nicht mehr da ist." Es sei eine andere Art, aus Büchern zu lernen als von einem E-Book oder einer Website. "Ich denke, dass Persönliches viel wertvoller ist, wenn es handgeschrieben ist. Ich hatte ein Tagebuch, das war von 1920. Der Kunde sagte, es sei ein Reisetagebuch seines Opas, und er würde es gerne seinen Kindern weitergeben. Es kommen auch ganz viele Leute mit Kinderbüchern, die sie selbst schon gelesen haben." Man erhalte Aufträge von Bibliotheken und Kirchengemeinden. Letztere führen immer noch Tauf-, Heirats- und Sterberegister, die immer mal wieder gebunden werden müssen. Ferner sei das Einbinden individueller Fotoalben, von Gästebüchern für Hochzeiten oder Ferienhäuser und von Bibeln gefragt. "Ich repariere viele Familienbibeln, die schon seit langer Zeit immer weitergegeben wurden."

 

Beim Arbeiten trage der Buchbinder eine große Verantwortung, da einzigartige Bücher nicht ersetzbar seien. "Ich hatte diese Ehrfurcht vor den Objekten und diese Angst, dass ich was kaputtmachen könnte. Das hat mir die Ausbildung genommen." Die wertvollsten Bücher seien für sie all die Unikate, die ihr anvertraut werden. Ein Buch, das für den einen Menschen vollkommen wertlos sei, könne für den anderen unbezahlbar sein, mit all den handschriftlichen Eintragungen und Kritzeleien. "Also alles, was genau dieses Buch besonders macht."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 29.06.2026, Nr. 147, S. 26 - Antonia Popp, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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