Ein Segen auch auf krummen Wegen

Die Pfarrerin der protestantischen Stiftskirchengemeinde in Landau in der Pfalz möchte, dass Kirche rauskommt.

Kirche muss rauskommen", sagt Heike Messerschmitt. Die blonde, temperamentvolle Frau ist Pfarrerin der protestantischen Stiftskirchengemeinde in Landau in der Pfalz. Dabei denke sie nicht nur an den Schritt aus dem Kirchenraum heraus, sondern an eine Haltung: offen, zugewandt, mitten im Leben. Während die Kirchen leerer werden, sucht die 49-Jährige neue Möglichkeiten, mit Menschen in Kontakt zu treten. Eine Woche lang wird sie in ihrem Alltag von der Autorin begleitet.

 

Das Schülerpraktikum startet im Caritas-Förderzentrum St. Laurentius und Paulus, einer Schule für geistig und körperlich beeinträchtigte Kinder. Die Stunde am Morgen beginnt im Sitzkreis. Die 12- bis 16-Jährigen werden aufgefordert, die Sätze "Ich bin dankbar für ..." und "Ich bitte, dass ..." zu vervollständigen. Neben Dankbarkeit für das Sportfest, dafür, dass man Zeit mit der Familie verbringt, oder einfach dafür, dass das Wetter schön ist, werden Bitten geäußert, dass Kommendes gelingen möge. "Wann hattet ihr euren letzten Streit?" Mit dieser Frage der Lehrerin wird das neue Thema "Krieg und Frieden" eingeleitet und durch eine Geschichte vertieft. Diese handelt von einem Streit zwischen Nachbarn über eine nicht zurückgebrachte Pfanne, die Situation eskaliert, Wut schlägt in Gewalt um. "Und das alles nur wegen einer Bratpfanne", äußert eine Schülerin verständnislos. Dann sollen die Jugendlichen ihren letzten Streit beschreiben. Dabei werden Hilfestellungen gegeben: Hat dein Bruder dich geärgert? Was hat er getan? Möchtest du das aufschreiben? "Nur wenn wir die Kinder individuell ansprechen, können sie den Streit reflektieren und das Gelernte auf andere Situationen anwenden", sagt die Fachlehrerin. Messerschmitt ergänzt: "Wichtig ist mir, dass sich alle mit ihren Einschränkungen und Schwächen, aber auch Stärken akzeptieren und respektieren. Es ist schön zu beobachten, wie die Jugendlichen mit der Zeit zu einer eindrucksvollen Gemeinschaft zusammengefunden haben."

 

Nach dem Schulbesuch geht es zu einer jungen Familie. Die Eltern haben sich gegen eine traditionelle Taufe entschieden, wollen aber dennoch, dass ihr Kind auf seinem Lebensweg gesegnet ist. Sie bitten die Pfarrerin, diese Segnung zu machen. "Der erste Geburtstag der Kleinen soll es sein", sagt die Mutter mit leuchtenden Augen. Messerschmitt sagt gerne zu. Sie begründet dies so: "Was ist eigentlich Segen? Segen ist Gottes Zusage an alle und bedeutet, dass man genauso gesehen wird, wie man ist. Es braucht verschiedene Formen für den Segen - nicht nur traditionelle, sondern improvisierte und experimentelle. Welche Formen er bei konkreten Anlässen findet, ist bunt wie das Leben selbst. Die Segenspraxis ist im Fluss und bewegt Menschen. Kirche muss rauskommen, da sein, wo die Menschen sind. Segen gehört nicht der Kirche. Es braucht eine Vielzahl von Zugangswegen, um Segen in die Welt zu tragen. Dazu gehört auch ein Willkommenssegen für ein Kind, der im Unterschied zur Taufe keine Zugehörigkeit zu einer Kirche herstellt. Der Segen spricht Gottes Nähe und Schutz zu, ohne sich an eine Institution zu binden. Für Eltern, die der Kirche skeptisch gegenüberstehen, aber dennoch Schutz und Segen für ihr Kind wünschen, ist der Willkommenssegen eine gute Alternative." Am Tag der Segnung liegt in der Mitte des Gartens ein Tuch, auf dem eine Kerze und Blumen stehen. Familie und Freunde versammeln sich, um die Segnung zu feiern. Messerschmitt übernimmt die Begrüßung, Ansprache und den Segen. Mit ihm verbindet sie weitere Wünsche für das Kind: Mut, Zuversicht und Leichtigkeit. Die Mutter sagt: "Ich wünsche dir, dass du dein Glück in Pfützen, Sonnenstrahlen und vielen Umarmungen findest."

 

Von überall rund um den Sandwiesenweiher, einen Stausee im Pfälzerwald, ist er zu sehen: der 3,50 Meter große, bunte aufblasbare Regenbogen. Er ist ein optisches Signal für eine Pop-up-Aktion, die Messerschmitt mit zwei Theologiestudentinnen, einem jungen Presbyter und der Praktikantin anbietet und die Wanderer ansprechen soll. "Brauchst Du eine Stärkung?" So macht ein Plakat auf das Gesprächsangebot aufmerksam. Auf einem Tisch steht ein "Segensautomat", an dem die Vorbeikommenden einen "Wandersegen" ziehen können. Alternativ können sie aus einer Schale "Segensbändchen" aussuchen. Falls gewünscht, bekommen Menschen persönlich gesprochene Segensworte für ihren weiteren Weg. Auch regenbogenfarbige "Segenstattoos" und "Powerriegel" zählen zur Wegstärkung. Das Angebot wird gerne angenommen, viele erzählen von persönlichen Problemen, bewegenden Ereignissen. Die politische Situation und die Sorgen vor einem Krieg nehmen eine wichtige Rolle ein, aber auch das Thema Familie. Drei Männer erzählen von ihrer langjährigen Wanderfreundschaft. Einige fragen nach dem Hintergrund der Aktion, darunter ein junger Mann. Er dreht mehrere Runden um den Weiher, bevor er Messerschmitt anspricht. "Ich finde es toll, dass Kirche da ist, wo ich bin, und nicht an einen Ort gebunden ist."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 11.05.2026, Nr. 108, S. 26 - Katharina Dalquen, Max-Slevogt-Gymnasium, Landau

zurück