Der Büchsenmacherbetrieb in der achten Generation sieht sich als "Platzhirsch" im Braunschweiger Land
Ein lautes Brummen ertönt im schallisolierten Raum. Mit einer mechanischen Seilwinde bahnt sich die Zielscheibe ihren Weg durch eine lange Betonröhre, in der nach und nach die Lichter angehen. "Die Schussentfernung ist knapp unter 100 Meter." Stefan Knappworst ist in seinem Element. Er steht im Schießstand seines Geschäfts, vor einem Tisch, auf dem eine Gewehrhalterung platziert ist. Zu seinen Füßen glänzen golden leere Patronenhülsen in einer hölzernen Kiste. Der 63-Jährige ist Büchsenmachermeister in siebter Generation und Inhaber des Betriebs "Knappworst". "Wenn Menschen, die damit nichts zu tun haben, vom Büchsenmacher hören, denken sie erst, dass wir Büchsen, also Dosen, herstellen." Ihnen müsse man erklären, dass ein Büchsenmacher Waffen baut. Der gebürtige Braunschweiger trägt Jeans und ein grau-weiß kariertes Holzfällerhemd unter einer grauen Weste. "Wir selbst stellen Waffen seit den Achtzigern nicht mehr her. Die Industrie kann mittlerweile viel schneller und preiswerter arbeiten." Zum Verkauf stehen überwiegend Jagdwaffen deutscher Hersteller. Für den Vater von drei Kindern war früh klar, dass er die Nachfolge seines Vaters Georg Knappworst junior antritt, der von 1972 bis 2000 Inhaber war. "Dadurch, dass ich tagtäglich damit in Berührung kam, hat es sich bei mir im Alter von 15 Jahren ergeben, dass ich dieses Handwerk auch erlernen wollte." Als er 1962 zur Welt kam, befand sich das Geschäft noch in der Braunschweiger Innenstadt. Seit September 2024 empfängt Knappworst seine Kunden 15 Autominuten entfernt in Schwülper. "Zum Glück sind wir aus der Stadt raus."
Ausreichend Parkplätze seien essenziell, da Käufer die Waffen nicht auf Fahrrädern oder in Bussen transportieren dürften. Beim Betreten des Geschäfts wird die Erwartung, die durch die Beschriftung der Außenwand "Knappworst - Jagd, Sport, Natur" geweckt wird, direkt erfüllt. Das Geschäft prägen mehrere Verkaufssäulen. "Zum einen sind das die Sportwaffen. Das seien Luftgewehre für die Schützenvereine, frei ab 18 Jahren verkäuflich. Auf dem Weg zu dieser Abteilung läuft man an einer grün-weißen Fahne eines Schießklubs nebst einer Schwarz-Weiß-Fotografie von 1927 vorbei. Darauf zu sehen sind Louis Knappworst (vierter Inhaber) mit Sohn Georg Knappworst senior (fünfter Inhaber). "Mein Großvater und mein Urgroßvater sind in der Braunschweiger Schützengesellschaft damals im selben Jahr Kleiner und Großer König geworden. Das ist schon etwas ganz Besonderes." Generell finden sich in Geschäft und Werkstatt viele Bilder, die die lange Familientradition zeigen. Der Betrieb sei bei der Gründung 1843 nur auf Sport- und Jagdwaffen ausgerichtet gewesen, was auf die damalige Militärentwicklung zurückzuführen sei. Mittlerweile fokussiere man sich auch auf Ausrüstung und Optik. "Wenn der Kunde hier im Laden steht und sich eine Waffe aussucht, dann braucht er natürlich auch Dinge wie Gummistiefel oder eine strapazierfähige Jacke." Die wichtigste Säule sei jedoch die der Lang- und Kurzwaffen für die Jagd. Diese sind aufgrund von Sicherheitsvorschriften in einem fensterlosen Raum mit Betondecke ausgestellt.
