Der Schweizer Künstler David Diehl hat mit seinem Gemälde des Ausnahmefußballers Diego Maradona ganz Neapel bewegt
Es ist der 22. Juni 1986. Fußball-WM in Mexiko. Der zehn Jahre alte David Diehl sitzt wie Millionen andere rund um den Erdball vor dem Fernseher. Viertelfinale. Argentinien gegen England. Ein Spiel, über das Jahrzehnte später noch gesprochen wird. Wegen zwei Szenen. Zweimal Maradona. Zuerst erzielte er das 1:0. Er brachte, wie man in der Fernsehübertragung gut sah, den Ball mit der Hand ins Tor. Aber der Schiedsrichter gab den Treffer. Nach dem Spiel sagte Maradona: "Es war ein bisschen Maradonas Kopf und ein bisschen die Hand Gottes." Das 2:0 schoss er nach einem Sololauf über das halbe Spielfeld. Dieses Tor gilt auch heute noch als "WM-Tor des Jahrhunderts".
1986 sei Maradona sein Lieblingsfußballer geworden, erzählt Diehl fast vierzig Jahre später in seinem Schulzimmer in der Kantonsschule Küsnacht, einer kleinen Stadt am Zürichsee. Hier arbeitet er als Zeichnungslehrer. Dass ein Zehnjähriger Diego Armando Maradona zu seinem Idol wählte, war nichts Besonderes. Diehl war einer von vielen. Besonders hingegen ist, was Diehl daraus gemacht hat. Er schuf das Denkmal für diesen Ausnahmefußballer. Im Jahr 2016 malte David Diehl Maradona mit einem doppelten goldenen Heiligenschein. Das Bild wurde zu der Maradona-Ikone, die einem in Neapel auf Schritt und Tritt begegnet. Maradona spielte in der Mannschaft des SSC-Napoli und wird dort bis heute als eine Art Stadtheiliger verehrt.
Das Maradona-Bild war eine von mehr als 70 Fußballer-Ikonen, die Diehl gemalt hat. Die Hälfte waren Aufträge, die anderen machte er einfach so. "Gewisse Fußballer gehörten schließlich einfach zu dieser Serie, wie Socrates, Totti, Ronaldinho oder Messi", sagt Diehl. Dass er die Bilder selber "Ikonen" nennt, ist kein Zufall. Für viele ist Fußball eine Art Ersatzreligion.
"David, da hängt dein Bild!" Es war ein sonderbarer Moment, als Diehl das erste Foto von einem Freund erhielt, das sein Maradona-Bild in Neapel zeigte. Viele weitere Fotos folgten. Denn Diehls Maradona-Ikone begegnet einem in Neapel auf Schritt und Tritt und in allen möglichen Formen: als Plakat, als Sticker, an Hauswänden, auf Fahnen, und sogar als Tattoo auf dem Oberkörper eines SSC-Napoli-Ultras. Als Diehl an Ostern 2023 selber Neapel besuchte, stand der SSC Napoli vor dem ersten Scudetto, dem italienischen Meistertitel, seit 1990 - dem ersten Scudetto ohne Maradona, und dies wenige Jahre nach dessen Tod. Als Maradona im November 2020 gestorben war, waren in der ganzen Stadt Altäre für ihn entstanden. Viele dieser Altäre zeigten Diehls Ikone. Leute knieten davor.
Aber wenn Diehl jemanden auf der Straße fragte "Wer hat dieses Bild gemalt?", dann schauten sie ihn nur mit großen Augen an und fragten zurück: "Was meinst du mit gemalt? Das ist ja Maradona." Dass es ein Gemälde ist, das einen Ursprung hat, interessierte niemanden. Was interessierte, war allein: Wer ist auf dem Bild? Und: Spricht mich das Bild an?
"Das ist eigentlich viel cooler, als wenn ich damit Geld verdienen würde", sagt Diehl. Sein Maradona-Bild hatte sich verselbständigt. David Diehl hatte das Bild erschaffen, aber auf einmal entwickelte es ein Eigenleben und macht, was es will. Das mache ihn stolz. Es sei aber auch "ein bisschen scary", meint Diehl. "Mein Bild nimmt Dimensionen an, die ich selbst nicht mehr steuern kann. So frankensteinmäßig."
Schon während seiner Ausbildungszeit interessierte sich Diehl dafür, Grenzen zu überschreiten. Er wollte Brücken bauen: Malerei, Musik, Sport. Das wollte er zusammenführen. Diehl ist Lehrer an einem Gymnasium. Er mag den Kontakt mit Jugendlichen und habe schon immer gern unterrichtet. Zudem mache ihn die Arbeit als Gymnasiallehrer unabhängig. Er sei nicht darauf angewiesen, mit der Kunst sein Geld verdienen zu müssen. Das sei "eine riesige Befreiung".
Vor etwa zehn Jahren war Diehl Teil eines Kollektivs von Fußballillustratoren. Es gab eine Nachfrage von vielen großen Clubs nach gemalten Bildern ihrer Stars. Diehl kam dadurch in Kontakt mit den Art-Directors der großen Clubs. Der erste Club, für den Diehl eine Illustration machte, war L.A. Galaxy, dann kamen Clubs wie der FC Arsenal, Bayern München, Olympique Marseille oder Inter Mailand auf ihn zu. Allerdings hatte er bei solchen Aufträgen immer genaue Angaben, wie das Bild werden sollte. Er selbst hatte keine großen Freiheiten. Daher beschloss er, solche Aufträge nicht mehr anzunehmen.
"Hilfe!", ruft Diehl mitten im Gespräch. Während er erzählt, starrt Diehl auf einen Wimpel im Klassenzimmer. Ein Schüler muss einen Grasshopper Club Zürich Wimpel über den FC Zürich-Wimpel gehängt haben, mit dem Diehl sein Klassenzimmer schmückt. Er grinst und entfernt den Grasshopper-Wimpel. Jetzt werde ihm auch klar, warum die Klasse, die hier zuvor bei ihm Unterricht hatte, während der gesamten Doppelstunde gelacht hatte. Er hatte den "falschen" Wimpel die gesamten zwei Stunden lang nicht bemerkt. Als Lehrer sei es ihm wichtig, authentisch zu sein und das vorzuleben, was ihn interessiere. "Ich möchte meinen Schülern das vermitteln, was mir nahe ist." Gleichzeitig wolle er sich selbst nicht ins Rampenlicht stellen. Die Schüler wüssten zwar zum Teil von seinen Ikonen, er habe aber nie von sich aus davon erzählt.
Mit der Veröffentlichung seines Buches "Icons" im September 2024 entstand eine mediale Aufmerksamkeitswelle. Zahlreiche Zeitungen und auch das Schweizer Radio haben über ihn berichtet. Für Diehl bezieht sich diese Welle aber auf eine Zeit, die für ihn eigentlich schon vorbei ist. Die ganze Sache mit den Ikonen fand er spannend - eben, weil es ihn faszinierte, Themen zusammenzubringen. Doch irgendwann hatte er genug. Heute malt David Diehl keine Ikonen mehr. Seine Ikonen leben zwar weiter, wie Ikonen das nun einmal so tun, aber er selbst bewegt sich nicht mehr zwischen Fußball, Religion und Kunst. Heute malt Diehl mit seinen Schülern der Kantonsschule Küsnacht Zwiebeln. Ein ganz anderes Thema. Aber wieder eines mit vielen Schichten.