Eine Kampfpilotin ist normal gestrickt

Nicola Winter liebt Handarbeit. Sie flog Tornado und Eurofighter für die Bundeswehr. Dann wurde sie Astronautin.

Senkrecht in den Himmel, schneller als der Schall, 140 Dezibel. Am Steuer Nicola Winter. "Man wird in den Sitz gedrückt und merkt, wie die Welt unter einem verschwindet. Es fühlt sich an, als wenn man in einer Achterbahn sitzt - in der man selbst die Kontrolle hat." Winter war von 2004 bis 2018 Kampfpilotin der Bundeswehr. Sie war die zweite überhaupt, jetzt ist sie Reserve-Astronautin. Sie hat eine steile Karriere hingelegt. "Bis ich 18 war, hielt sich meine Begeisterung für die Bundeswehr in Grenzen. Ich hätte die Ausbildung zur Pilotin zivil machen können, einen Kredit aufnehmen, um die hohen Kosten, die damals etwa 70.000 Euro betrugen, zu bezahlen. Das kam für mich, aufgrund der Unsicherheit, überhaupt geeignet zu sein, nicht infrage." Um das zu umgehen, wäre eine Ausbildung bei der Lufthansa möglich gewesen, die die Kosten übernommen hätte. Winter hätte es sich auch zugetraut, wäre da nicht der Haken, dass die geforderte Mindestkörpergröße 1,65 Meter beträgt. Mit ihren 1,60 Meter habe sie sich nicht beworben. Winter suchte nach Alternativen.


"Bei der Bundeswehr wird einem vorher gesagt, ob man in der Tätigkeit, die man machen möchte, auch genommen wird. Nur deswegen habe ich mich dann mit der Bundeswehr beschäftigt." Dort stellte sie fest, dass das Ganze "sogar viel besser als der erste Plan ist". Nicht nur seien die Flugzeuge interessanter, sondern auch die Missionen spannender und zudem sehr sinnhaft. Ihre Eltern hatten zunächst Bedenken, als sie von ihrem Bundeswehr-Plan berichtete. "Sie haben sich nicht in den Weg gestellt, aber so richtig toll fanden sie es auch nicht. Also das Fliegen schon, aber diese Art von Fliegen nicht unbedingt." Anfangs störte es die Pilotin mit den langen braunen Haaren, dass ihre Eltern sich immer um sie sorgten, später erkannte sie: "Es ist ein unglaubliches Privileg und sehr schön, wenn man Menschen hat, die sich um einen Sorgen machen. Der dümmste Zustand im Leben ist, wenn man allen anderen egal ist." 2004 erhielt sie die Zusage der Bundeswehr zu der fünf-bis zehnjährigen Kampfpilotenausbildung. Ihre Karriere begann. Ihr 55-wöchiges Euro-NATO Joint Jet Pilot Training, kurz ENJJPT, begann sie im selben Jahr in Texas an der Sheppard Air Force Base. Später war sie in Lechfeld bei Augsburg stationiert. Sie fand viel Freude am Kampfjet Tornado, bei dem man zu zweit im Flieger sitzt und der eine Spitzengeschwindigkeit von über 2000 Stundenkilometer erreicht. "Der Mensch hat keine Sensoren für Geschwindigkeit. Einfach nur schnell fliegen merkt man nicht, es fühlt sich dabei nicht so extrem an. Beim Start hingegen kriegt man das schon mit, wie man dann auf dem Rücken liegt, in den Sitz gedrückt wird und nach oben guckt und die Welt unter einem verschwindet." Neben dem Tornado ist Winter noch den Eurofighter geflogen, der eher für den Luftkampf verwendet wird. Diese Eurofighter-Umschulung erhielt sie elf Jahre nach ihrem Eintritt in die Bundeswehr. Damals war sie eine von nur drei Frauen in der deutschen Luftwaffe, die diesen Flugzeugtypen geflogen sind.