Man merkt Knappworst die Begeisterung für sein Handwerk an, wenn er vor einer solchen Waffe steht, ihren Aufbau, ihr Material sowie Vor- und Nachteile erklärt. Mittig im Raum kann man die Meisterstücke seines Vaters, von ihm selbst und seines Sohnes betrachten. "Es werden ungefähr 400 Stunden dafür verwendet", erklärt der passionierte Jäger die Herstellung der drei Gewehre. "Viele Mitarbeiter haben auch einen Jagdschein. Nur dann kann man wirklich gut beraten." In der anliegenden Werkstatt können Waffen restauriert oder angepasst werden. Diese Tätigkeit darf nur von ausgebildeten Büchsenmachern vollzogen werden. Ist die Waffe fertig bearbeitet, müsse sie eingeschossen werden. "Wir haben ja den Schießstand hier direkt am Haus." Zu Zeiten des alten Geschäftsstandortes wurde für das Probeschießen einmal wöchentlich zum Schießstand gefahren. Mittlerweile wird der Neubau täglich verwendet. Er enthält eine große Lüftungsanlage, denn beim Schuss werden giftige Gase frei. Am Ende der 84 Meter langen Betonröhre liegen vier Tonnen Gummigranulat, das als Kugelfang dient. Insgesamt habe der Bau 700.000 Euro gekostet.
"Das Handwerk hat sich im Vergleich zu damals völlig verändert. Die Gründer haben die Waffe komplett aus einem Stück Metall und Holz hergestellt. Heute sind die Teile alle vorgefertigt und vorbearbeitet." In der Regel sei es so, dass ein "guter" Büchsenmacher gar nicht lange überlebe, da er den wirtschaftlichen Teil seines Daseins vernachlässige, wenn er nur "gut" am Schraubstock arbeite. Der Verkauf sei das Entscheidende, denn "dieses Handwerk unterstützt im Grunde nur den Handel. Und ohne Handel kein Überleben." Im Braunschweiger Land sei sein Betrieb "mittlerweile der Platzhirsch", sagt der Jäger scherzend.
Für ihn heißt es hin und wieder "Waidmannsheil!". Sein Gesellenstück, einen Drilling, führt er jagdlich. "Wenn man auf dem Hochsitz ist, hat man sein eigenes, selbst gebautes Gewehr dabei. Das ist etwas ganz Besonderes." Knappworsts blaue Augen leuchten hinter seiner braunen Hornbrille. "Grundsätzlich kommt bei uns nur von mir geschossenes Wild auf den Tisch. Für mich ist es wichtig, dass ich ein Produkt essen darf, das völlig unbelastet und im Grunde bestes Biofleisch ist."
Damit seine Kunden bei der Jagd erfolgreich sind, beinhaltet das neue Geschäft ein "Schießkino". Eine Tür, direkt neben dem Waffenregal, führt in einen Raum, in dem man auf einer 24 Quadratmeter großen Wand unterschiedlichste Jagdsituationen mit eigener Waffe nachstellen kann. Für den Inhaber eine großartige und vor allem effiziente Technik, da bei dieser Übung weder ein Tier verletzt noch teure Munition verschwendet wird.
Ein Ereignis, an das er sich gerne zurückerinnert, ist die Wiedervereinigung. Wegen der geringen räumlichen Distanz seien damals viele Jäger aus dem Osten ins Geschäft gekommen. "In der DDR war privater Waffenbesitz verboten." Die Waidmänner konnten sich Gewehre ausleihen und mussten sie nach der Jagd zurückbringen. "Nach der Wende war ein Riesenbedarf an Jagdwaffen. Wir waren quasi ein Jahr lang ausverkauft." Die ostdeutschen Jäger seien so dankbar gewesen, endlich ein eigenes Gewehr in der Hand halten zu dürfen. "Ein älterer Herr kam schon bei der Bestellung mit Schlips und Kragen. Als ich ihm dann die Waffe übergeben habe, sind ihm die Tränen geflossen."
Grundsätzlich befürwortet Knappworst das strenge deutsche Waffenrecht. Jedoch sei es "ein bürokratischer Aufwand sondergleichen", dass sein Betrieb alle Waffen, die zur Reparatur bei ihm eingehen, an das Nationale Waffenregister melden müsse. Für ihn bestehe größter Handlungsbedarf, "die Digitalisierung muss endlich fortschreiten und uns Büchsenmachern das Leben erleichtern". Mit Sohn Sebastian steht die achte Generation Büchsenmacher schon in den Startlöchern. Der 35-Jährige arbeitet ebenso wie Bruder Roland (Marketing) und Mutter Susanne (Verwaltung) im Betrieb mit. "Meine Frau hat einen wesentlichen Anteil am Bestand des Geschäftes, weil sie mir immer den Rücken freigehalten hat." Und ab und zu schaue auch der 91-jährige Papa, also Opa Knappworst, vorbei und freue sich, dass seine Kinder und Enkel die Tradition aufrechterhalten. Die Entwicklung rund um das Traditionshandwerk hat Stefan Knappworst immer im Visier.