Ein Schweizer zieht die Fäden

Egal ob am Raclettestand oder als Busfahrer: Markus Buri ist der Chef.

Der Käse brutzelt auf dem Grill und zieht Fäden. Hinter dem Raclettestand auf der Rapperswiler Chilbi steht Markus Buri, kräftig gebaut, Mitte 60, schütteres Haar. Seine Kunden bekommen 210 Gramm Käse auf den Teller, mehr als anderswo. Und nicht nur eine Sorte. "Das macht kein anderer", sagt er. Zwei Tage in der Woche sitzt derselbe Mann am Steuer eines der ikonischen gelben Postautos, die in der Schweiz als Regionalbusse Fahrgäste durch ländliche Gebiete transportieren. Seine Strecke führt durch das Zürcher Oberland. "Ich muss nicht arbeiten, ich darf."

 

Buri wollte als Kind Lokomotivführer werden. "Das war in der Schweiz ein Klassiker." Später kam es anders. Nach seiner Ausbildung fuhr er Lastwagen, arbeitete 24 Jahre in einer Druckerei in Wetzikon, leitete dort die Weiterverarbeitung mit 15 Mitarbeitern, bis ein großer Konzern 2011 die Druckerei kaufte und schloss. Danach habe der Konzern ihm und Teilen der Belegschaft angeboten, in einer Großdruckerei weiterzuarbeiten. Da er das Wissen besaß, ging er diesen Schritt mit, wollte dort aber keine Kaderfunktion übernehmen. Was folgte, beschreibt er ruhig: vier Lohnkürzungen in zwölf Monaten. Einmal, noch vor dem ersten Zahltag, habe der Chef gesagt, er verdiene zu viel. "Ich habe ihm gesagt: Wenn es noch einen Franken weniger gibt, sage ich Tschüss." Er meinte es ernst. "Mir war es eigentlich egal, weil ich ja noch ein Geschäft hatte." Das Geschäft war sein Raclettebetrieb, den er da bereits aufgebaut hatte. Nach drei Jahren war er weg. Zwischendurch fuhr er auch Taxi, neben der Druckerei. "Ich war wirklich ein Workaholic." Die Idee zum Raclettestand, Buri nennt ihn sein "Kind", entstand fast zufällig. Als seine Mutter vor 26 Jahren bei der Migros in Rente ging, kaufte er ein Raclette-Profigerät für ihren Abschlussanlass. Danach stellte er fest: Das Gerät war für den Privathaushalt viel zu groß. Also meldete er sich vor 25 Jahren auf einem Weihnachtsmarkt in Rüti an. Er verkaufte gut. Dann wollte er nicht zwölf Monate auf den nächsten Markt warten. Bald kamen der Frühlingsmarkt und der Herbstmarkt in Wald dazu. Und jedes Mal, wenn er Geld verdient hatte, investierte er es wieder. Ein Anhänger kam zum nächsten. "Aus einer blöden Idee habe ich quasi ein Geschäft entwickelt", sagt er und lacht. Heute besitzt Buri acht Mitarbeiter und ist mit Raclette, Grill und Slush Ice in der ganzen Schweiz unterwegs. "Ich behaupte, wir sind in den Top Ten." Gemeint sind die Raclettebetriebe in der Schweiz. Für die Einsätze arbeitet Buri mit Aushilfen zusammen, organisiert Einkäufe, Einsatzpläne und die Logistik. Sich selbst beschreibt er als "Notfallkonzept": Wenn irgendwo Personal ausfällt, springe er ein. Nicht alle glaubten an den Erfolg. Auf einem Markt habe es geheißen, mit solchen Portionen werde er nicht lange bestehen. Heute steht er noch immer hinter dem Racletteofen. Doch auch Buri hat mit steigenden Preisen zu kämpfen. In den letzten Jahren seien die Kosten für Käse, Energie, Standmieten gestiegen. Vor Corona kostete ihn eine Portion rund fünf Franken, heute deutlich mehr. Gleichzeitig spürt er, dass das Geld bei den Kunden knapper wird. "Das Leben in der Schweiz ist zu teuer. Wir merken das." Aus Deutschland habe er Anfragen bekommen, doch eine Expansion ins Ausland komme für ihn nicht infrage. Die Rechnung gehe nicht auf: Exportkosten, Verzollung, Personalspesen, und am Ende würde der deutsche Kunde nicht den Preis zahlen, den er braucht.

 

Buri ist in Wald geboren, und genau dort fährt er heute seine Postauto-Strecke. "Ich dachte nie, dass ich jemals in Wald arbeiten kann." Am Chauffeurberuf schätze er vor allem den Kontakt mit Menschen. Bekannte Gesichter, ein kurzes Gespräch, Fragen, wie es einem geht. "Das Persönliche, das gefällt mir." Er sei überzeugt, dass die Fahrgäste das spüren. Wer Bus fährt, weil er muss, wirke anders als jemand, der es aus echter Freude tut. Gemütlich ist der Beruf trotzdem nicht immer. Den vollen Fahrplan findet er entspannend. Was ihn wirklich nervt, sind Autofahrer, die im Winter mit Sommerreifen Richtung Faltigberg fahren und den Verkehr blockieren. Da ist es vermutlich kein Zufall, dass Buri ausgerechnet im Januar und Februar Urlaub in Thailand macht, die ruhigste Zeit im Raclettegeschäft und die nervenstrapazierendsten Monate auf der winterlichen Straße.

 

Auch die Frage, ob ein Chauffeur seine Fahrgäste im Rückspiegel "lesen" kann, beschäftige ihn. "Lesen nein", sagt er. In einem Deeskalationskurs spielte ein Security-Mitarbeiter einen betrunkenen Fahrgast mit einer Bierflasche. Aufgabe: nicht mitnehmen. Buri nahm ihn mit, weil die Stimmung gut war. Der Kursleiter rügte ihn. "Ich habe gesagt: Ich bin der Chef", erzählt Buri. Hätte er ein Drama gemacht, wäre der Betrunkene sauer geworden und 40 weitere Fahrgäste hätten gewartet. "Das macht keinen Sinn."

 

Im Zürcher Oberland fehle es an Buschauffeuren. Buri erklärt es nüchtern: Früher musste man zwei Jahre Lastwagen fahren und einen tadellosen Ausweis vorweisen, bevor man den Car-Ausweis beantragen durfte. Heute könne man einfach Stunden absolvieren. Das senke die Hürde, aber auch das Niveau. "Für die Verantwortung, die man hat, wird es leider schlecht bezahlt."

 

So verschieden seine beiden Welten wirken, sie haben einen gemeinsamen Kern. "Es ist ein Geben und ein Nehmen", sagt er. "Ich erwarte nie etwas, aber wenn ich etwas gebe, gebe ich es von Herzen. Und es kommt x-fach zurück." Das gilt für den Umgang mit Fahrgästen genauso wie für den Stand am Markt. In viereinhalb Jahren muss er den Car-Ausweis altersbedingt abgeben. Ob ihm das Busfahren fehlen wird? "Ja. Auf einer Seite, ja." Den Raclettestand aber gibt er nicht auf. "Das Raclettegeschäft ist mein Kind. Das habe ich aufgebaut und großgezogen. Man gibt sein Kind nicht auf."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 14.09.2026, Nr. 213, S. 26 - Lalitha Hettipathira, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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