Ein Junge segelt durch die Schule

Der 16-jährige Lukas Vetter liegt mit seiner Familie in einem Katamaran vor den Bahamas.

Während die Schüler in Deutschland auf ihrem Nachhauseweg sind, erwacht einige Zeitzonen weiter westlich vor den Bahamas der Katamaran von Familie Vetter langsam zum Leben. Der 16-jährige Lukas läuft verschlafen in den Wohnbereich des Bootes und lässt sich auf ein Sitzkissen fallen. Dort warten sein 18-jähriger Bruder und die Eltern bereits auf ihn. Der erste Tagespunkt: das Briefing. Während des Frühstücks studiert die vierköpfige Familie Wetterkarten und erstellt die Checkliste für den Tag. Jeder weiß, was er zu tun hat. Die nächsten zwei Stunden wird das Deck geputzt, Salz weggeschrubbt, und es werden die Geräte überprüft. "Eigentlich gibt es fast jeden Tag etwas zu reparieren", meint Lukas. Heute ist es die elektrische Bilgenpumpe, die Wasser aus dem Rumpf pumpt. "Nichts Wildes." Die Reparatur ist unspektakulär, nur ein verstopfter Filter. Mit 13 hat Lukas Deutschland verlassen. Seitdem lebt er auf einem Boot.

 

Nachdem alles an Bord erledigt ist, beginnt das Lernen. Unterstützt wird Lukas von seiner Mutter, die von 1993 bis 1996 in Rumänien Mathematik und Physik unterrichtet hat. Oft lernt er auch in Einzelarbeit mit der Hilfe seines Bruders, der sich 2024 für einige Wochen eine Auszeit vom Segeln nahm, um seinen Schulabschluss in Deutschland nachzuholen. Lukas arbeitet ebenfalls auf dieses Ziel hin. Den Stundenplan legen sie selbst fest. "Es gibt Monate, da fasse ich kein Schulbuch an." Doch wenn sie irgendwo anlegen, kann er sich nicht mehr drücken. Vergleichbar mit dem Schulstress in Deutschland sei es auf keinen Fall. Wenn die Aufgaben erledigt sind, beginnt die Freizeit. Das bedeutet schwimmen, schnorcheln, angeln oder einfach mit Musik am Heck liegen. Das Einkaufen in fremden Ländern sei oft das Komplizierteste. Die Läden auf den Karibikinseln bekommen nur selten Lieferungen, sodass man stets genau planen muss, wann man wo anlegt.

 

An Segeltagen sieht der Alltag anders aus. Dann sind sie oft bis zu neun Stunden unterwegs. Auch Freunde hat Lukas gefunden, viele von anderen Segelfamilien und oft in den wenigen Tagen, während man im selben Hafen ankert. Manche bleiben länger, andere verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Man schließe schneller Freundschaften, da jedem klar sei, dass die Zusammentreffen meist nur von kurzer Dauer sind. Lukas sucht auch Kontakt zu Einheimischen, besonders in Häfen oder auf Inseln, auf denen sie länger bleiben. Auf den Bahamas habe er mit einheimischen Jugendlichen fünf Stunden lang Hummer gefangen. "Das war eine meiner schönsten Erfahrungen." Die Ausbeute: 200 Stück. Am Abend wurden gemeinsam einige gegessen. "Man hält den Kontakt vor allem über die sozialen Medien." Auf dem Boot hat er dank unbegrenzter mobiler Daten beinahe überall Internet. In Deutschland habe er nur noch Kontakt mit fünf Freunden von früher, und das seien nicht immer diejenigen, mit denen er damals eng befreundet war.

 

Als die Familie 2022 ihr Haus im Landkreis Dachau verkaufte, war das eine gemeinsame Entscheidung. "Meine Eltern waren Mitte, Ende 40 und wollten uns Erinnerungen mitgeben." Für viele Freunde und Verwandte sei das schwer nachvollziehbar gewesen. Sie konnten nicht glauben, dass es gut für die Kinder sein sollte, sie aus ihrem Freundeskreis und Schulalltag zu reißen. Außerdem musste der Vater seinen sicheren Job als IT-Projektleiter bei BMW kündigen. Der Abschied sei nicht leicht gewesen. Doch Lukas bereue die Entscheidung nicht. Im Gegenteil. "Natürlich war es nicht einfach. Man muss bedenken, dass wir davor erst einmal ein Boot gesteuert haben."

 

Nach den einschneidenden Erfahrungen aus der Corona-Zeit wollte die Familie endlich wieder Freiheit spüren. In Montenegro kaufte sie den 14,7 Meter langen Katamaran für rund 600.000 Euro. Über die Website HandGegenKoje.de, auf der Segelinteressierte gegen einen Schlafplatz und Verpflegung an Bord helfen, findet die Familie einen erfahreneren Skipper, der sie bei der Überfahrt unterstützen soll. Im November ging es dann los. Zunächst durchs Mittelmeer. Um sich an das Boot zu gewöhnen, machte die Familie mehrere Zwischenstopps in Sizilien, Ibiza und entlang der spanischen Küste, bis sie kurz vor Weihnachten in Gibraltar ankamen.

 

Nach den Feiertagen setzten sie ihre Reise Richtung Süden fort und erreichten die Kanaren. Dort wartete die Familie auf das richtige Wetterfenster. Für eine Atlantiküberquerung müsse alles passen, erklärt Lukas: Wind, Strömung, das Boot. Auch müsse man alle Lebensmittel für eine Überquerung 1,5 Mal kaufen. Zudem müsse das Boot auf Schäden überprüft und eventuelle Ersatzteile nachgekauft werden. Am 6. Januar 2023 ist es so weit. Die Familie sticht in See. Vor ihnen liegen mehr als drei Wochen auf hoher See, ohne Land in Sicht. Auch wenn es manchmal hart gewesen sei, auf so engem Raum zusammenzuleben, habe die Überfahrt die Familie im Großen und Ganzen zusammengeschweißt. Das Verhältnis untereinander sei heute enger denn je.

 

Die Reise verläuft nach den ersten drei Tagen mit kleineren Stürmen und rauer See ruhig, fast unspektakulär. Angst habe er nicht gehabt. Nach 23 Tagen erreichen sie die Karibik. In Saint Lucia spüren sie zum ersten Mal wieder festen Boden unter den Füßen. Inzwischen ist Lukas in der gesamten Karibik herumgekommen. Sich vorzustellen, in absehbarer Zeit in einen normalen Alltag in Deutschland zurückzukehren, fällt dem 16-Jährigen mit den kurzen braunen Haaren und den blauen Augen schwer. Geplant ist, sich in ein bis zwei Jahren in Costa Rica niederzulassen und das Boot an Touristen für Ausfahrten zu vermieten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 10.08.2026, Nr. 183, S. 26 - Ferdinand Burghart, Deutsche Schule Algarve, Silves

zurück