Der Slowene Anze Zavrl ist der "Maratonika Mann". Er hält den Guinness-Weltrekord für den schnellsten Marathonlauf mit einer Harmonika.
Anze Zavrl ist der "Maratonika Mann". Seit dem 19. Oktober hält der Slowene den Guinness-Weltrekord für den schnellsten Marathonlauf mit einem Akkordeon. "Nein, um meine Finger habe ich mir bei dem Lauf keine Sorgen gemacht", sagt der achtunddreißigjährige Vater von zwei Kindern lachend. "Mit meiner Band Gadi spiele ich auf Festivals manchmal sieben Stunden." Sorgen hatte er eher, ob die Schultern mitspielen würden. "Deshalb trug ich einen Gürtel, auf dem das Akkordeon auflag, und auf dem Rücken eine Konstruktion, die verhinderte, dass das Instrument zu sehr wackelte."
Zavrl ist 1,75 Meter groß und hat schwarze, kurze Haare. "Ich bin in dem Dorf Vinje, etwa 20 Kilometer östlich von Ljubljana aufgewachsen. Meine Familie hatte einen kleinen Bauernhof, ein paar Kühe, Hühner, Schweine und viele Wiesen. Nach der Schule machten meine beiden Geschwister und ich zuerst unsere Hausaufgaben und halfen dann beim Mähen, bei der Versorgung der Tiere und bei anderen Arbeiten auf dem Hof. Das hat mir Disziplin und Ausdauer beigebracht." Zudem wuchs er mit slowenischer Folklore auf, denn sein Vater war Volksmusiker. "So begann ich mit sieben Jahren auch mit dem Akkordeon."
Als er 17 war, gründete er mit zwei Freunden die Folklore-Band Gadi, mit Rhythmus- und Bassgitarre, Akkordeon und dreistimmigem Gesang. "Unsere Vorbilder kommen aus der slowenischen Tradition, von den Pionieren der Volksmusik wie Avsenik, Slak, Mihelic und anderen." Nach dem Abitur studierte Zavrl Grundschulpädagogik in Maribor und arbeitete zehn Jahre lang als Lehrer an einer Grundschule. "Die Musik war schon immer mit meinem Leben und dann auch mit dem Unterrichten verbunden." Sie habe dann immer mehr Raum eingenommen, und Zavrl begann eine Karriere als professioneller Musiker.
"Die meisten Auftritte haben wir im Sommer, bei Partys, auf Märkten und bei nationalen Feierlichkeiten. Unser größtes Konzert hatten wir an Silvester auf dem Kongressplatz in Ljubljana vor 12.000 Besuchern." Manche Auftritte dauern mehrere Stunden, und die Harmonika wiegt mehr als sieben Kilogramm. "Deshalb ist Fitness unverzichtbar, und ich begann mit dem Laufen." Mittlerweile läuft er etwa 1000 Kilometer im Jahr, auch als "notwendigen Ausgleich für unregelmäßige Arbeitszeiten als Musiker und Band-Manager".
Seinen ersten Marathon lief er im April 2023 in Paris. "Ich war sofort süchtig danach." Mittlerweile hat er vier Marathons absolviert, auch in Rom und Prag. "Meine aktuelle Bestzeit liegt bei drei Stunden und 27 Minuten. Dieses Jahr möchte ich die Drei-Stunden-Marke knacken, und ich will zehn Marathons absolviert haben, bevor ich 40 bin." Beim Marathon in Prag sei ihm die Idee gekommen, seine beiden Leidenschaften beim Ljubljana-Marathon 2025 zu verbinden. 40 Tage vor dem Lauf habe er angefangen, mit dem Harmonika-Konzept zu trainieren. "Trotz anfänglicher Schwierigkeiten stellte sich bald heraus, dass das Laufen mit der Harmonika einfacher war als ohne, weil ich mich auf das Spielen konzentrieren konnte und den Kopf frei bekam."
Das größere Problem sei eher die Guinnessbuch-Bürokratie gewesen. "Das Akkordeon musste das Standardgewicht von 7,2 Kilogramm haben. Dann erforderte das Instrument eine spezielle Halterung, der Balg musste arretiert werden, ich brauchte einen kleinen Notenhalter, und während des Laufens musste der Rhythmus des Spielens und gleichzeitig ein hohes Lauftempo beibehalten werden." Dazu passte Zavrl das Musikprogramm mit Polkas und Walzern dem Lauf-Rhythmus an.
Beim Ljubljana-Marathon am 19. Oktober 2025 waren mehr als 16.000 Läuferinnen und Läufer gemeldet. Der Lauf, der durch das historische Stadtzentrum führt, ist wegen seiner flachen Streckenführung als schnell bekannt. "Es war mein vierter Marathon. Anfangs spielte ich die anspruchsvolleren Stücke, für die ich mehr Konzentration benötigte. Nach den Guinness-Regeln darf man während 60 Minuten Spielzeit fünf Minuten lang nicht spielen. Ich habe diese Möglichkeit nur in der ersten Stunde genutzt und dann vergessen, dass ich überhaupt die Möglichkeit hatte, mit dem Spielen aufzuhören. Zwischen den Stücken durfte eine Pause von bis zu 30 Sekunden eingelegt werden, aber ich habe nie aufgehört zu laufen."
Besonders überrascht habe ihn dabei, "dass die Kilometer 33 bis 35, die als die problematischsten gelten, weil man große Willenskraft braucht, tatsächlich der beste Teil waren. Aber das lag wahrscheinlich an der großen Unterstützung." Der Ljubljana-Marathon ist bekannt für seine besondere Atmosphäre, besonders im Stadtzentrum machen auch viele Musikgruppen Stimmung. "Die Läufer sangen neben mir Lieder, während ich lief, und die Zuschauer stimmten ebenfalls mit ein." Die Sieger waren Haftamu Abadi Gebresilase aus Äthiopien (2:06:51) bei den Männern und die Äthiopierin Tigist Gezahagn Menigstu (2:22:45) bei den Frauen.
Zavrl kam mit seiner Harmonika nach vier Stunden, 26 Minuten und 23 Sekunden ins Ziel. "Ich war einfach stolz, slowenische Musik in der slowenischen Hauptstadt zu spielen, und habe dabei die Anstrengung und Schmerzen einfach nicht gespürt." In Zukunft möchte er aber "beim Laufen die Harmonika auf der Bühne lassen".