Eine Hammerleistung

Seit vier Jahren ist Fabienne Schäfer in ihrem Jahrgang die beste Hammerwerferin Deutschlands

Stuttgart im Juli 2023. Mit Musik auf den Ohren schaut sich Fabienne Schäfer um. Hochkonzentriert geht sie im Kopf die Technik durch. Vor einem Wurf will sie nur für sich sein: kein Blickkontakt, kein Gespräch. "Ich atme dreimal tief durch und betrete den Ring." Mit dem Hammer in der Hand macht sie eine, zwei, drei, vier Drehungen und schleudert ihn mit ganzer Kraft von sich. Der alles entscheidende Wurf. "Ich liege einen Zentimeter zurück. Werde ich bei meiner ersten Deutschen U16-Meisterschaft Gold holen?" Die 17-Jährige erinnert sich an diesen Tag, als wäre er gestern. Bei der Verkündung des Ergebnisses flossen Tränen. Die damals 15-Jährige hatte mit 53 Metern die Deutsche Meisterschaft gewonnen.

 

Seit vier Jahren ist die blonde junge Frau mit dem strengen Dutt und der herzlichen Ausstrahlung in ihrem Jahrgang die beste Hammerwerferin Deutschlands. "Ich war ein sportbegeistertes Kind und machte von Ballett über Schwimmen bis zu Baseball alles. In der dritten Klasse fielen bei mir vor allem zwei Stärken auf: das Laufen und das Werfen." Als sie zehn war, habe sie sich dann auf die aktive Verbesserung ihrer Fähigkeiten im Hammerwerfen fokussiert. Negative Kommentare darüber, dass sie einen "Jungssport" ausübt, ignoriert sie. "Mich stört es nicht. Ich kann genauso viel wie ein Mann, wenn nicht sogar mehr", sagt die 1,85 Meter große Leistungssportlerin mit einem breiten Grinsen. Hammerwerfen sei ohnehin eine untypische Disziplin, egal ob für Jungs oder Mädchen. Das merke man daran, dass manche die Disziplin gar nicht wirklich kennen. "Manchmal werden Späße über den Sport gemacht, weil die Leute denken, dass ich mit einem Werkzeughammer werfe. In Wirklichkeit ist der Hammer beim Hammerwerfen aber eine Kugel am Draht."

 

Das Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB) ist so organisiert, dass die Schüler sowohl vor als auch nach der Schule trainieren können. Das ermöglicht mehr Training und am Ende bessere Ergebnisse. Die "Eliteschule des Sports", wie sich das SLZB auf seiner Homepage bezeichnet, orientiert sich stark an den sportlichen Leistungen. "Schlechte Noten sind nicht so entscheidend wie auf anderen Schulen. Solange ich im Sport Leistung erbringe, kann ich bleiben. Bei sehr schlechten Noten muss man vielleicht wiederholen, aber die Schule tut alles, um uns in unseren sportlichen Erfolgen zu unterstützen und auf der Schule zu behalten." Um zu bleiben, müssen die Sportler die Kaderrichtlinien ihrer Disziplin erfüllen.

 

"Ich trainiere neunmal die Woche. Mein Tag beginnt um 5.30 Uhr. Nach meinem anderthalbstündigen Weg trainiere ich von 7.30 bis 9.50 Uhr. Anschließend habe ich bis 16 oder 17 Uhr Unterricht, worauf noch eine Trainingseinheit folgt."

 

Fabiennes Trainingszeiten hängen von ihrem Trainingsplan ab, der von den Trainern erstellt wird. "Trainer spielen eine wichtige Rolle im Leben eines Sportlers. Sie sind wie eine Familie für mich, und ich vertraue ihnen Sachen an, die ich sonst niemandem sage. Das ist auch wichtig, denn sonst könnte man nicht so gute Leistungen bringen." Ihre Trainer haben auch ein Mitspracherecht, wenn es ums Privatleben geht. "Der Leistungssport bringt einige Verzichte mit sich. So sollen wir auf Aktivitäten mit hoher Verletzungsgefahr wie Skifahren verzichten und auf unsere Ernährung achten. Zeit für Freunde oder ein Privatleben bleibt dabei nicht viel. Wenn ich mich mal mit Freunden treffe, dann nur abends ab 19 Uhr. Aber generell ist mein Leben auf den Sport ausgelegt. Ein richtiges Leben abseits vom Sport habe ich nicht." Im Jahr hat sie zwei bis drei Wochen frei.

 

Sogar bei Verletzungen trainiert sie eher weiter, als sich einen Tag frei zu nehmen. Grund dafür ist ihr Ehrgeiz. Ärzte sind bei ihr wie bei vielen Leistungssportlern nicht gerade beliebt. "Ärzte heißen meistens Verbote. Und das hört niemand gern. Wenn es schlimme Verletzungen sind, gehe ich natürlich zum Arzt, und dann wissen auch meine Trainer Bescheid. Kleinere Verletzungen behalte ich für mich und trainiere trotzdem weiter. Dafür aber in anderer Form." Für Rücken- oder Knieprobleme geht sie zur Physiotherapie. "Ich gehe jeden Tag über meine Grenzen", erklärt sie ungeschminkt.

 

Das Hammerwerfen entwickelte sich vom Hobby zur Leidenschaft. Doch der Leistungssport birgt auch Nachteile. "Der ständige Druck ist manchmal kaum auszuhalten." Ihre Trainer haben hohe Ansprüche an sie. "Meine Bundestrainerin bezeichnet mich als die deutsche Hoffnung unseres Jahrgangs, natürlich möchte ich zeigen, dass ich die Erwartungen auch erfüllen kann." Nach Niederlagen ist dieser Druck noch größer, weil Fabienne selbst enttäuscht darüber ist, dass sie nicht zeigen konnte, was in ihr steckt. "Ich bringe im Training die erforderlichen Leistungen, schaffe es aber leider nicht, sie im Wettkampf zu präsentieren. Das ist sehr hart und ärgerlich." Andererseits steigert es auch ihren Ehrgeiz und zeigt ihr, dass sie noch mehr an sich arbeiten muss.

 

Demnächst steht für Fabienne ein Umzug von Berlin nach Erfurt an. Nach dem Abschluss der 10. Klasse verlässt sie die SLZB und wird in Erfurt in eine neue, junge und überwiegend männlich geprägte Trainingsgruppe wechseln, in der sie bessere sportliche Entwicklungsmöglichkeiten hat. Mit ihrer Bundestrainerin fürs Hammerwerfen trainiert sie mit anderen Methoden. Für die Zukunft hat sie Ziele: "Natürlich möchte ich meinen Titel, in meinem Jahrgang die beste Hammerwerferin Deutschlands zu sein, halten. Außerdem ist ein Ziel für dieses Jahr, das erste Mal international anzutreten und den Adler auf der Brust zu tragen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 09.02.2026, Nr. 33, S. 26 - Johanna Kunde, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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