Eine Pianistin kennt Höhen und Tiefen

Von der Schweiz über Japan bis nach China und wieder zurück: die Musikerin Chantal Largier

Der Blick über den Vierwaldstättersee ist ebenso schön wie der Tag selbst. Das Luzerner Café ist voll. Chantal Largier trägt eine schwarze Lederjacke. Auf ihrer Nase sitzt eine große Sonnenbrille. Sie komme gerade von ihrem Studio in Brunnen. "Das Studio ist eigentlich eine Wohnung mit einem Flügel, denn der hat in meiner Wohnung keinen Platz." Ein Schiffshorn ertönt. Als Kind habe sie an der elektrischen Orgel im Elternhaus in Zürich herumprobiert. Bis ihre Mutter sie mit sechs zum Klavierunterricht anmeldete. "Ich hatte von Anfang an eine riesige Freude daran und lernte deshalb auch viel und schnell." Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte sie 1994, mit acht Jahren, im Konservatorium Zürich. Sie spielte eine zehnminütige Sonatine und fing gleich nach dem Ende des Stücks zu weinen an. "Es waren so viele Emotionen da."

 

Drei Jahre später reist sie nach Tokio. Dort erhält sie Unterricht von angesehenen Klavierpädagogen und gewinnt bei der 14. Youth Music Harmony Competition ihren ersten internationalen Preis. Largier muss lächeln, als ein weiteres Schiffshorn sie mitten im Satz unterbricht. 2002 beginnt sie ihr Studium an der Hochschule für Musik Basel, mit nur 16 Jahren. Später verfeinert sie ihr Können an der Zürcher Hochschule der Künste und schließt mit einem Lehrdiplom, einem Master und einem Certificate of Advanced Studies (CAS) in Performing Arts ab.

 

"Das Studium war für mich die größte Herausforderung." Zuvor sei sie im Theresianum Ingenbohl gewesen, einem Internat in Brunnen, habe das aber nicht abgeschlossen, da sie schon zu studieren begann. "Es war ein sehr hoher Druck. Man misst sich unbewusst mit anderen." Das Studium sei lang gewesen, zehn ganze Jahre und sehr viel Arbeit. Gleich nach dem Abschluss hatte sie die Technik, aber keinen klaren Plan, wie sie als Pianistin Fuß fasst. Freunde und Familie hätten ihr damals geraten, noch etwas anderes zu studieren, da man von der Musik nicht leben könne. "Es gibt für alles einen Weg. Folge deinem Traum und bleibe diesem treu, egal was andere sagen." An diesem Mantra hält Largier bis heute fest. Ein Jurastudium hätte sie fasziniert, doch die Musik gewann.

 

Kurz nach dem Abschluss habe ihr eine Freundin, eine Geigerin, von einer Stelle als Professorin an einer südchinesischen Hochschule erzählt, der Zhaoqing University in der Provinz Guangdong. "Nach China zu gehen, war eine meiner besten Entscheidungen", sagt die Neununddreißigjährige. "Ich hatte einen coolen Chef, selbst ein leidenschaftlicher Musiker, der mir viel Vertrauen schenkte und Freiraum für eigene Projekte." So konnte sie nicht nur unterrichten, sondern auch regelmäßig auftreten. Es folgten fast 100 Konzerte in über 20 Städten - darunter in der Großen Halle des Volkes in Peking, im Shanghai Oriental Art Center und in der Shanghai Symphony Hall. Auch die Schweizer Botschaft lud sie ein, um beim "Chinese Friendship Day" zu spielen. Ein kleiner Kulturschock sei für sie die Diskretion des Alltags gewesen. Begeistert habe sie an China die Tiefe der Kultur und die kulinarischen Köstlichkeiten - allen voran Dim Sum.

 

Die chinesischen Studenten seien viel technischer unterwegs. Beim Klavierspiel liege ihr Fokus auf dem Training der Finger. Es gab dort so viele Studierende, dass sie nicht mehr mit Namen, sondern mit Zahlen bezeichnet wurden. Largier selbst habe zum Glück nur sechs Studenten unterrichtet und diese auch alle mit Namen gekannt. "Ich habe mir Post-its mit den wichtigsten Ausdrücken in der Wohnung verteilt", meint sie dazu, wie sie Mandarin gelernt habe. 2018 kam Largier zurück in die Schweiz, wegen einer Stelle als Klavierlehrerin an der Musikschule Pfannenstiel in Meilen.

 

Vor gut drei Jahren hatte sie auf einer Wanderung mit ihrer Mutter und den beiden Schwestern im Wallis einen Unfall, bei dem sie sich die Fingerknochen der linken Hand brach. "Wir liefen vom Gipfel herunter, und irgendwie stürzte ich." Keine schwerwiegende Verletzung, für eine Pianistin aber eine starke Einschränkung, zum Glück nur vorübergehend. Die Verletzung führte zu etwas Neuem. Sie habe das Talent der anderen Hand beeinflusst, denn diese wurde nun mehr gefördert.

 

"Die Verletzung inspirierte mich auch, meine Kompositionen zu publizieren." So veröffentlichte sie im Februar 2022 ihr erstes Album, "Timeless", das von ruhigen, klassischen und romantischen Klavierklängen geprägt ist. Es kamen drei weitere Alben hinzu: "Feel", "Growth" und "Trust the process". "Komponieren ist wie Tagebuch schreiben. Jedes Lied, jeder Ton spiegelt wider, was ich fühle." Ein leichter Wind lässt ihre langen Haare tanzen. Sie lehnt ihre zierliche Gestalt zurück. Largier fragt die Kellnerin, ob sie zahlen kann, und diese antwortet mit einem Lächeln: "Das haben Sie nun aber niedlich gesagt." Alle müssen lachen.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 07.09.2026, Nr. 207, S. 26 - Ronja Wolf, Kantonsschule Uetikon am See

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