Die 72-jährige Afaf Hijazi führt in Wiesbaden einen Friseursalon. Vor 55 Jahren kam sie aus Jordanien und hat gelernt, den Kunden zu lesen.
Die schwarz geschminkten Augen leuchten, das Gesicht ist zierlich und ein wenig blass. Auf den ersten Blick wirkt Afaf Hijazi jugendlich. "Durch die Arbeit sieht man immer jünger aus", erklärt die 72 Jahre alte Friseurmeisterin aus Wiesbaden. Afaf ist seit 1981 selbständig. Ihr "Salon Amal" hat eine noch längere Geschichte. Er besteht seit 1977 und wurde ursprünglich von ihrer Schwester geführt. Afaf kam 1970 aus Jordanien nach Deutschland. Damals war sie 17 Jahre alt. Sie ist gelernte Diplomkosmetikerin und absolvierte dann ihre Friseurmeisterprüfung, um sich selbständig zu machen.
Als Afaf in Deutschland ankam, musste sie schnell die Sprache lernen. Sie hatte das Glück, von einer Deutschlehrerin in der Nachbarschaft betreut zu werden, die ihr fast einen Monat lang half. Ihr Vater hatte Afaf ein wichtiges Motto mitgegeben: "Bring mal deine Mentalität mit, und nimm bitte mal von dem, was hier gut ist, und misch das zusammen, und dann kommst du weiter." Hijazis wichtigste Botschaft für Menschen, die neu ankommen, ist klar: integrieren, Sprache lernen, akzeptieren. Sie betont, dass man sich anstrengen muss, um nicht stehen zu bleiben. Sie selbst hat diese Offenheit gelebt. Während ihrer Jugend in Bremen empfand sie die Freiheit in Deutschland, etwa hinsichtlich Kleidung oder Gesellschaft, als besonders bewundernswert. Rassistische Benachteiligungen oder mangelnde Chancen habe sie in den frühen Jahren kaum erlebt, da die Anzahl der Ausländer in Bremen sehr gering gewesen sei.
Über die Jahre hat Hijazi ein enges Verhältnis zu ihrer Kundschaft aufgebaut, die sie liebevoll als "wie eine kleine Familie" beschreibt. Ihr Kundenstamm ist äußerst vielfältig. "Ich hatte zum Beispiel einen Richter, ich hatte Professoren, ich hatte Ärzte, ich hatte Rechtsanwälte, ich hatte Polizeibeamte." Sie schätzt den Kontakt zu Menschen, da sie durch die Geschichten der Kunden viel über das Leben lernt. Im Gegenzug gibt sie auch Ratschläge. Bei älteren Stammkunden, die jahrelang an ihrer Seite waren, fährt sie sogar zu ihnen nach Hause, um sie weiter bedienen zu können.
Der Beruf der Friseurmeisterin ist für Hijazi mehr als nur ein Handwerk. Es ist eine Tätigkeit, die den Kopf erfordert. Man müsse das Gesicht des Kunden lesen und entscheiden, welcher Schnitt oder welche Farbe passt.
Ein prägendes Erlebnis für sie war der Erfolg einer ihrer vielen Auszubildenden. Diese hatte zunächst keinen Ausbildungsplatz gefunden, bestand schließlich aber dank Hijazis Unterstützung die Prüfung und meldete sich Jahre später wieder bei ihr, um ihr mit Blumen und Schokolade zu danken. Sie hatte gerade selbst die Meisterprüfung bestanden. Die ehemalige Auszubildende sah in Hijazi ein Vorbild.
Der Weg in die Selbständigkeit war jedoch hart. Als Hijazi den Salon übernahm, investierte sie viel Geld, fast 104.000 D-Mark. Sie betont, dass man als Selbständiger "kämpfen und sich durchsetzen muss". Es habe oft Momente gegeben, in denen sie aufgeben wollte, besonders aufgrund von finanziellen Problemen. Doch sie hielt immer an ihrem Optimismus fest. "Was heute nicht klappt, klappt morgen", sagt Hijazi. Sie sorgte stets dafür, ihre Kosten zu decken und Schulden zu begleichen, weil sie Angst vor dem Gedanken einer Pleite hatte.
Heute arbeitet Hijazi allein im Salon. Das hatte sie ursprünglich nicht geplant, doch durch die Umstände, auch bedingt durch die Corona-Pandemie, hätte sich dies ergeben. Ihr sei bewusst, dass die Aufgabe ihres Salons eines Tages schmerzhaft sein wird, da ihr der intensive menschliche Kontakt fehlen wird. Sie blickt stolz auf das Erreichte zurück, insbesondere auf ihre Kinder, die ihren eigenen beruflichen Weg gegangen sind.