Rainer Behrens ist 58 Jahre alt - und von Kindesbeinen an mit der Kirmes verwachsen. Mit seinem Fahrgeschäft "Breakdance" bildet der Schausteller eine Symbiose.
Ein dumpfes Zischen, gefolgt von einem metallischen Klackern hallt über den noch leeren Festplatz am Kurt-Schumacher-Platz im Berliner Bezirk Reinickendorf. Erste Sonnenstrahlen erwärmen den Asphalt. In der Luft liegt eine seltsame Mischung aus dem süßlichen Restgeruch gebrannter Mandeln vom Vorabend und dem beißenden Aroma von frischem Diesel. Rainer Behrens kniet vor dem gewaltigen Getriebe des "Breakdance", eines Hochgeschwindigkeitskarussells, bei dem sich die Gondeln auf einer rotierenden Plattform zusätzlich um die eigene Achse drehen. Er setzt die Fettpresse an eine schwer zugängliche Schmierstelle. Die bunten Gondeln hängen noch bewegungslos in ihren Verankerungen wie schlafende Käfer, die auf ihr erstes Lebenszeichen warten. In der Ferne rauscht der Berufsverkehr vorbei.
"Die Leute sehen abends nur das Glitzern und die Musik", sagt der Achtundfünfzigjährige. Seine verwaschene Jeans und der schwarze Pullover lassen ihn jünger wirken. Er hat die Ärmel gekrempelt und gibt den Blick auf die vielen Tattoos auf seinen kräftigen Armen und Händen frei. Unter den Fingernägeln sitzt hartnäckiges Schmierfett, das nach mehrmaligem Waschen nicht ganz verschwindet. Sein kurzes graues Haar steht leicht zerzaust ab, tiefe Falten zieren sein Gesicht. Wenn man ihn so beobachtet, wirkt Rainer Behrens, der sich hier zwischen Zahnrädern, Hydraulikschläuchen und Stahlträgern bewegt, wie ein Teil der Maschine selbst.
"Bevor hier einer auch nur eine Runde fährt, muss jede Schraube kontrolliert werden." Sein raues Lachen hallt über den Platz. "Wenn ich meinen Job richtig mache, merkt ihn niemand. Wenn ich ihn falsch mache, merkt ihn jeder." Seit mehr als 40 Jahren ist Behrens Schausteller. Geboren wurde er in der Welt der Jahrmärkte. Sein Vater betrieb ein kleines Fahrgeschäft, und als Kind verbrachte Rainer seine Ferien zwischen Wohnwagen, Stromkabeln und Karussells. "Andere Kinder kannten Hotelzimmer. Ich kannte Festplätze", erinnert er sich schmunzelnd.
Eigentlich wollte er Kfz-Mechaniker werden und in einer festen Werkstatt arbeiten. "Ich hatte sogar schon eine Stelle in Aussicht." Aber jedes Mal, wenn die Kirmes losging, hat es mich wieder hingezogen. Irgendwann habe ich gemerkt: Das hier ist mein Zuhause." Mit 19 Jahren nach seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker traf er die endgültige Entscheidung für das Leben auf dem Rummel. Eine Familie hat Behrens nie gegründet - der ständige Ortswechsel mache eine feste Partnerschaft unmöglich. "Meine Familie", sagt er ohne Bitterkeit, "sind die Kollegen auf dem Platz und die Stammkunden."
Seit mehr als 35 Jahren lebt er die meiste Zeit des Jahres in einem Wohnwagen. Dort schläft, kocht und wohnt er, während er von Stadt zu Stadt reist. Hinter dem Fahrgeschäft steht sein Zuhause - schlicht, aber gemütlich eingerichtet. "Manchmal wache ich auf und muss kurz überlegen, in welcher Stadt ich eigentlich bin." Er lacht. Meistens ist er in Deutschland unterwegs, gelegentlich zieht es ihn für Gastspiele in benachbarte Länder. Ein festes Haus besitzt er nicht mehr. "Wofür auch? Mein Wohnzimmer steht jede Woche woanders."
