Ein Volk feiert sein Los

Beim Purimfest pflegen die verschiedenen jüdischen Strömungen in Zürich ihre gemeinsame Tradition unterschiedlich

Rabbi Ruven Bar Ephraim betritt die Bühne. In seiner bunten Jacke liest er in der kleinen Zürcher Synagoge der jüdischen liberalen Gemeinde Or Chadasch das Buch Esther vor. Ein heterogenes Publikum, etwa 50 Personen, verkleidet als Cowboys, Discotänzer und Roboter, hört ihm zu. Im Zimmer nebenan spielen Kinder auf Schweizerdeutsch und Hebräisch als Ninjas, Drachen und Prinzessinnen. Es ist Mitte März. Und es ist Purim, die jüdische Fasnacht. Die Synagoge ist ein kleines, unauffälliges Gebäude an der Hallwylstrasse mitten in Zürich. Hier in Wiedikon und im benachbarten Quartier Enge leben rund 2000 Juden. Das entspricht etwa 30 Prozent der jüdischen Bevölkerung Zürichs und elf Prozent der gesamten Schweiz. Früher war Wiedikon ein Arbeitsquartier mit kleinen Fabriken und einfachen Wohnhäusern. Heute ist es voller trendiger Restaurants, Bars und Boutiquen.

 

Die jüdische Bevölkerung von Wiedikon ist nicht homogen. Die Vielfalt lässt sich an ihrer Kleidung, ihren Frisuren und ihren Gewohnheiten beobachten. Die ultraorthodoxen Juden mit ihren langen Bärten und die Frauen mit ihren schwarzen Perücken heben sich äußerlich am deutlichsten hervor. Die Erwachsenen sind oft in langen, schwarzen Mänteln und mit Hüten oder in langen Kleidern unterwegs. Kinder sieht man häufig auf Micro-Scootern, wie sie durchs Quartier fahren. Andere Strömungen, orthodoxe wie liberale, sind hier ebenfalls zu Hause. Orthodoxe Juden tragen ihre Kippas, runde Kopfbedeckungen. Mitglieder der liberalen Gemeinschaft tragen oft keine besonders markierte Kleidung. Sie versammeln sich aber ebenfalls in ihrer Synagoge für Feiertage und Zeremonien.

 

Bei allen Unterschieden ist Purim für alle ein verbindendes Fest. Wenn zu Purim Kostüme getragen werden, sind die Unterschiede im Erscheinungsbild zwischen den Strömungen weniger sichtbar. "Bei Purim geht es nicht nur ums Verkleiden", erklärt Chaim Guggenheim, Rabbinatsmitarbeiter bei der orthodoxen Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Mit rund 2500 Mitgliedern ist sie die größte jüdische Gemeinde in Zürich. Sie wurde 1862 gegründet, als es den Schweizer Juden gestattet wurde, sich überall in der Schweiz niederzulassen. Heute haben sie eine schöne Synagoge aus gestreiftem Stein im Stadtzentrum und bieten viele religiöse und andere Bildungsprogramme an.

 

Purim entstand im antiken Persien vor fast 2500 Jahren, als sich das jüdische Volk im Exil befand. Esther, selbst jüdischer Herkunft und die Frau von König Ahasveros, rettet das jüdische Volk vor dem Königsberater Haman. Der Name "Purim" leitet sich vom hebräischen Wort für "Los" (pur) ab, da Hamans Plan, die Juden zu vernichten, durch das Ziehen von Losen bestimmt werden sollte. "Er hat einen Holocaust geplant", sagt Guggenheim. Heute wird Purim "als Gegenteil von dem, was es sein sollte", gefeiert. Statt einer Tragödie "muss es eine Zelebration sein, dass das Volk gerettet wurde". Die Geschichte wurde in Gestalt des Buches Esther durch die Generationen weitergegeben. "Purim ist ein Tag, an dem man fröhlich sein soll", erzählt Guggenheim nachdenklich.

 

Der 66 Jahre alte Rabbi Ruven sitzt jetzt in seinem kleinen Büro neben der Synagoge mit Bücherregalen voller rabbinischer Literatur. Er hat eine Kippa auf dem Kopf und sieht aus wie ein typischer Professor. In seinem kaum wahrnehmbaren holländischen Akzent erklärt er das Fest. Die zwei zentralen Bestandteile seien die Lesung des Buches Esther und die Feier. "In rabbinischer Tradition", sagt er mit einem Lächeln, "wird gesagt, dass jemand so viel trinken soll, dass er den Bösen, Haman, von Esthers Helfer Mordechai, nicht mehr unterscheiden kann." Kostüme, Essen, Getränke, Tanzen und Musik - all das trägt dazu bei, Purim zu einem fröhlichen Tag zu machen.

