Auch vor gut 50 Jahren dauerte ein Spiel 90 Minuten. Und doch sah der Fußball anders aus. Der einstige Bundesligaprofi Jürgen Kalb hatte neben der Eintracht noch einen weiteren Job: in einer Druckerei.
Um fünf Uhr morgens sind die Straßen in Frankfurt-Nied fast menschenleer. Nur vereinzelt brennt Licht hinter den Fenstern der Backsteinhäuser. In einem dieser Zimmer beginnt für Jürgen Kalb der Tag. Für Frühstück oder Zeitung bleibt keine Zeit, es geht direkt los. Wenig später erreicht er die Buchdruckerei Wagner in Frankfurt-Höchst. Es riecht nach schwerem Papier, warmer Druckerfarbe und frischem Tee. Während die Welt draußen gerade erst erwacht, sind die Maschinen hier längst auf Betriebstemperatur. Drei Stunden lang setzt und druckt er, konzentriert und routiniert. Dann tauscht er Arbeitskleidung gegen die Fußballschuhe. Sein Weg führt ihn nicht nach Hause, sondern an den Riederwald.
Punkt zehn Uhr beginnt das Training der Bundesligamannschaft von Eintracht Frankfurt. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Der feuchte Geruch des Rasens verdrängt das Aroma der Druckerei. Bälle klatschen hart auf den Boden, Anweisungen hallen über den Platz. Es wird gerannt, gegrätscht, gearbeitet und geschnauft. Zwei Stunden lang Profisport auf höchstem Niveau. "Danach gingen meine Teamkollegen wie Hölzenbein und Grabowski noch in die Stadt, einen Kaffee trinken. Ich musste dann halt wieder arbeiten", sagt Kalb und lacht. Dienstags und donnerstags gab's für Kalb dann nochmals eine zweistündige Trainingseinheit am Nachmittag.
Jahrzehnte später sitzt der mittlerweile 78-jährige Jürgen Kalb in einem braunen Sessel in seinem Haus in Hofheim-Diedenbergen. Auf seinem Schoß liegt ein vergilbter Vertrag, hinter ihm der Blick in den gepflegten Garten. Er ist noch immer drahtig, braun gebrannt, die Stimme ruhig und sachlich. Kalb ist kein Mann für die große Show.
"Fußball war damals eigentlich schon ein Beruf. Und ich hatte daneben noch einen zweiten." Dass er diese Doppelbelastung auf sich nahm, war kein Zufall, sondern Erziehung. Sein Vater Franz hatte im Krieg ein Bein verloren und wusste genau, wie schnell ein Fundament wegbrechen kann. Die Devise war klar: Lerne etwas Solides! Etwas, das bleibt, wenn die Knie nicht mehr mitmachen oder der Applaus verhallt. Jürgen Kalb wurde Buchdrucker und blieb es, auch als er längst unter dem Flutlicht der Bundesliga stand. "Mein Vater hatte immer Angst, dass ich mich verletzen könnte und dann vor dem Nichts stehe", erinnert sich Kalb heute. Für ihn war die Arbeit kein lästiges Anhängsel, sondern die Lebensversicherung für die Zeit nach dem Fußball.
Viele fragten sich, warum der fitte Jürgen Kalb immer so müde war. Wenn Trainer Erich Ribbeck im Trainingslager morgens an die Zimmertüren klopfte, brauchte Kalb oft einen Moment länger. "Er hat mich einmal gefragt, ob ich mich nachts rausschleichen würde, um feiern zu gehen", erzählt Kalb mit einem Lächeln. Ribbeck wusste eigentlich, dass sein Verteidiger kein Partymacher war, doch er hatte keine andere Erklärung. Die Wahrheit war einfach und sinnvoll: Kalb schlief so tief, weil er schon eine harte Woche mit viel Arbeit und Training hinter sich hatte. Keiner wusste von seinem bürgerlichen Beruf, da er Angst hatte, dass er auffliegen könnte und somit den Job kündigen müsste. Jahre später nach seiner Fußballkarriere traf Kalb seinen alten Trainer Ribbeck und erzählte ihm die Wahrheit über seine Müdigkeit von damals.