Die Freiheit genieße er, auch wenn sie ihren Preis hat. "Man verpasst Geburtstage, Familienfeiern und manchmal sogar Weihnachten. Aber dafür sehe ich Orte, die andere nie kennenlernen." Nur von Januar bis März herrscht Stillstand. Dann parkt Behrens seinen Wohnwagen auf einem alten Gewerbehof in der Nähe von Berlin, wo er große Reparaturen wie das Lackieren der Gondeln oder die kompletten Überholungen des Getriebes durchführt und die einsamen, dunklen Wochen bis zum Saisonstart zählt.
Die Entscheidung für den Breakdance fiel ihm nie schwer. Anfang der Neunzigerjahre kaufte er die Maschine für mehrere Hunderttausend Mark, eine riesige Summe, die er über viele Jahre mit einem Bankkredit und hart erspartem Geld abbezahlte. Er blickt kurz hoch zu den Gondeln. "Weil das Ding lebt", sagt er und klopft gegen einen Stahlträger. "Kein anderes Fahrgeschäft hat so viel Energie." Schon als junger Mann faszinierte ihn die Mischung aus Geschwindigkeit, Musik und Technik. "Beim Breakdance bewegt sich alles gleichzeitig. Die Plattform dreht sich, die Kreuze drehen sich, die Gondeln drehen sich. Das ist kontrolliertes Chaos." Er grinst. "Und genau das liebe ich daran."
In den frühen Morgenstunden, lange bevor die ersten Gäste kommen, müssen die täglichen Wartungen durchgeführt, Sicherheitskontrollen dokumentiert, die Beleuchtung geprüft und technische Probleme behoben werden. Oft endet sein Tag erst weit nach Mitternacht. "Man ist Mechaniker, Elektriker, Verkäufer, Entertainer und manchmal sogar Psychologe in einer Person. Wenn ein Kind Angst hat, musst du es beruhigen. Wenn eine Sicherung rausfliegt, musst du sie finden. Und wenn es regnet, musst du trotzdem weitermachen."
Herausforderungen gibt es einige. "Die Kosten fressen einen manchmal fast auf." Strompreise, Platzmieten und Sicherheitsauflagen seien in den vergangenen Jahren stark gestiegen. "Früher hat man sich mehr auf das Geschäft konzentriert. Heute sitzt man abends oft noch über Rechnungen." Trotzdem würde er niemals tauschen wollen. "Ein Büro? Acht Stunden auf denselben Bildschirm schauen? Das wäre nichts für mich." Am Nachmittag verändert sich die Atmosphäre auf dem Platz schlagartig. Wo morgens noch Werkzeugkästen standen, drängen sich nun Familien, Jugendliche und neugierige Besucher. Ein tiefer Bass setzt ein, die ersten Lichter flackern auf. Rainer Behrens steigt die drei Stufen zu seiner verglasten Kabine hinauf, setzt sein Headset auf und legt die Hand auf das Steuerpult.
"Zusteigen, dabei sein, wir drehen die nächste Runde!", ruft er ins Mikrofon. Die Gondeln erwachen zum Leben. Musik dröhnt, Neonfarben spiegeln sich in den Gesichtern, während die Arme des Fahrgeschäfts immer schneller rotieren. "Man muss ständig konzentriert bleiben", erklärt er. "Die Leute denken, ich drücke einen Knopf und fertig. Aber ich habe jede Gondel im Blick."
Die Fahrgäste steigen noch immer kreischend aus. Jugendliche lachen, Kinder rennen aufgeregt zu ihren Eltern. Diese Momente sind es, die ihn antreiben. "Das ist der schönste Teil des Tages. Wenn jemand mit einem Grinsen aussteigt und direkt noch einmal fahren will. Dann weiß ich, warum ich das alles mache."
Für ihn ist der Breakdance mehr als nur ein Fahrgeschäft geworden. "Diese Maschine hat eine Seele", sagt er fast zärtlich. "Ich kenne jedes Geräusch. Wenn irgendwo etwas anders klingt als sonst, merke ich das sofort." Auch wenn die Knochen nach einem langen Tag schmerzen, denkt er nicht ans Aufhören. "Rente?", fragt er lachend. "Und was mache ich dann? Den ganzen Tag auf dem Sofa sitzen?" Er schüttelt den Kopf. "Solange ich die Treppe zur Kabine hochkomme, bin ich hier." In seiner Hand glimmt eine Zigarette. "Das hier ist meine Welt", sagt er leise. "Und ehrlich gesagt kann ich mir keine bessere vorstellen."