Der 18 Jahre alte Schweizer Iso Graf liebt das Sportklettern und den Wettbewerb
Dumpfe Aufschläge, klackende Griffe und surrende Seile. An einer Wand hängt Iso Graf, der Körper angespannt, sein Blick ist auf den nächsten Griff gerichtet. Eine kurze Bewegung, und schon umklammern seine von Magnesia weißen Finger den nächsten Griff. Ein Training, wie es in der Kletterhalle Griffig in Uster, einer kleinen Stadt in der Nähe von Zürich, jeden Tag stattfindet. "Das erste Mal in einer Kletterhalle war ich mit zwei Jahren", sagt Iso. Der 18 Jahre alte Sportkletterer trägt einen schwarzen Pullover, der seinen muskulösen Oberkörper betont. Die braunen Locken fallen in einem Mittelscheitel nach vorn und verdecken ein wenig die blauen Augen, die hinter einer Brille liegen. Während um ihn herum weiter geklettert wird, sitzt er neben den Kletterwänden und spricht über seine Passion. "Mit vier oder fünf Jahren war ich bereits das erste Mal mit meinen Eltern am Felsen. Mit sechs fing ich an, regelmäßig in der Halle zu klettern." Am Anfang habe er noch alle drei Hallenkletterdisziplinen geklettert: Lead, Speed und Bouldern.
Beim Bouldern wird an einer vier bis fünf Meter hohen Wand ohne Seil geklettert. Der Fokus liege auf Sprüngen und kraftvollen Zügen. Das Vorstiegsklettern, auf Englisch Lead, findet in der Halle an einer etwa 15 Meter hohen Wand statt. Der Kletterer wird von einer anderen Person gesichert, die auf dem Boden steht, und hängt sein Seil bei den auf der Route verteilten Karabinern ein. Beim Lead liege der Fokus auf Ausdauer und dem Lesen der Route. Beim Speedklettern gehe es darum, möglichst schnell eine ebenfalls 15 Meter hohe Wand zu erklettern. Das sichernde Seil ist dabei an einem Gerät an der Hallendecke befestigt, das bei einem Ausrutschen den Fall automatisch bremst. Hier liege der Fokus auf Tempo und Präzision. "Mit acht wurde ich von meinem jetzigen Trainer gefragt, ob ich in seinen Kader kommen möchte", berichtet Iso. In der Schweiz gebe es verschiedene regionale Kader und Privatkader. Sein Kader, Climbing Academy Zürich, sei ein privater Kader. Der Wunsch, auf einem hohen Niveau zu klettern, war früh da. "Ich bin ein sehr kompetitiver Mensch. Ich wollte schon immer zu den Besten gehören." Erfolge blieben nicht aus. "2019 und 2020 wurde ich Schweizer Meister im Speedklettern. 2023 wurde ich Dritter bei der Schweizermeisterschaft im Speed und im Bouldern. 2025 holte ich mir den zweiten Platz bei der Schweizerboulder Meisterschaft." Internationale Starts bei Europacups ergänzen die Liste.
Was ihn fasziniere, sei die ständige Veränderung. Jeder Boulder stelle neue Anforderungen, jede Bewegung verlange eine andere Lösung. "Es gibt schnelle, langsame, schwungvolle oder statische Bewegungen. Ich versuche im Training, möglichst viele Bewegungsformen abzudecken. Vorbereitung bedeutet nicht, eine Route auswendig zu können, sondern auf alles reagieren zu können, was im Wettkampf kommt."
Ein typischer Tag beginnt früh. "Um sechs stehe ich auf, esse ein Müsli und gehe in die Schule - der am wenigsten erfreuliche Teil des Tages", meint Iso und grinst. "Am Abend folgt das Training - unter der Woche von 17 oder 18 Uhr bis etwa 21 Uhr. Die Hallen liegen rund um Zürich, meistens bin ich im Griffig." Donnerstags sei der Rhythmus dichter, morgens beginne der Tag mit Krafttraining im Gym, abends wieder an die Wand. Samstags trainiere er mit dem ganzen Team, in Kletterhallen verteilt über die gesamte Schweiz. Sieben Trainingseinheiten pro Woche. Dazwischen gebe es immer wieder Entlastungswochen, in denen das Trainingspensum auf zwölf Stunden reduziert wird. Zum Training gehörten vor allem Kraft- und Technikübungen. Mentaltraining spiele bisher eine eher untergeordnete Rolle. "Ich arbeite sehr viel direkt an den Griffen. Wir wiederholen immer wieder verschiedene Bewegungsabfolgen, mal mit Fokus auf Kraft, mal auf saubere Technik." Wie er sich immer wieder motivieren kann? "Ich habe klare Ziele vor meinen Augen. Seien dies Wettkämpfe oder Selektionen für Wettkämpfe oder auch die Nationalmannschaft. Ich frage mich oft: Warum sollte ich heute nicht ins Training gehen? Einen guten Grund finde ich eigentlich nie." Ein Training auszulassen, bedeute, einen Schritt hinter die Konkurrenz zurückzufallen. "Es lohnt sich immer, trainiert zu haben. Man lernt auch, diszipliniert zu sein."
Trotz des hohen Trainingspensums besucht Iso kein Sportgymnasium. "Ich hatte die Möglichkeit in der dritten oder vierten Gymnasialstufe in Betracht gezogen, doch letztlich wollte ich weder ein zusätzliches Schuljahr anhängen noch einen kompletten Neustart wagen." Da ihm die Schule grundsätzlich gut liege, habe er keinen Vorteil darin gesehen, den Schulstoff auf mehr Zeit zu verteilen, nur um mehr Raum fürs Klettern zu schaffen. Die Schule reagiert flexibel auf sein sportliches Engagement. "Falls ich mal eine Dispensation brauche, wird diese immer gewährt."
Ganz ohne Kompromisse lässt sich der Doppelalltag nicht bewältigen. "Ich musste schon Trainings auslassen, um mich auf schulische Prüfungen zu konzentrieren. Umgekehrt kam es aber auch vor, dass ich mich wegen intensiver Trainingsphasen nicht optimal auf einen Test vorbereiten konnte." Entscheidend sei, Prioritäten zu setzen: Wie wichtig ist ein Wettkampf? Wie bedeutend ist eine Prüfung? "Besonders der Schlaf kommt leider oft zu kurz. Auch mit acht Stunden Schlaf fühle ich mich während intensiver Trainingsphasen immer müde." Aufgeben sei nie eine ernsthafte Option gewesen. "Den Gedanken, die Karriere an einem Punkt zu beenden, an dem ich noch nicht mit meinen Leistungen zufrieden bin, könnte ich mir niemals verzeihen."