Die Umschulung fand in Rostock-Lage und in Nörvenich bei Köln statt. Bei internationalen Übungen oder mehrwöchigen Trainings war sie in Europa unterwegs. "Wie ein großes internationales Jugendfest", beschreibt sie diese großen Übungen. 2018 durfte sie in

Estland fliegen, um an der Ostgrenze zu Russland Präsenz zu zeigen. "Wir hatten keinen echten Kampfflugzeug-Einsatz", berichtet die verheiratete Frau und Mutter einer kleinen Tochter. "Menschen haben immer so eine Stereotype im Kopf: Die Jetpiloten sind bestimmt voll krass und laufen den ganzen Tag nur mit Sonnenbrille rum und machen dann auch nur solche Dinge." Winter beweist das Gegenteil. "Ich habe die Fähigkeit, in all diesen Welten zu leben. Ich kann beim Training im Schlamm rumrobben und später Netflix gucken und dabei stricken. Das ist das echte Leben, und das passt in einen Hollywoodfilm nicht rein."


"Das Flugzeug interessiert sich nicht für das Geschlecht oder die Hautfarbe. Es ist so gefährlich, dass wir für diese Äußerlichkeiten keine Zeit haben." Winter ist eine der wenigen Kampfpilotinnen in Deutschland, wobei die Frauenquote in der Luftwaffe mit etwa fünf bis zehn Prozent überhaupt gering sei. Sie hat sich nicht benachteiligt gefühlt. Trotz der anfangs harten Schule und des Umstands, dass man mehr Aufmerksamkeit erregt, empfand sie die Ausbildung als "total gute Schule für das Leben, weil ich weiß, dass ich anders bin.

Und das ist auch eine Stärke, wenn man Dinge anders macht." Das nutzte sie zu ihrem Vorteil. "Die Vorschrift hat nicht hergegeben, dass Handtaschen getragen werden. Das wussten die Männer aber nicht, weil die ja zu faul waren, die Vorschriften zu lesen. Also habe ich das immer gemacht", erzählt sie mit einem Lächeln. Nachdem die elegant sportliche Pilotin zwischenzeitlich auch als Fluglehrerin bei der Bundeswehr tätig war, trat sie 2018 nach 14 Jahren mit dem Dienstgrad Major aus der Luftwaffe aus.


"In der Pilotenausbildung gab es eine Hall of Fame der besten Absolventen, unter denen auch Astronauten waren." Viele Jetpiloten seien begeistert davon gewesen, Winter ebenfalls. "Dann dachte ich mir, da bin ich schon ganz schön nah dran. Die Hälfte der Voraussetzungen habe ich bereits erfüllt: Um Astronaut zu werden, muss man entweder Wissenschaftler oder Pilot sein, wobei die Konkurrenz unter den Wissenschaftlern deutlich höher ist." 2009, als sie 24 war, fand eine Auswahl der ESA für Astronauten statt, mit den zusätzlichen Anforderungen, über 30 zu sein und einen Master-Abschluss zu besitzen, wie sie sagt. So entschied sie sich für ein Fernstudium in Ingenieurwissenschaften, als "Back-up", hauptsächlich jedoch, um Astronautin zu werden. Danach war sie alt genug, und die ESA hat 2022 wieder gesucht. Das Auswahlverfahren ging über anderthalb Jahre und sechs Runden. "Ich war immer gut vorbereitet und hatte Glück, dass ich auch das mitgebracht habe, was sie suchen." Sie wurde mit Amelie Schoenenwald unter 22.500 Bewerbern ausgesucht. "Deutschland hat in dieser Auswahl keinen aktiven Astronauten, weshalb man vom aktiven, bestandenen Astronauten in die Reserve rutscht."


Das hält die Hobbybäckerin und Hundebesitzerin nicht davon ab, weiterhin zu fliegen. Nachdem sie von 2018 bis 2020 als Rettungssanitäterin auf der Straße tätig war, fliegt sie nun für die ADAC Luftrettung: als Hubschrauberpilotin. "Das ist die coolste Art für mich zu fliegen, mit dem meisten Sinn, also andere Menschen zu retten." Winter ist zufrieden. "Mein Leben ist unglaublich privilegiert: Ich durfte als Frau alles machen. Ich hatte nie echte Hürden im Weg." Momentan macht sie ihren Doktor in Luft- und Raumfahrttechnik.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 02.03.2026, Nr. 51. S. 26 - Gianice Güth, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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