Sieben Jahre lang hielt er dieses Pensum durch. Die Zahlen sprechen für sich: Zwischen 1968 und 1975 absolvierte er über 200 Pflichtspiele für die Eintracht, wurde 1974 und 1975 DFB-Pokalsieger und nahm 1972 an den Olympischen Spielen teil. Auf den Siegerfotos sieht man einen erfolgreichen Athleten. Was man nicht sieht, ist die Disziplin eines Mannes, der morgens um fünf die Welt der Buchstaben sortierte, bevor er mittags Tore verhinderte.
Auch finanziell war es eine andere Ära. Laut Kalb gab es rund 800 D-Mark Grundgehalt anfangs für einen Bundesligaspieler, ergänzt durch Prämien. Es war genug für einen gewissen Wohlstand, aber zu wenig für den Ruhestand. "Er hat sich vom Fußball nie blenden lassen", sagt seine Frau Irmgard heute. "Für ihn war wichtig, dass er die Familie noch unterstützen kann, wenn die Karriere zu Ende ist."
Von den Gehältern seiner beiden Berufe konnte sich Jürgen Kalb schon früh ein eigenes Reihenhaus leisten. Sein Blick geht durch das moderne Wohnzimmer. "Viele denken, ich würde mich heute darüber ärgern, dass man inzwischen viel mehr verdienen kann. Aber ich bin froh, dass ich damals gespielt habe. So konnte meine Tochter relativ normal zur Schule gehen, und ich konnte auch einmal in Ruhe einkaufen gehen, obwohl das meistens eher meine Frau übernommen hat."
Gerade diese Normalität unterscheidet Kalbs Karriere von vielen Laufbahnen im heutigen Profifußball. Zwar war auch er in Frankfurt bekannt, wurde auf dem Platz erkannt und in der Stadt auf Spiele angesprochen, doch nach Abpfiff kehrte er in ein Leben zurück, das nicht von Kameras und Schlagzeilen bestimmt war. Kein Beraterstab, keine sozialen Medien, kein dauernder Blick der Öffentlichkeit. Stattdessen Arbeit, Familie, Alltag. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Besonderheit seiner Geschichte: Jürgen Kalb war Bundesligaspieler und blieb doch ein Mann, der mit beiden Beinen im normalen Leben stand.
Auch zu Hause war der Fußball nie das Einzige, um das sich alles drehte. Seine Frau Irmgard hielt ihm den Rücken frei, kümmerte sich um vieles, was im Alltag organisiert werden musste, und trug damit ihren Teil zu diesem Doppelleben bei. "Man musste damals einfach schauen, dass alles läuft", könnte man über diese Zeit sagen. Während andere vielleicht vom großen Glamour des Profifußballs träumten, ging es bei Familie Kalb vor allem darum, Verlässlichkeit zu schaffen. Die Karriere auf dem Platz war wichtig, aber das Leben daneben ebenso.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Kalb heute so ruhig auf seine Zeit zurückblicken kann. Er sagt, er messe den Wert seiner Karriere nicht nur an Pokalen, Einsätzen oder Turnieren, sondern an dem, was sie ihm außerhalb des Stadions ermöglicht hat. "Für mich ging es damals nicht darum, berühmt zu werden. Es ging mir viel mehr um Verantwortung", resümiert Kalb. Finanzielle Sicherheit und Bodenständigkeit seien ihm sehr wichtig gewesen. "Der Fußball brachte mir Erfolge und Erinnerungen. Doch die Arbeit in der Druckerei und der Wille, nie alles auf eine Karte zu setzen, gaben mir im Leben die Form, die bis heute geblieben ist."
Und so ist Jürgen Kalbs Geschichte mehr als die eines ehemaligen Bundesligaspielers. Sie erzählt von einer Zeit, in der Erfolg nicht automatisch Abstand vom Alltag bedeutete. Von einem Mann, der morgens Druckfarbe an den Händen hatte und wenige Stunden später auf dem Rasen gegen die besten Spieler des Landes stand. Und von einem Leben, in dem nicht der große Glanz im Mittelpunkt stand, sondern das, was auch dann noch Bestand hat, wenn das Flutlicht längst erloschen ist.