 

Rabbiner Guggenheim, ein orthodoxer Jude mit zwei kurzen Schläfenlocken, beschreibt die Unterschiede zwischen den Strömungen. "Die ultraorthodoxen Juden versuchen, sich möglichst wenig in die säkulare Gesellschaft zu integrieren; sie wollen das traditionelle jüdische Leben des osteuropäischen 'Schtetl' von vor 200 Jahren weiterleben." Die Ultraorthodoxen haben eigene Synagogen. "Aber die Mehrheit der Juden lebt nicht so. Ich selbst trage jetzt ein T-Shirt und Jeans", sagt Guggenheim. "Die Nichtultraorthodoxen leben integriert in der schweizerischen Gesellschaft, die meisten nicht in Wiedikon." Zwischen den Orthodoxen und Liberalen gibt es auch Unterschiede. Die Liberalen sind die jüngste Strömung, ihr Gottesdienst ist "ähnlich wie in der reformierten Kirche. Die Landessprache wird öfter benutzt, und es gibt mehr Musik und Gesang", erklärt Rabbi Ruven. "Die Orthodoxen folgen strenger den Regeln der Tora "Das heilige Buch der Juden."

 

Die Unterschiede sind auch bei ihrer Feier von Purim sichtbar. Das Fest der liberalen Synagoge Or Chadasch war nur am Abend und relativ kurz. Es gab Gebete, das Buch Esther wurde gelesen, und danach wurden Hamantaschen, das traditionelle Gebäck zu Purim, gegessen. Purim an der ICZ beschreibt Rabbinatsmitarbeiter Guggenheim als "ganz typisch". Sie lesen auch das Buch Esther, geben einander Geschenke von Essen, helfen den Armen und feiern in Kostümen. Die Ultraorthodoxen arbeiten nicht an Purim oder am darauffolgenden Tag. Und sie lesen viel mehr Gebete als die anderen Strömungen.

 

In Wiedikon fungiert die kleine Ma'adan-Bäckerei als wichtige Quelle für jüdisches Gebäck. Sie wird von ultraorthodoxen Juden geführt und ist die einzige koschere Bäckerei in der Schweiz. Seit 1936 kommen Juden jeden Tag in der Woche, außer an Sabbat, dorthin, um Challah (einen Zopf), Babka (ein gefaltetes Schokoladenbrot) und andere Gebäcke zu kaufen. Zu Purim kommen die Hamantaschen in den Verkauf. Diese kleinen dreieckigen Kekse sind hier mit Schokolade, Mohnsamen oder Feigenmarmelade gefüllt. Sie werden dreieckig geformt wie die Mütze von Haman, der bösen Gestalt in der Purimgeschichte.

 

Die ultraorthodoxe Gemeinschaft hat nicht nur eine Bäckerei. In Wiedikon gibt es auch den koscheren Supermarkt "Kosher City", den jüdischen Notfalldienst "Hatzolah" und eine jüdische Schule für die ultraorthodoxen Kinder. "In Wiedikon weißt du, dass du an einem jüdischen Ort bist", sagt Guggenheim. "Die Juden mit ihren langen Pejes, den Schläfenlocken, und den großen Pelzmützen sind die Ultraorthodoxen. Sie haben alles, was sie brauchen, in der Nähe."

 

Bei der liberalen Gemeinschaft sieht es etwas anders aus. "Für die meisten Juden befinden sich die Orte, an denen sie arbeiten und leben, in der nichtjüdischen Welt. Wenn sie zur Gemeinde kommen, ist das dann ihre Welt", sagt Rabbi Ruven. Als Leiter einer liberalen Gemeinde beobachtet er, wie die Juden ihre Wortwahl und ihren Humor in der Gemeinde verändern. Diese Fähigkeit, zwischen Rollen zu wechseln, "ist zum Instinkt geworden". Nur wenn Juden in Israel oder New York leben und sie von anderen Juden umgeben sind, erkennen sie, dass es "nicht anders ist, Jude zu sein". Dort sei es "nicht so eine Spezialität", dass man jüdisch ist.

 

Im Unterschied zu dem Kontrast, den Rabbi Ruven beobachtet, betont Rabbinatsmitarbeiter Guggenheim das normale Leben in der Schweiz: "Juden sind Leute wie alle anderen. Sie haben einfach andere Feste und Traditionen." Ein paar Traditionen können zu Schwierigkeiten führen, zum Beispiel der Sabbat, an dem viele Arten von Arbeit, sogar Autofahren, nicht erlaubt sind. "Die Tradition ist aber wichtig", sagt Guggenheim. In Zürich sei es möglich, dass Juden nach ihrer Tradition leben, aber trotzdem in der Gesellschaft leben können und "vieles zur Wirtschaft und Politik beitragen".

 

An der liberale Synagoge Or Chadasch endet die Zeremonie. Familien mit kleinen Kindern gehen langsam nach Hause. Die anderen essen Hamantaschen mit Rabbi Ruven. Beide Rabbiner betonen, dass Purim das "fröhliche" Fest sei. Die jüdische Gemeinschaft kann zusammenkommen, entspannen und ihre Rettung und Tradition feiern. Es wirkt vielleicht ein wenig absurd, dass orthodoxe und ultraorthodoxe Juden plötzlich als Superhelden und Phantasiewesen in den Straßen erscheinen. Aber "es ist nicht absurd, froh zu sein", sagt Rabbiner Guggenheim.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 02.02.2026, Nr. 27, S. 26 - Gavriel Harvey, Kantonsschule Uetikon am See

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